Nachfolge in Nordkorea

Kim Jong-un muss sich die Macht teilen

Seit dem Tode Kim Jong-ils schauen alle auf dessen Sohn Kim Jong-un. Doch der hat noch nicht alle Macht. Er wird zwar die Führung übernehmen, muss seine Macht jedoch mit seinem Onkel und führenden Generälen teilen.

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Kim Jong-il hatte für die Zeit nach seinem Tod vorgesorgt. Der am Samstag gestorbene Alleinherrscher des kommunistischen Nordkoreas wollte nichts dem Zufall überlassen. Seit seinem Schlaganfall vor drei Jahren umgab er sich vor allem mit Personen des Vertrauens. Damit wollte er für einen störungsfreien Machttransfer auf seinen Sohn Kim Jong-un sorgen, glauben Beobachter.

In Seoul werden immer wieder zwei Mitglieder des Herrscherclans genannt, die dem politisch und militärisch unbedarft geltenden Junior bei der Konsolidierung der Macht helfen sollen: Kim Jong-ils jüngere Schwester Kim Kyong-hui sowie vor allem deren Ehemann Jang Song Thaek, der als graue Eminenz des Regimes gilt. Beide sind 65 Jahre alt.

Jang stieg bereits zum starken Mann hinter Kim Jong auf, nachdem ihn dieser 2009 in die Nationale Verteidigungskommission – das mächtigste Gremium des Landes – geholt hatte. Im vergangenen Jahr folgte schließlich die Beförderung zum Stellvertreter des Machthabers in der Kommission. Damit war Jang die Nummer zwei nach Kim Jong-il.

Jang vertritt nach Meinung von Experten nicht nur eine harte Linie, sondern ist auch als schillernde Figur im nordkoreanischen Machtzirkel bekannt. Kim Jong-un könnte vor allem von den Verbindungen seines Onkels profitieren, glaubt Park Hyeong Jung vom Koreanischen Institut für Nationale Vereinigung in Seoul.

"Ich bin nicht sicher, ob Jang noch immer so mächtig ist“, sagt der Experte unter Hinweis auf die meist undurchsichtigen machtpolitischen Verhältnisse in Pjöngjang. Doch Jang habe den Draht zu den drei wichtigen Gruppen: „Er kann das Militär erreichen, die Partei und die Herrscherfamilie.“

Doch sieht Experte Park darin auch eine Gefahr für Jang, den er als äußerst machtbewusst beschreibt. Sollte Jang dem Sohn, der sich bereits den Rückhalt der Elite verschafft habe, zu mächtig sein, könnte er Opfer einer neuen Säuberungswelle werden. Das ist nicht unüblich in einem stalinistisch geprägten System wie Nordkorea. „Jang muss nach außen zeigen, dass er nicht so wichtig ist.“

Jang war Täter wie Opfer politischer Säuberungen. Er war einer der wichtigsten Helfer Kim Jong-ils vom Zeitpunkt seines Aufstiegs an die Staatsspitze im Jahre 1994 – beim Tod seines Vaters und „ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung – bis 2000. Jang war erster Vizesekretär der Organisation und Führung im Zentralkomitee der Arbeiterpartei. Die Organisation ist quasi für die Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Parteimitglieder zuständig.

In der Phase zaghafter Reformen vor einem Jahrzehnt war Jang jedoch plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Es gab Gerüchte, dass er Kim zu mächtig geworden sei. Erst Ende 2005 tauchte er wieder auf. Jangs Wiederaufstieg sieht der Experte Park eng mit einer Wende von einer „reformerischen Phase“ zurück zu einer konservativen Politik verbunden. Mit seiner Rückkehr sei der Schwerpunkt wieder auf eine stärkere Kontrolle von oben verlegt worden.

In seiner Position könnte Jang neben dessen Frau auch als eine Art Hüter Kim Jong-uns auf dem Weg zur Macht sein, glauben Beobachter. Kim Jong-il hatte im vergangenen Jahr bei dem größte Treffen der Arbeiterpartei seit 30 Jahren die Stellung seines Schwagers und seiner Schwester durch die Vergabe hoher Positionen auch innerhalb der Partei deutlich gestärkt.

Kim Kyung Hui bekam von ihrem Bruder wie Kim Jong-un den Titel eines Vier-Sterne-Generals verliehen. Sie gilt als Repräsentantin der Herrscherfamilie. Die Mitglieder der Familie sorgten dafür, dass Kim Jong-il mit Geld versorgt worden sei, sagt Park. Das mache die Tante jetzt für ihren Neffen. „Sie muss die Interessen der Herrscherfamilie schützen

Nach dem Tod des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong-il bemüht sich die Führungsriege in Pjöngjang nach südkoreanischen Geheimdienstinformationen um eine tragfähige Machtbasis für dessen Sohn und designierten Nachfolger. Ranghohe Offiziere hätten dem jungen und politisch noch nicht profilierten Kim Jong-un ihre Gefolgschaft versichert, verlautete am Mittwoch in Seoul.

Der südkoreanische Geheimdienst NIS vermute, dass sich der Norden derzeit auf die Festigung der Macht von Kim Jong-un konzentriere, sagte der Abgeordnete Kwon Young Se. In den großen Städten seien die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden. Auch die Truppen seien in Alarmbereitschaft versetzt worden, hieß es aus südkoreanischen Militärkreisen.

Zehntausende Nordkoreaner trotzten am Mittwoch dem Schneefall und bekundeten an den Gedenkstätten in der Hauptstadt ihre Trauer. Einige zogen ihre Jacken aus, um damit Kränze zu Ehren Kim Jong-ils vor dem Schnee zu schützen. Seit dem Tod des langjährigen Machthabers kamen nach Meldungen amtlicher Medien bereits mehr als fünf Millionen trauernde Nordkoreaner zu den Gedenkstätten. Kim Jong-un habe im Kumusan-Palast, in dem sein Vater aufgebahrt ist, Trauernde empfangen, darunter ausländische Gesandte, hieß es.

Südkoreanische Aktivisten schicken Ballons mit Flugblättern

Südkoreanische Aktivisten schickten unterdessen am Mittwoch inmitten der elftägigen Staatstrauer Ballons mit Flugblättern nach Nordkorea, was die Spannungen verstärken könnte. In den Flugblättern wird unter anderem Kritik an einer Vererbung der Macht vom Vater auf dessen Sohn geübt. Pjöngjang hat angedroht, bei derartigen Aktionen Südkorea unter Beschuss zu nehmen.

An der Grenze zu China wurden chinesische Bootsführer nach eigenen Angaben von nordkoreanischen Polizisten angewiesen, keine Touristen mehr mitzunehmen. Die Sicherheitskräfte hätten angekündigt, zu schießen, sollten sie Menschen mit Kameras auf den Schiffen sehen, sagten Bootsführer.

Kim Jong-il starb am Samstag. Im Westen wurde daraufhin ein Kampf um die Macht in dem kommunistischen Staat erwartet. Dafür gibt es bislang keine Anzeichen.