Afghanischer Alltag

Die leeren Käfige im Kabuler Zoo

Kaum Tiere, viele Besucher und ein verbannter vierbeiniger Schmuddel-Star: Der Zoologische Garten von Kabul bewährt sich nach Jahren der Vernachlässigung als Oase des Friedens.

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Abseits, schamhaft versteckt und einsam lebt das einzige Schwein Afghanistans. Das berühmteste Tier des Zoologischen Gartens von Kabul heißt Khunzir und sorgte im Mai 2009 für Schlagzeilen. Damals musste der kerngesunde Eber in Quarantäne, weil der weltweite Ausbruch der Schweinegrippe den Besuchern des Zoos Angst machte.

Damit wurde es noch einsamer um Khunzir, der 2002 als männlicher Teil eines Paares aus China an den Tierpark am Ufer des Kabul-Flusses kam. Seine Gefährtin starb kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Afghanistan und ließ Khunzir allein in dem streng muslimischen Land zurück, in dem es aus religiösen Gründen verboten ist, Schweinefleisch zu essen und jegliche Produkte schweinischer Herkunft zu verwenden.

10.000 Besucher am Wochenende

Inzwischen ist Khunzir wieder zu besichtigen. Die Zoo-Besucher kommen in Scharen, auch wenn sie ihn nicht besonders mögen. Schweine gelten im Islam und zumal in Afghanistan ebenso wie Hunde als unrein. Khunzir musste deshalb auch sein Gehege am Eingang des Parks für eine Dromedar-Familie räumen. Das weiße Schwein lebt nun in einer verwahrlosten Ecke des Zoos hinter ausrangierten Karussells, die still vor sich hin rosten. Die Besucher kommen in einer Mischung aus Neugier und Ekel an Khunzirs Käfig. Aber sie kommen.

Nach Jahren des Niedergangs ist der Zoo von Kabul wieder ein Publikumsmagnet in der rasch expandierenden Hauptstadt. Etwa 2000 Menschen besuchen die Anlage an einem Wochentag; am Wochenende machen bis zu 10.000 Afghanen einen Ausflug auf das hübsche Gelände. Kabul ist mit Attraktionen nicht gerade gesegnet. Die Stadt hat neben dem Babur-Garten und dem Shar-e-Now-Park keine anderen Grünanlagen zu bieten, in denen die Einwohner sich von Alltagsstress und der schlechten Luft der Stadt erholen können.

Schlechte Bedingungen für die Tiere

Der Eintritt ist mit zehn Afghanis (15 Cent) kein besonders günstiges Vergnügen für eine afghanische Großfamilie. Das durchschnittliche Einkommen in Afghanistan liegt bei nur etwa 390 Euro – im Jahr. Doch gerade in Kabul haben viele Menschen von den Milliardenhilfen profitiert, die die internationale Gemeinschaft seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2003 in das arme Land pumpt. Zwischen 2004 und 2010 ist das Durchschnittseinkommen nach Angaben der Regierung um das sechsfache gestiegen. Kabuls Mittelklasse wächst, kann sich Autos und Ausflüge leisten.

Auch der 1967 eröffnete Zoo profitiert von den Aufbaumitteln und der westlichen Expertise. Dennoch ist der Park weit von seinen besten Jahren entfernt. In seiner Blütezeit beherbergte der Zoo rund 500 Tiere, heute sind es offiziell nur noch 280. Die Bedingungen sind nach wie vor schlecht. Die chinesische Regierung, die seit 2002 die meisten Tiere an Kabul verschenkte, hat offen ihre Sorge um das Wohlergehen und die Sicherheit ihrer lebenden Gaben bekundet. Neben der Partnerin von Eber Khunzir starben bereits ein Bär und ein Hirsch, die aus dem Reich der Mitte exportiert worden waren.

Löwe Marjan war der Stolz des Tierparks

Doch die Tiere im Kabuler Zoo haben auch schon schlechtere Tage gesehen. Sowjetische Soldaten sollen sich während der Besatzung in den 80er-Jahren einen Spaß daraus gemacht haben, sie abzuschießen. Später erlegten Taliban-Kämpfer das Wild und die Hasen, um sie zu essen. Zwei Elefanten und ein Zebra sind bei einem Schusswechsel zwischen zwei rivalisierenden Fraktionen während des Bürgerkrieges in den 90er-Jahren getötet worden. Ein Raketenangriff zerstörte die Papageien-Voliere.

Es passt zu Afghanistans tragischer Geschichte, dass auch der beliebteste Zoo-Bewohner tot ist: Der Löwe Marjan war zu Lebzeiten der Stolz des Tierparks. Sein leidvolles Schicksal machte ihn zu einem nationalen Symbol des Widerstandes und Heldentums. Marjan kam als Löwenkind Ende der 70er-Jahre aus Deutschland in den Zoo am Hindukusch. Die Zoowärter tauften den Neuankömmling Marjan, was so viel wie „Koralle“ bedeutet.

Raubkatze verlor Auge, Gehör und Zähne

Welcher Teil Deutschlands den Löwen schenkte, lässt sich kaum noch ermitteln. Einige glauben, Marjan stamme aus dem Kölner Zoo, andere sagen, die damalige DDR habe das Tier als Geste des diplomatischen Austausches an Afghanistan verschenkt. 1993, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, sprang ein junger Mann beherzt in den Löwenkäfig. Die Mutprobe ging nicht gut für ihn aus. Marjan tötete den Eindringling. Einen Tag später nahm der Bruder des Getöteten Rache und bewarf das Tier mit einer Handgranate. Die Raubkatze überlebte das Attentat, verlor aber ein Auge, ihr Gehör und ihre Zähne.

Der Handgranaten-Werfer wurde von wütenden Menschen angegriffen und verstarb eine Woche später an seinen Verletzungen. Der kriegsversehrte Löwe hingegen lebte noch bis Anfang 2002 im Zoo, bewundert und verehrt. Kabul nahm von seinem tierischen Helden, der jahrzehntelangen Krieg und den Taliban-Terror überlebt hatte, mit einem öffentlichen Begräbnis auf dem Zoogelände Abschied.

Marjans Käfig im Zoo ist bis heute leer. Marjan wird fast so sehr verehrt wie der 2001 getötete afghanische Nord-Allianz-Kommandeur Ahmed Schah Massud, dessen Konterfei überall in Kabul zu sehen ist. Am Eingang des Tierparks erinnert ein Bronze-Denkmal an das legendäre Raubtier, beliebtes Hintergrundmotiv für Erinnerungsfotos.

Der Umgang der Zoo-Besucher mit den Tieren ist rau: Ein Kind bewirft einen Braunbären mit einer Plastik-Wasserflasche. Eine Gruppe von Männern versucht mit Holzstöcken die Schleiereulen in ihrem Käfig zu wecken. Auch die Wölfe, die viele Besucher für große Hunde halten, werden geärgert. Die grausame Vergangenheit des Landes habe die Menschen abgestumpft, sagt Zoo-Direktor Aziz Gul Saqib. Der in Indien ausgebildete Chef des Tiergartens weiß, dass er einen harten Kampf für die Wiederbelebung des Zoos führt.

„Viele Leute kommen hierher. Es ist wie Urlaub für sie“, sagt Gulam, der in einem kleinen Zelt in einem leeren Tierkäfig wohnt. Seit zwei Monaten lebe und arbeite er hier. Zwei Frauen mit himmelblauer Burka und einer Schar kleiner Kinder haben sich neben dem von Gulam bewohnten Gehege niedergelassen und trinken Tee aus einer Thermoskanne. Die Anlage ist einer der wenigen Plätze in Kabul, an denen Frauen und Kinder meist in Ruhe gelassen werden.

Wenig Sicherheit im Zoo

Afghanistan ist streng konservativ und die Männer geben in der Gesellschaft den Ton an. Auch zehn Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes haben Frauen im Alltag keinen leichten Stand. Ohne Herrenbegleitung müssen sie auf der Straße Spott, böse Bemerkungen, Beschimpfungen und aufdringliche Avancen über sich ergehen lassen. Der Zoo verschafft ihnen ein wenig Sicherheit.

Die Besucher des Tiergartens von Kabul sind nicht anspruchsvoll. Sie suchen nicht nach Pandabären oder anderen exotischen Tieren wie in anderen Zoos. Die Menschen genießen die Ruhe und die Abwechslung. Der Zoo von Kabul macht Mut für die Zukunft eines Landes, in dessen leidvoller Vergangenheit eines noch seltener war als Schweine: Frieden.