Rückkehr aus dem Irak

USA bereiten ihren Soldaten triumphalen Empfang

| Lesedauer: 9 Minuten
Ansgar Graw

Foto: dpa / dpa/DPA

Nach fast acht Jahren Krieg kehren die letzten US-Soldaten aus dem Irak zurück. In der Heimat werden sie wie Helden gefeiert – dabei war der Einsatz ein Fehlschlag.

Doch, ihren Daddy hat Alina schon einmal gesehen. Aber ein Baby, gerade sieben Monate auf der Welt, erinnert sich nicht an einen Menschen, der es im Alter von sechs Wochen in den Armen gehalten hat.

Darum wird es für Alina ein gänzlich fremder Mann sein, der jeden Moment durch die Tür am Gate E des Internationalen Flughafens Baltimore kommen wird, um ihre Mom Joanna Vilpors, ihren vierjährigen Bruder Conan und sie selbst zu herzen und zu küssen.

„Homecoming day“ – die letzten amerikanischen Soldaten kehren heim aus dem Irak . Am Sonntag überquerten die Militärkonvois die Grenze nach Kuwait. Von dort flogen sie in die Vereinigten Staaten, wo sie, sieben Jahre und neun Monate nach Beginn des Krieges, von Angehörigen sehnsüchtig erwartet und in den Medien als Helden gefeiert werden.

Die Euphorie der Soldaten und ihrer Familien ist verständlich. Im Weißen Haus aber ist die Sorge groß, dass der Abzug zu früh erfolgt. Neue Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten im instabilen Irak und der zunehmende Einfluss des Iran auf Bagdad lassen die Spannungen im Mittleren Osten weiter wachsen.

"Danke für euren Dienst"

Mit Stars and Stripes, Luftballons, Kinderzeichnungen und selbstgefertigten Plakaten ist die Wand am Gate geschmückt. „Danke für euren Dienst“, steht darauf, oder: „Ihr habt einen tollen Job gemacht“, „Gut, dass ihr zurück seid“. Und, ganz knapp: „You rock.“ - „Ihr seid spitze.“

Neben den Familienangehörigen drängeln sich ein paar Kamerateams und Fotografen, aktive Soldaten und hilfsbereite Freiwillige aus Veteranenverbänden auf dem Flughafen in Maryland.

Jason Brugman, ein junger Major aus Florida, wartet auf einen Kameraden: „Es ist schön zu sehen, wie unsere Leute zurück zu ihren Familien kommen, gerade jetzt zu Weihnachten“, sagt der in Delaware stationierte Soldat und mustert suchend die ersten Soldaten, die jetzt in ihren Kampfanzügen und unter dem Jubel der Umstehenden schwer beladene Gepäckwagen mit ihrer Ausrüstung und der persönlichen Habe durch die Tür schieben.

4474 US-Soldaten sind im Irak gefallen, 32.000 wurden verwundet – posttraumatische Belastungsstörungen nicht mitgerechnet. Auf irakischer Seite starben über 10.000 Soldaten, am Anfang bei der Verteidigung von Diktator Saddam Hussein, später im Kampf gegen Aufständische. Den größten Blutzoll hatte die Zivilbevölkerung mit 115.000 Toten zu entrichten.

Chris Adams hat die Hölle überlebt

Chris Adams hat diese Hölle überlebt. Der Polizist aus Alaska war dreimal im Irak, erst für acht, dann für sieben und zuletzt für fünf Monate. Er hat die Toten und das Sterben gesehen.

Jetzt wird der 30-Jährige von Generälen mit Handschlag und von Veteranen mit Schulterklopfen begrüßt. „Der Einsatz war zu lang“, sagt Adams und atmet tief durch. „Nicht nur für mich persönlich, sondern als amerikanische Mission in einem fremden Land.“

Mehrfach lag Adams, der bei der Luftwaffe mit Sicherheitsaufgaben betraut war, unter feindlichem Beschuss. Zwei Kameraden aus Alaska starben im Einsatz. Der eine ziemlich am Anfang, „2004 oder 2005“, durch die Kugeln irakischer Aufständischer, der zweite „in der Mitte des Krieges, 2006 oder 2007“ durch ein IED (Improvised Explosive Device).

Aufs Konto jener auch in Afghanistan gefürchteten improvisierter Landminen gehen etwa zwei Drittel der US-Toten im Irak.

Beziehung aufbauen ist schwierig

„Jetzt ist es Sache der Iraker, sich um ihr Land zu kümmern“, sagt Adams, der selbst unverletzt blieb und darüber ein „großes Gefühl der Erleichterung“ verspürt. Er ist unverheiratet und die Frage nach einer Freundin lässt er unbeantwortet.

Wer binnen weniger Jahre mehrfach in einen gefährlichen Krieg zieht, hat es schwer, Beziehungen aufzubauen oder gar eine Familie zu gründen.

