Nationalismus

Bizarre Bodychecks zwischen Rumänen und Ungarn

Die rumänische Hymne, deren Verse angriffslustig, gnadenlos und siegreich klingen, hat seit Monaten keinen Lauf. Ein bizarrer Vorfall erregt ungarische und rumänische Gemüter.

Foto: ws

Erwache Rumäne, aus deinem Schlaf des Todes,
In welchen Dich barbarische Tyrannen versenkt haben!
Jetzt oder nie, webe Dir ein anderes Schicksal,
Vor welchem auch Deine grausamen Feinde sich verneigen werden
(Erste Strophe der rumänischen Hymne "Desteapta-te, romane!")

Wenn Sport der Krieg der Demokratien ist, dann sind Nationalhymnen ihre Schlachtgesänge. Beim Eishockeyspiel zwischen Rumänien und Ungarn Mitte Dezember in der siebenbürgischen Stadt Miercurea Ciuc schwiegen die rumänischen Spieler bei der eigenen Hymne – sangen aber dann die des Gegners. Eine Erklärung für dieses Verhalten, das die nationalistischen Ressentiments hochkochen lässt: 24 von 26 Spielern der rumänischen Nationalmannschaft sind ungarischer Abstammung.

"Szeklerland - Ungarn 4:1"

Die meisten von ihnen verdienen ihr Geld beim rumänischen Meister SC Miercurea Ciuc, der seit 2010 den ungarischen Namen der Stadt (Csíkszereda) trägt. Der Verein wurde 1929 gegründet und seine Mitglieder gehörten damals ausschließlich der ungarischsprachigen Volksgruppe der Szekler an. Auch heute noch stellen die Szekler die Bevölkerungsmehrheit in der Region, dem so genannten Szeklerland .

Seit 2007 gewinnt der Klub jedes Jahr die rumänische Meisterschaft und gilt als größter Rivale von Rekordmeister Steaua Bukarest.

Für noch mehr Aufruhr sorgte nach dem Spiel der rumänische Kapitän Tihamer Becze. Der ungarischen Presse sagte er, nicht Rumänien, sondern das Szeklerland habe Ungarn 4:1 besiegt. "Die Rumänen haben mit diesem Sport nichts zu tun, und wenn die Ungarn nicht mehr auflaufen, wäre Rumänien der Prügelknabe Europas", wird Becze zitiert.

Die große nationale Empörungswelle rollt

Solche Sätze und das Verhalten der Sportler lösten sofort eine heftige Gegenreaktion aus - nicht nur bei den üblichen verdächtigen nationalistischen Politikern. Corneliu Vadim Tudor, Europa-Parlamentarier und Chef der Großrumänien-Partei, tobte, forderte den Ausschluss der Spieler aus der Nationalmannschaft und beschimpfe sie als "Bestien". Die rechtsextreme Organisation "Noua Dreapta" verlangte auf Plakaten "Stoppt die Magyarisierung des rumänischen Eishockeys".

Auch Ex-Tennis-Star Ilie Nästase ballerte gegen die Sportler ("Wenn sie wollen, sollen sie die ungarische Hymne in Ungarn singen") - und bemühte sich, dem Ganzen eine historische Dimension zu geben: "Es wird noch so weit kommen, dass die ihre Fahne auf unserem Triumphbogen hissen. Ich kenne nirgendwo auf der Welt eine Minderheit, die so viele Rechte wie die ungarische bei uns hat. Ich hab's schon mal gesagt, aber mir hört keiner zu: Warum haben wir, Rumänen, nicht die gleichen Rechte in Budapest?"

Moralinsauer sprach der frühere Steaua- und Nationalmannschaftstrainer Emerich Jenei zu den Völkern und Minderheiten: "Egal, welcher Ethnie du angehörst, du musst die Farben deiner Mannschaft respektieren. Ich bin ungarischer Abstammung - und stolz darauf. Aber ich habe Rumänien, dessen Staatsbürger ich bin, immer geehrt." Schuld am Hymnen-Eklat sei die Erziehung der Spieler. Keiner zwinge sie, die rumänische Hymne mitzusingen, aber aus Respekt für das Mannschaftstrikot hätten sie auch bei der ungarischen schweigen sollen.

Angebliche Morddrohungen gegen Spieler

Einer der das nicht getan hat, ist Peter Levente. Der 25-jährige Nationalspieler behauptet, sein Facebook-Konto geschlossen zu haben, weil er Morddrohungen erhielt. Das Boulevard-Blatt "Libertatea" hatte zuvor einen Dialog von Leventes-Profil veröffentlicht, in dem sein Verhalten von ungarischstämmigen Fans gelobt wurde und er sich dafür bedankte.

Die Zeitung zitiert jetzt Levente mit den Worten: "Ich verstehe das Problem nicht. Ich bin Ungar und habe die ungarische Hymne gesungen. Die rumänische kann ich gar nicht."

Was ist eigentlich los im (ungarisch-)rumänischen Eishockey?

Schon vor dem Hymnen-Eklat hatte eine andere Eishockey-Affäre für viel Zündstoff gesorgt. Am 1. Dezember, dem rumänischen Nationalfeiertag (gedacht wird der Vereinigung Siebenbürgens mit dem alten Königreich 1918) trainierte in Miercurea Ciuc die U-16-Eishockey-Nationalmannschaft.

Ein rumänischer Spieler, Florin Cosmin Marinescu, soll seine Teamkameraden aufgefordert haben, "zumindest heute, am 1. Dezember" in der Umkleide Rumänisch zu sprechen. Daraufhin, so berichtet die Landespresse, haben ihn drei Mitspieler mit nassen Handtüchern verprügelt. Der Spieler verließ daraufhin das Trainingslager.

Der rumänische Eishockeyverband und dessen Präsident, Tanczos Barn, haben den Vorfall bedauert und kritisiert. Marinescu ist inzwischen in die Nationalmannschaft zurückgekehrt.

Kaiser Trajan oder Präsident Traian Basescu?

Auch abgesehen vom eisigen Sportstreit hat die rumänische Nationalhymne keinen richtigen Lauf. Im August, bei der Eröffnung des neuen Stadions "Arena Nationala" in Bukarest, ließ der Sänger der Hymne die Verse "Dass wir in unseren Herzen stets mit Stolz einen Namen tragen, / Den Sieger seiner Kämpfe, den Namen von Trajan" einfach weg.

Die Begründung danach: Die Zuschauer würden bei Trajan nicht an den römischen Kaiser und Dakien-Eroberer (regierte von 98 bis 117) , sondern an den Präsidenten Traian Bäsescu (im Amt seit 2004) denken. Und das könne man politisch, als Ehrerweisung, interpretieren.

Muss eine neue Hymne her?

"Desteapta-te romane!", das Lied der bürgerlichen Revolution von 1848 und der antikommunistischen von 1989, habe große Verdienste in der rumänischen Geschichte, sei aber psychologisch völlig überholt. Das urteilt der Kulturhistoriker und Ex-Außenminister Andre Plesu in einem Beitrag für die Zeitschrift "Dilema Veche" .

Die zur Zeit gültige Hymne beschreibe die komatöse Lage eines unterdrückten Volkes, in ihr wimmele es von Tyrannen und grausamen Feinden und das Wort "Tod" komme in drei von vier Strophen vor. Kurzum: ein Lied der schlechten Laune, das man der heutigen Generation nicht mehr antun könne.

Plesu plädiert für ein neues musikalisches Identitätsstück, das von Zuversicht und Glück spricht und gute Stimmung verbreitet.

Der Vorschlag, könnte auch dem rumänischen Eishockey gut tun.