Kim Jong-un

Nordkoreas neuer Diktator hat es ziemlich eilig

Kim Jong-il hatte vor seinem Tod nicht mehr genug Zeit, um seinen Sohn zu inthronisieren. Jetzt läuft Kim Jong-un die Zeit davon.

Foto: REUTERS

Unter Chinas Bloggern macht ein Drei-Minuten-Fernsehfilm die Runde. Das Nachrichtenfeature des chinesischen Senders CCTV zeigt, wie Nordkoreas inzwischen gestorbener Machthaber Kim Jong-il am 25.Oktober Pekings siebthöchsten Politiker Li Keqiang empfängt.

Li wollte damals Pjöngjangs Führung überzeugen, dass es in ihrem Interesse sei, bessere Beziehungen zu den USA aufzunehmen und zu den Sechsparteiengesprächen über die Atomabrüstung zurückzukehren. Der 28-jährige Sohn Kim Jong-un rückte bei der Begrüßung Lis, der als künftiger Premier Chinas gehandelt wird, groß mit ins Bild. Er saß auch beim Gruppenfoto direkt neben ihm. Nur bei dem wichtigsten Termin, den Gesprächen seines Vaters mit Li, fehlte er.

Sieben Wochen vor seinem Ableben war Diktator Kim dabei, seinen Sohn als Nachfolger international vorzustellen, aber noch nicht bereit, ihn auch in seine Gespräche einzubeziehen. Das letzte offiziell veröffentlichte Foto zeigt beide am 15. Dezember, zwei Tage vor Vater Kims Tod. Das Bild ist eine Botschaft zur künftigen Machtverteilung. Der 69-Jährige steht auf der Rolltreppe eines neuen Einkaufszentrums in Pjöngjang, drei Stufen vor seiner mächtigen für Wirtschaftsplanung zuständigen Schwester Kim Kyong-hui. Weitere drei Stufen dahinter sind Kim Jong-un und der Schwager des Diktators, Jang Song-thaek, zu sehen.

Schwester und Schwager ließ der Diktator im Oktober 2010 gemeinsam mit seinem Sohn in hohe Militärränge befördern. Die Verwandten wurden nach feudaler Tradition als Königsmacher für den Sohn bestellt.

Kim Jong-il wollte seinen Sohn offensichtlich Zug um Zug inthronisieren, doch der Tod kam dazwischen. Kim junior läuft nun die Zeit weg. Er hat es so eilig, seine Nachfolge abzusichern, dass er die traditionell vorgeschriebene Trauerzeit nicht einhielt. Am Weihnachtstag, sieben Tage nach dem Tod des Vaters, aber nur fünf Tage nach Beginn der offiziellen Trauerfeiern, ließ er sich offiziell als Führer der riesigen, 1,1 Millionen Mann starken Armee und der Arbeiterpartei preisen, obwohl er beide Ämter noch nicht innehat.

Kim Jong-un wählte das Datum bewusst. Am 24. Dezember 1991 war sein Vater Kim Jong-il zum Oberkommandierenden der Armee ernannt worden. Das war allerdings noch zu Lebzeiten von Präsident Kim Il-sung und von diesem auch so gewollt. Als der Patriarch 1994 starb, konnte sein Sohn seine bis 1997 dauernde Trauerzeit antreten, in der er keine öffentlichen Aufgaben übernahm. In Wirklichkeit herrschte er bereits aus dem Hintergrund über Armee und Partei.

"Kim kann sich eine Trauerphase nicht leisten"

Ungewöhnlich ist auch, dass Kim junior seit 20.Dezember schon dreimal vor dem Sarg des Vaters Trauerbekundungen abnahm, zuletzt am 24.Dezember. Höchste Militärs machten ihm dabei ihre Aufwartung. Sein Onkel Jang Song-thaek stand ihm in Generaluniform zur Seite ebenso wie die Tante. Es war nicht nur ein Loyalitätsbekenntnis der Armee zu ihm, sondern auch eine Demonstration, dass der neue Führer der Politik Nordkoreas, bei der das Militär das Sagen vor der Partei hat, verpflichtet bleiben will.

„Kim kann sich eine Trauerpause nicht leisten“, sagt Nordkorea-Forscher Zhang Liangui von Chinas Parteihochschule. Er müsse Vertraute schnell in Positionen bringen, die seine Machtausübung garantieren. „Die kritischste Phase, ob ihm das gelingt, kommt nach Ende der Trauerzeit innerhalb des ersten Halbjahres.“

Kims Tod kam in einem Moment, als wieder Bewegung im Atomwaffenstreit mit Nordkorea aufkam, die asiatisch-pazifische Region ist deshalb nun zum Schauplatz hektischer Diplomatie geworden. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak stoppte den vom Norden attackierten Aufbau von drei „Weihnachtstürmen“ an der verminten Grenze. Er erlaubte zudem, dass die frühere First Lady Südkoreas, Lee Hee-ho (90), deren gestorbener Präsidentengatte Kim Dae-jung zum Aussöhnungsgipfel 2000 mit Diktator Kim nach Pjöngjang reiste, am Montag zum privaten Kondolenzbesuch nach Nordkorea fuhr . Sie wurde von der Chefin der Konzerngruppe Hyundai, Hyun Jeong-eun, begleitet.

Auch Chinas Führer geben sich offiziell gelassen. Aber Peking geht auf Nummer sicher: Mitte vergangener Woche wurden die Grenztruppen um 30.000 Mann verstärkt. China will vorbereitet sein, falls es zu inneren Wirren und einem Ansturm von Flüchtlingen kommen sollte. Vor 35 Jahren befand sich China in ähnlicher Lage. Despot Mao Tse-tung starb am 9.September 1976 in einem heruntergewirtschafteten Staat, ohne eine stabile Nachfolge hinterlassen zu haben.

Nordkorea inszeniert derzeit seine Trauer von der kollektiven Massenhysterie bis hin zur Übernahme der einst chinesischen Losung „Verwandelt eure Trauer in Stärke“, so, als ob es nach dem Drehbuch beim Tode Maos verfährt. Drei Wochen nach Ende der Massentrauer um Mao kam es am 6. Oktober 1976 in Peking zum Palastputsch. Die „Viererbande“ um Mao-Witwe Jiang Qing wurde von einer Armee-Sondereinheit verhaftet. Die Fraktion der Sieger stellte die Weichen neu. Aber nicht in Bürgerkrieg oder Chaos hinein, sondern zum Aufbruch und Wandel Chinas durch Reformen.

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