Telefon-Mitschnitte

Putins Medienkrieg mit schmutzigen Praktiken

Der Kreml versucht offenbar, seine Gegner zu diskreditieren: Regierungsnahe Sender veröffentlichen heimlich mitgeschnittene Gespräche eines prominenten Oppositionellen.

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Aschot Gabreljanow, Chefredakteur der Kreml-nahen Boulevard-Zeitung Life News , ist unter Zeitdruck. Gleich wird auf der Internet-Seite seines Blattes die Fortsetzung einer exklusiven Geschichte publiziert, die der Journalist für sehr gelungen und erfolgreich hält.

Es handelt sich um mitgeschnittene Telefongespräche des prominenten Oppositionellen Boris Nemzow. Die Audio-Mitschnitte werden unkommentiert gesendet, jeder kann sie aufrufen und hören.

Kampagne gegen die Oppositionsbewegung

Woher er das Material hat will Gabreljanow nicht verraten, er spricht nicht über seine Quellen, was sein gutes Recht ist. Doch in Russland bestehen kaum Zweifel daran, dass die Mitschnitte Teil einer Kampagne gegen die stärker werdende Oppositionsbewegung ist. Das Material, so vermutet die Opposition, wurde der Zeitung von den Geheimdiensten zugespielt.

Am Montag wurden die ersten neun Audiodateien veröffentlicht, insgesamt verfüge Life News über sechs Stunden von Nemzows Gesprächen.

Ausgewählt wurden die Passagen, die den Politiker am meisten diskreditieren könnten: Er beschimpft die Öko-Aktivistin Ewgenia Tschirikowa, die die Großdemonstration am Moskauer Bolotnaja-Platz mitorganisiert hatte, und nennt Demonstranten „Netzhamster“, die nur im Internet opponieren und nie einen Polizisten gesehen hätten.

Es folgen einige deftige Kraftausdrücke, die hier nicht übersetzt werden sollen. Boris Nemzow erklärte bereits, dass ein Teil dieser Gespräche echt ist, ein anderer Teil sei aber gefälscht. Er will die Zeitung verklagen.

Nach dem russischen Gesetz ist die Abhörung privater Gespräche strafbar. Der Politiker nennt die Veröffentlichung „eine Sonderoperation von Putin und Surkow“, der grauen Eminenz des Kreml, der die Medien-Politik dirigiert.

Am Heiligen Abend wird in Moskau die nächste große Demonstration gegen die offenkundigen Fälschungen bei den Parlamentswahlen vom 4.? Dezember stattfinden. „Der Kreml will die Demonstration um jeden Preis verhindern und die Opposition spalten“, sagt Boris Nemzow.

Die Strategie dafür ist nicht neu, sie erstreckt sich auf gängige Geheimdienst-Methoden wie das Abhören privater Gespräche oder Filmaufnahmen mit verdeckter Kamera. Im vergangenen Jahr waren im Rahmen einer Kampagne gegen die Opposition und kritische Journalisten kompromittierende Videos im Internet veröffentlicht worden. Eine Prostituierte hatte sie in eine Wohnung mit versteckten Kameras gelockt.

Für Schimpftiraden um Vergebung gebeten

„Das ist die Taktik der kleinen Gemeinheiten“, sagt der Politologe Kirill Rogow. „Die Veröffentlichung der Telefongespräche ist unangenehm, doch politisch kann ich keine Aussagen erkennen, die Nemzow schaden könnten.“

Nemzow hat für seine Schimpftiraden inzwischen um Vergebung gebeten. In der Öffentlichkeit würde er nie schimpfen, aber in privaten Gesprächen könne es wie bei jedem Menschen schon mal vorkommen.

Das reichte Ewgenia Tschirikowa offenbar: Als Nemzow mit ihr gemeinsam im Studio des Fernsehsenders „Doschd“ saß, gab es keine Anzeichen eines Streits. „Der Plan, einen Keil zwischen uns zu treiben, ist misslungen“, sagt Nemzow. „Wir haben uns vielmehr noch enger zusammengeschlossen.“

Auch Telefonate anderer Mitglieder der Opposition werden bald veröffentlicht, verspricht der 22-jährige Chefredakteur von Life News selbstgefällig.

Er ist der Sohn von Aram Gabreljanow, Generaldirektor und Miteigentümer des Verlagshauses „News Media Rus“.

Der junge Chefredakteur sieht in seiner Kampagne keinen Verstoß gegen das Gesetz oder die Ethik. Was in Großbritannien zur Schließung der Zeitung „News of the World“ geführt hat, scheint in Russland zu den Alltagspraktiken der Boulevard-Journalisten zu gehören. Die Zeitung ist für ihre fragwürdigen Recherchemethoden bekannt. Sie bezahlt wie selbstverständlich ihre Informanten.

"Es geht nur um das Geschäft“

„Es geht nicht um Moral, es geht nur um das Geschäft“, sagt Gabreljanow Junior. Auch „News of the World“ sei nicht aus ethischen Gründen geschlossen worden, sondern habe der Werbung für den Murdoch-Konzern gedient. Der junge Medienmanager kann sich sicher fühlen.

Das Verlagshaus „News Media Rus“ gehört zur Hälfte Juri Kowaltschuk, einem engen Vertrauten von Premier Wladimir Putin. Kowaltschuk besitzt auch mehrere Fernsehsender, die über die Opposition bisher kaum berichtet hat – aber vielleicht tauchen dort ja bald kompromittierende Videomitschnitte auf.