Optimistischer Ausblick

Tunesien wird leuchtendes Vorbild für die Nachbarn

Nicht Islamismus, sondern Demokratie in muslimischen Ländern bringt der Arabische Frühling hervor: Dietrich Alexander sieht die Zukunft der Region positiv.

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Der politische Islam ist tot. Alle Versuche, einen Gottesstaat auf den Grundlagen der reinen Lehre zu etablieren, sind fehlgeschlagen. Er hat sein Ableben nach kurzer ideologischer Blüte im Afghanistan der Taliban mit ihrem menschenverachtenden Stammesislam, im Unrechtssystem des Sudan oder im Iran, der heute einer theokratischen Diktatur gleicht, selbst verschuldet durch Pervertierung einer Weltreligion.

Er wird deshalb auch nicht wiederauferstehen. Weder in Ägypten, wo die Muslimbrüder und – noch bedenklicher – die radikal-islamischen Salafisten die Wahlen gewinnen werden, noch in Tunesien (wo ebenfalls die Muslimbruderschaft zur wesentlichen politischen Kraft geworden ist). Auch nicht in Libyen, wo die Stammesgesellschaft sich von dem Totalitarismus eines bizarren Demagogen befreit hat und es nur schwer vorstellbar ist, dass die Menschen gern vom Regen in die Traufe möchten.

„Al-hall fil Islam“ (die Lösung liegt im Islam) – mit diesem simplen Leitsatz rekrutieren die islamistischen Bauernfänger von Marokko bis Indonesien ihre Jünger. Sie suggerieren den von der Moderne Enttäuschten, eine neue gerechtere Gesellschaft auf den überkommenen Werten aufbauen zu wollen, und zitieren gern die verklärte islamische Urgemeinde des Propheten Mohammed als Vorbild für einen modernen Gesellschafts- und Lebensentwurf.

Sie verschweigen dabei aber ihre eigene Rückwärtsgewandtheit und ihre Modernitätsverweigerung. Sie sagen den Menschen nicht, dass ihrem Weltbild große persönliche Unfreiheit sowie eine fatale Religionshörigkeit immanent ist.

Die Menschen sind für etwas anderes aufgestanden

Der Islam gilt vielen Fanatikern als einigender Deckmantel für ihren zuweilen barbarischen Totalitarismus in Rechtsprechung und Gesellschaftsbild, weil sie eine politisch tragfähige Agenda nicht haben. Gern versammeln sie sich unter dem grünen Banner des Islam, um ihren höchst egoistischen Zielen eine höhere Legitimation zu verleihen. Doch ihre Religionsdiktatur lässt den Menschen keine Luft zum Atmen und macht sie zu geborenen Verlierern der Globalisierung.

Allein: Die Menschen des „arabischen Frühlings“ sind für etwas anderes aufgestanden. Sie nehmen die Allmacht selbst ernannter Machteliten nicht mehr hin, die schon deshalb reformfeindlich sind, weil sie selbst die größten Profiteure arabischer Impotenz sind.

Die „göttlich inspirierten“ Islamisten mit ihren kostenlosen Sozialleistungen, Bildungsmöglichkeiten und ihrer nur scheinbar identitätsstiftenden „Back to Islam“-Propaganda werden nicht bestehen können. Sie haben keine nachhaltigen Lösungen für die elementaren sozialen und wirtschaftlichen Probleme, werden sich selbst entlarven und ihre Unfähigkeit unter Beweis stellen, wo immer sie an die Macht gelangen. Es sei denn, sie werfen ihren ideologischen Ballast über Bord, um in den aufgeklärten Ländern der jungen Netzwerker politisch überleben zu können.

Die Lösung liegt nicht im Islam, jedenfalls nicht dort allein. Die Tunesier haben die Revolution vor mehr als einem Jahr angestoßen und sich als Musterknabe demokratischer Transformation erwiesen. Europa wird schon aus eigenem Interesse an Frieden und Prosperität im südlichen Mittelmeerraum alles daransetzen, Tunesien zum Erfolgsmodell und leuchtenden Beispiel zu machen. Das kleine Land wird gewissermaßen zum Gesellenstück des alten Kontinents, um allen anderen arabischen Völkern zu zeigen, wie erfolgreich ein pluralistisches System mit islamischer Prägung sein kann. Bereits jetzt ist der Wandel in dem traditionell Europa zugewandten Land irreversibel.

Die Tunesier werden genauestens beobachtet von den arabischen Bruderstaaten. Ihr Weg wird dem türkischen sehr ähnlich sein: Eine konservativ-religiöse Regierung mit grundsätzlich demokratischer Ausrichtung und offenen Märkten.

Die Monarchien Marokko und Jordanien werden folgen, weil ihre Könige Mohammed VI. und Abdullah II. mit vorsichtigen Reformen der Protestbewegung die Spitze nehmen und darüber hinaus über eine höhere Legitimation verfügen als all die Ben Alis, Husni Mubaraks, Muammar al-Gaddafis oder Baschar al-Assads der sogenannten arabischen Republiken.

Die Menschen verdienen Respekt

Die übrigen Länder des arabischen Erwachens, vor allem Libyen und Syrien, müssen durch ein tiefes Tal der Tränen gehen, bevor sie Anschluss an die – auch wirtschaftlich – erfolgreichen Bruderländer gewinnen. Denn auch Libyer und Syrer wollen in ihrer überwältigenden Mehrheit die Gleichberechtigung von Mann und Frau, technologischen Fortschritt, freie Meinungsäußerung, freie Ausübung der Religion und eine parlamentarische Demokratie, die sich auf eine Verfassung stützt. Sie wollen weder Säkularismus noch Theokratie, sondern ein demokratisches System mit religiösen Grundwerten.

Die überwiegend jungen Menschen des „arabischen Frühlings“ verdienen Respekt und haben ein Anrecht auf Unterstützung. Auf Dauer, das lehrt die Geschichte, lassen sich autokratische Systeme nicht aufrechterhalten, weil sie dem Bürger nicht dienen, sondern ihn als potenziellen Feind betrachten.

„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen“, sagte der britische Kriegspremier Winston Churchill in einer Unterhausrede am 11. November 1947, „außer aller anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.“

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