Russland

"Wir sind genug Leute, um den Kreml zu stürmen"

| Lesedauer: 5 Minuten
Julia Smirnova

Die Kreml-Gegner sehen sich durch die Massendemonstration gegen die Manipulationen bei der Parlamentswahl gestärkt. Sie wollen weiter protestieren, bis sich etwas ändert.

Luftballons steigen in den grauen Himmel über den Sacharow-Prospekt in Moskau. Sie ziehen ein großes Porträt von Wladimir Putin in die Höhe. Darunter stehen Zehntausende Menschen, die zur größten Demonstration seit dem Untergang der Sowjetunion erschienen sind. Sie wünschen sich, dass Putin, genau wie sein von Luftballons getragenes Porträt verschwindet und nie mehr nach Russland zurückkehrt.

Die Kundgebung am Samstag war nicht gegen den Betrug bei den Parlamentswahlen, sondern in erster Linie gegen Putin gerichtet. „Russland ohne Putin“, „Putin, geh selbst“ steht auf den Plakaten. Nach der ersten großen Demonstration am 10. Dezember verhöhnte Putin die Opposition in einer Fernsehshow: er habe das weiße Band - das Symbol des Widerstands für ein Kondom gehalten.

Seine Reaktion empörte die Menschen und brachte sie dazu, in noch größerer Zahl auf die Straße zu gehen. Nach den Angaben der Veranstalter waren 120.000 Teilnehmer am Samstag am Sacharow-Prospekt, die Polizei hat offiziell lediglich 29.000 gezählt. Die unabhängige Organisation „Bürger Wahlbeobachter“ nennt die Zahl 72.400.

Putin hat bei Präsidentenwahl 2012 noch immer gute Chancen

Unter den populären Plakat-Motiven war das Bild von Putin kombiniert mit einem Kondom und Aufschriften wie „Nur Einwegnutzung!“, „Nicht wiederverwendbar!“. Im März 2012 wird Putin bei den Präsidentenwahlen kandidieren und hat nach den Umfragen immer noch gute Chancen, erneut gewählt zu werden.

Für die Menschen, die sich bei Minustemperaturen auf der Kundgebung versammelt haben, würde das weitere fünf Jahre der Korruption, Betrug und Zensur in den Medien bedeuten. Rentner und Studenten, Mittelschicht und weniger wohlhabende Moskauer kamen auf die Straße, um ihren Protest auszudrücken. Trotz aller Unterschiede fühlten sie sich vereinigt.

„Das war die größte und die beste Demonstration bis jetzt in meinem Leben“, sagte der Blogger Alexei Nawalny dem Fernsehsender „TV Rain“. In seiner Rede von der Bühne, nannte er die heutigen Machthaber in Russland nicht legitim. „Hier haben sich genug Leute versammelt, um den Kreml zu stürmen”, erklärte er. „Das werden wir jetzt nicht tun. Doch wenn Gauner und Diebe weiter stehlen und betrügen werden, übernehmen wir die Macht“.

Protestaktionen werden wieder und wieder stattfinden, bis es faire Neuwahlen gibt, zu denen alle Parteien zugelassen werden, sagt Nawalny. Er ist sicher, dass eine Million Menschen auf die Straße gehen können. Unter den Gegnern des Kremls gilt der Rechtsanwalt, der sich in seinem Blog gegen Korruption einsetzt als der populärste Politiker, der die Opposition vereinigen kann.

Nicht alle Redner waren mit der gleichen Begeisterung wie Nawalny empfangen worden. Alexei Kudrin, der ehemaliger Finanzminister in Putins Regierung, der vor einer Woche sagte, er könne sich vorstellen, bei der Gründung einer neuen liberalen Partei mitzumachen, wurde ausgebuht.

Obwohl er seiner Ansprachen auch die Neuwahlen und der Rücktritt des Wahlleiters Tschurow forderte, rief ihm die Menschenmenge „Schande“ entgegen. Genauso unwillkommen waren Nationalisten, die in einer großen Kolonne zur Demonstration erschienen waren.

Journalisten, Musiker und Schriftsteller, die bei der Organisation der Kundgebung geholfen hatten und jetzt auf der Bühne stehen, finden dagegen mehr Gehör. „Es ist vor allem ein moralischer Protest“, sagt Journalist und Satiriker Wiktor Schenderowitsch.

„Menschen mögen es nicht, wenn ihnen ins Gesicht gespuckt wird. Doch wie kann die moralische Energie in eine politische Energie umgewandelt werden? Keine Partei ist im Moment dazu fähig. Vielleicht wird sich eine Koalition bilden, die auf einem friedlichen Weg Putin absetzen kann“.

"Wir glauben Medwedjew nicht"

Noch-Präsident Dimitri Medwedew reagierte bereits letzte Woche mit ersten Zugeständnissen. In seiner Rede vor dem Parlament kündigte er Reformen an. Neuwahlen wird es nicht geben, doch in Zukunft können die Gouverneure wieder gewählt werden. Auch die Registrierung von Partei und Präsidentenkandidaten soll vereinfacht werden.

Doch diese Versprechen wurden in der Gesellschaft mit einer großen Skepsis wahrgenommen. „Wir glauben Medwedjew nicht“, sagte der Oppositionspolitiker Boris Nemtsow. „Er hat uns bereits Modernisierung versprochen“.

Medwedjew sei ein populärer Blogger, doch zu einem richtigen Präsidenten sei er nicht geworden. In der Tat ist Medwedjew durch seine Aktivität bei Facebook und Twitter bekannt. Damit versuchte er Sympathien junger Russen zu gewinnen, doch erntete häufig hämische Kommentare.

Demonstranten wollen demonstrieren, bis sich etwas ändert

Die Demonstranten sind entschlossen, so lange zu protestieren, bis die Macht nicht nur mit bloßen Versprechen, sondern mit konkreten Schritten auf ihre Forderungen reagiert. In einer Abschlussresolution verlangen sie die Freilassung aller politischen Häftlinge, die Annullierung der Ergebnisse der jüngsten Parlamentswahlen, die Durchführung neuer Wahlen, eine Änderung der Wahlgesetzgebung und die Registrierung aller Parteien.

Es wird immer wieder betont, dass die Proteste ohne Gewalt verlaufen sollen. „Die Rettung unseren Landes hängt davon ab, ob wir friedlich das Regime von Putin ablösen können“, sagt von der Bühne Schachspieler Garri Kasparow. Die Menschenmenge stimmt zu.

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