Adams freut sich aufs Wiedersehen mit den Eltern und dem Bruder daheim in Alaska. Über die Feiertage hat er frei, danach kehrt er zurück in den Polizeidienst. Sorgt er sich vor den traumatischen Schatten des Krieges? „Mir geht’s gut“, schüttelt der eher zierlich gebaute, aber durchtrainiert wirkende Adams diese Vorstellung ab. Und fügt an: „ich bin froh, dass alles vorbei ist.“

Präsident George W. Bush erklärte schon am 1. Mai 2003, 41 Tage nach dem Beginn der Irak-Invasion der damaligen „Koalition der Willigen“ auf einem Flugzeugträger unter einem „Mission Accomplished“-Banner das Ende der Militäroperationen.

Danach vergingen noch sieben Jahre, bis sein Nachfolger Barack Obama, der den Irak-Krieg im Wahlkampf 2008 als „dumm“ bezeichnete, im August 2010 die letzte Kampfeinheit abzog. 50.000 Truppen blieben für „unterstützende Aufgaben“ und zur Ausbildung der irakischen Armee zurück. Jetzt sind auch sie daheim.

Irak wollte Ende der Besatzung

Den 31. Dezember 2011 als Termin des Rückzugs hatte noch der damalige Präsident Bush mit Premierminister Nuri al-Maliki aushandeln lassen. Die Obama-Regierung drängte vorübergehend auf eine Verlängerung des Mandats. Doch die irakische Weigerung, eine rechtliche Immunität der US-Militärs zu akzeptieren, und der einhellige Willen der irakischen Parteien nach einem „Ende der US-Besatzung“ machte dies unmöglich und zeigte zudem die Fragilität der neuen Allianz.

Saddam war ein Diktator, das erkennen insbesondere die neuen schiitischen Machthaber und die Kurden im Norden des Landes an. Aber die angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen, die Washington als Kriegsgrund genannt hatte, erwiesen sich als Fiktion.

Während die 2004 aufgedeckten Erniedrigungen und Folterszenen in dem von den US-Militärs betriebenen Gefängnis Abu Ghraib im Irak weniger Entsetzen auslösten als im Westen, lastete das Wissen um ihre eingeschränkte Souveränität ganz grundsätzlich auf der einstigen Regionalmacht.

Als vor fast neun Jahren die „Operation irakische Freiheit“ begann, schrieb sich A. Renee Young gerade beim Militär ein. Jetzt kehrt die Soldatin vom zweiten Irak-Einsatz zurück. „Meine ganze Militärlaufbahn war von diesem Krieg bestimmt“, sagt die 28-Jährige, die zuerst vier Monate und am Ende zwei Monate im Zweistromland diente.

Tausende Kameraden sind schon arbeitslos

Feldwebel Young war bei der Luftwaffe im Transportbereich tätig. Ständig drohten IED-Attacken. Aber alles ging gut, „Gott sei Dank“, sagt Young, und erinnert an die Kameraden, die nicht überlebten. Jetzt hofft sie, „dass die Iraker ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen“.

Young wird bei der Armee bleiben, wie die meisten der 240 Soldaten, die an diesem Tag in Baltimore eintreffen. Aber 260.000 ihrer Kameraden, die sich nach dem 11. September 2001 verpflichteten, sind heute arbeitslos und haben angesichts der Wirtschaftskrise große Probleme, einen Job zu finden.

900 Milliarden Dollar (690 Milliarden Euro) kostete der Krieg die hoch verschuldeten USA. Rechnet man Aufwendungen für verwundete Veteranen und die Versorgung von Hinterbliebenen hinzu, kommen gar sechs Billionen Dollar zusammen.

Der letzte Befehlshaber der US-Truppen im Irak war General Lloyd Austin. Er spricht am Homecoming-Day von einem „erfolgreichen Abschluss“ der Operation. „Ihre Opfer waren entscheidend bei der Befreiung eines unterdrückten Volkes“, versichert Austin den Soldaten.

Jetzt ist jeder US-Staat ein Sonnenstaat

Doch trotz ihres gewaltigen Aufwands an Menschenleben und Dollar ist den Vereinigten Staaten nicht einmal eine politische Rendite sicher.

Endlich schiebt in Baltimore auch Oberstleutnant Steven Vilpors sein Gepäck durch die Ausgangstür. Seine Frau Joanna fällt ihm um den Hals, zum ersten Mal seit fünf Monaten, Conan möchte auf Daddys Arm und die kleine Alina weint nicht, als Vilpors, der ihr doch eigentlich völlig fremd sein muss, sie liebevoll küsst. Haben Babys mehr Erinnerungsvermögen als wir glauben?

„Wir haben einen harten Job erledigt und herausragend gearbeitet“, sagt Vilpors. „Jetzt wollen wir das Beste für die Iraker hoffen.“ Was war das Härteste? „Dass die Familie so weit weg war“, sagt er.

Dann will er mit Frau und den Kindern schnell nach Hause, ins nahe Arlington in Virginia. Die Ankunftshalle leert sich rasch, die meisten Soldaten müssen Anschlussflüge erreichen. Es geht nach Florida oder South Carolina oder Iowa. Aber jetzt, wo der Irak hinter ihnen liegt, ist jeder US-Staat ein Sonnenstaat.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos