Ägyptische Militär-Gewalt

"Manchmal schreit sie vor Schmerzen"

| Lesedauer: 6 Minuten
Dietrich Alexander

Azza Suleiman ist das Gesicht der Revolution. Die Tochter eines Generals wurde auf dem Tahrir-Platz in Kairo fast totgeschlagen. Jetzt klagt sie an.

Azza Kamal Suleiman hat ihre Zivilcourage fast mit dem Leben bezahlt: doppelter Schädelbruch, Schnittwunden im Gesicht, schwere Prellungen am ganzen Körper. Die mutige Ägypterin schritt ein, als es darum ging, das Leben einer anderen Frau zu schützen.

Am 17. Dezember, auf den Tag genau ein Jahr nachdem der tunesische Straßenhändler Mohammed Bouazizi mit seiner Selbstverbrennung auslöste, was jetzt „arabischer Frühling“ genannt wird, knüppelten ägyptische „Sicherheitskräfte“ am Rande einer Demonstration am Tahrir-Platz in Kairo eine schwarz verschleierte Studentin nieder. Sie rissen ihr die Kleider vom Leib, traten auf ihren Kopf, auf ihre Brust und ließen sie halb nackt in ihrer blauen Unterwäsche auf der Straße liegen.

Die Soldaten hätten die junge Frau mit ihren langen Stöcken und ihren schweren Kampfstiefeln wohl getötet, so wie 16 andere Menschen an diesem Tag. Doch plötzlich tauchte ein neues Opfer auf: Azza. Die 48 Jahre alte geschiedene und arbeitslose Tochter eines inzwischen verstorbenen Generals der ägyptischen Streitkräfte war zufällig am Ort des Gewaltausbruchs, unbeteiligt, aber nicht unberührt.

Azza als Opfer des entfesselten Militärmobs

Als sie die Brutalität der Schläger sah, warf sie sich schützend über die bewusstlos am Boden liegende Frau und wurde dann selbst Opfer des entfesselten Militärmobs.

Videos dieser Szenen gehen um die Welt und stellen die Redlichkeit des regierenden Obersten Militärrates infrage, wirklich demokratische Strukturen am Nil etablieren oder auch nur etwas an den Machtverhältnissen ändern zu wollen. Die Entblößung einer Frau und offene Gewalt gegen sie sind in der überwiegend konservativ-islamischen ägyptischen Gesellschaft Tabus.

Ihr dokumentierter Bruch führt zu großem Entsetzen und Gegenwehr selbst solcher Bürger, die sich bisher an der Revolution nicht beteiligt haben. Der Militärrat sieht sich genötigt, eine öffentliche Bitte um Entschuldigung auszusprechen verbunden mit der Zusage, die Täter zur Rechenschaft ziehen zu wollen.

Mehr als zwei Wochen ist das her, zu einer Anklage ist es nicht gekommen und wird es wohl auch nicht. Zu oft haben die Ägypter die leeren Versprechungen der neuen Herrscher gehört, ihr Glauben an eine neue Zeit schwindet.

Studentin möchte anonym bleiben

Die entblößte und damit gesellschaftlich entehrte konservative Studentin möchte nach mehrtägiger Rehabilitation in einer Kairoer Klinik im Schutz der Anonymität bleiben. „Es macht doch keinen Unterschied, ob ich mit den Medien spreche oder nicht“, sagte sie dem ägyptischen Reporter Hassan Mahmud von der Zeitung „al-Badil“, der Zeuge der brutalen Szene war. „Dass die Soldaten mich entblößt haben, reicht doch, um sie zu entlarven. Das müsste auch jenen die Augen öffnen, die noch immer an die Militärs glauben.“

Azza Kamal Suleiman aber versteckt sich nicht in der Anonymität, sie will nicht schweigen. Öffentlich klagt sie an und sagt, wie es war an jenem 17. Dezember, der ihr Leben unwiderruflich verändert hat. „Ich habe versucht, die junge Frau zu schützen und sie fortzuziehen, aber sie schlugen immer weiter“, sagte sie vom Krankenbett aus dem CNN-Reporter Mohammed Dschamdschum. „Danach habe ich nichts mehr gefühlt.“

"Unaufhörlich wurden Azza und ich geschlagen"

Andere kommen zu Hilfe, der Geschäftsmann Ehab Schaban zum Beispiel. Auch er wird geschlagen und sogar beschossen. Seine Gegenwart rettet Azza vermutlich das Leben. „Azza hat den nackten Körper der jungen Frau bedeckt“, sagte er „Morgenpost Online“. „Dann wollten wir sie aufheben und in eine Feldklinik bringen. Doch plötzlich verspürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Bein. Unaufhörlich wurden Azza und ich geschlagen.“

Erst als er regungslos liegen geblieben sei, habe man von ihm abgelassen. Im Krankenhaus holen die Ärzte später eine Kugel aus seiner Wade, die im Kniebereich eingedrungen und dann dort stecken geblieben ist. „Ich habe nicht gedacht, dass sie wirklich scharfe Munition gegen ihre eigenen Leute einsetzen würden.“

Mohammed Mari, ein bekannter ägyptischer Aktivist, sagte „Morgenpost Online“, Azza sei inzwischen auf dem Weg der Besserung, sie brauche aber noch lange medizinische Versorgung. Sehr viele Oppositionelle hätten sie im Krankenhaus besucht.

Azza ist das Gesicht der Revolution

Azza sei so etwas wie das Gesicht der Revolution geworden. Auch Ehab Schaban, ihr Begleiter an jenem verhängnisvollen Tag, war schon mehrfach bei ihr. „Die Kopfverletzungen“, sagt er, „sind sehr schlimm, sie machen ihr schwer zu schaffen. Manchmal schreit sie vor Schmerzen.“

Die schweren Wunden verheilen langsam, Verbitterung und Trauer bleiben. „Es gibt keine Gerechtigkeit hier“, sagt sie dem US-Fernsehsender CNN. „Wie lange soll das noch so weitergehen? Wir wollen doch nur frei sein in unserem eigenen Land. Wir werden unterdrückt von der Polizei und von der Armee. Wie lange wollen sie uns noch töten, mit welchem Recht tun sie uns das an?“

Ihre eigene Familie sei nicht wie die Militärs heute, sie sei anständig und rein. „Was heute im Militär geschieht, ist schmutzig – Menschen ohne Gewissen, Gnade oder Menschlichkeit. Doch wir werden nicht schweigen. Wir werden den Staat nicht in dem verwahrlosten Zustand hinterlassen, in dem er sich zurzeit befindet.“ Azzas Stiefschwester Wafa Ahmed scheint da weniger optimistisch zu sein: „Ich bin nur froh, dass Azzas Vater diesen Tag nicht mehr erleben musste.“

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