Sohn oder Schwager

Südkorea fürchtet Machtkampf um Kims Nachfolge

Wer hat nach dem Tod Kim Jong-ils in Nordkorea das Sagen? Experten halten das Machtfundament des dritten Sohns Kim Jong-un für zu schwach. Sogar ein Bürgerkrieg sei möglich.

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Menschenmassen, die in Reih’ und Glied hysterisch heulen und wehklagen; eine Nachrichtensprecherin ganz in Schwarz, die mit brechender Stimme vom heldenhaften Leben Kim Jong-ils erzählt; Männer und Frauen, die vor Gram ihre Stirnen auf den nackten kalten Asphalt hämmern: In Nordkorea herrscht Staatstrauer.

Von ganz oben angeordnet wird nun zehn Tage lang um den Diktator geweint, der, so hatte die Staatspresse verkündet, am Samstagmorgen um acht Uhr dreißig an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Die öffentlich zur Schau gestellte Gruppen-Verzweiflung ist verstörend. Allerdings ist aus den Aussagen von Überläufern bekannt, dass jede noch so kleinste Form der Auflehnung in Nordkorea zu Gefängnisstrafen oder gar öffentlichen Hinrichtungen führen kann – da wird kaum ein Nordkoreaner seine wahren Gefühle gegenüber dem Diktator zeigen, der das verarmte Volk 17 Jahre mit eisernen Faust regierte.

Am Dienstag präsentierte das nordkoreanische Staatsfernsehen den in einem gläsernen Sarg aufgebahrten Leichnam , gebettet auf weißen und roten Blüten und gekleidet in seiner typischen khakifarbenen Blousonjacke, die er Zeit seines Lebens getragen hatte.

Der Sarg steht im Kumsusan-Palast in der Hauptstadt Pjöngjang, in dem auch die einbalsamierten sterblichen Überreste seines Vaters, des wie einen Gott verehrten Staatsgründers Kim Il-sung ausgestellt sind – eine Pilgerstätte des Personenkultes. Nach Kim Il-sungs Tod dauerte das öffentlich zelebrierte Wehklagen übrigens mehrere Jahre lang.

Weichen für neue Machtverhältnisse gestellt

Zwei Tage hatte Nordkoreas Führung zunächst geschwiegen, wohl um Normalität vorzugaukeln und derweil schon einmal die Weichen für die neuen Machtverhältnisse zu stellen, dann ließen sie den Tod des „geliebten Führers“ verkünden.

An der Spitze des 232-Mitglieder starken Beerdigungskommittees steht der Name Kim Jong-un. Zumindest nach außen hin ist dies ein weiterer Beweis, dass dem Wunsch des toten Führers Folge geleistet und sein dritter Sohn ihn an der Spitze des isolierten Staates beerben soll .

Was allerdings hinter den Kulissen in Pjöngjang passiert, ist wieder einmal reine Spekulation. Südkoreanische Medien fragen bereits, ob der unerfahrene End-Zwanziger tatsächlich in der Lage sein wird, die Fäden in der Hand zu halten.

Südkoreas Geheimdienst, schreibt die Tageszeitung Chosun Ilbo, befürchtet einen Machtkampf zwischen Kim Jong-un und dem Schwager des verstorbenen Diktators, Jang Song-taek.

Dieser ist die Nummer Zwei in Nordkorea und könnte, fürchtet der Geheimdienst in Seoul, mit seinen Anhängern die Macht an sich reißen. Angeblich soll Jang sich zuvor für Kim Jong-ils ältesten Sohn, den Playboy Kim Jong-nam, als Nachfolger eingesetzt haben und ist mit der Wahl des jüngsten Sohnes nicht zufrieden.

"Eine reiche und mächtige Nation"

Nur noch 14 Tage, und Kim Jong-il hätte den groß angekündigten 100. Geburtstag seines verstorbenen Übervaters Kim il-sung zelebriert. An diesem Tag, hatte er seinem Volk schon vor langer Zeit versprochen, würde Nordkorea „eine reiche und mächtige Nation sein“.

Und an diesem Tag, vermuten Beobachter, wäre Kim Jong-un ganz offiziell zum Nachfolger erklärt worden – bisher waren es nur bedeutende Posten und Erwähnungen in der Staatspresse, die auf ihn als nächsten Staats- und Parteichef hinwiesen.

Experten sagen allerdings, dass sein Machtfundament noch allzu schwach sei, obwohl er seit knapp drei Jahren mit Schlüsselposten zum Führer herangezüchtet wurde. Sein Vater war damals weitaus besser vorbereitet, als er – mit immerhin 53 – das Ruder übernahm. Es hätte einfach noch mehr Zeit bedurft, Kim Jong-uns Position zu zementieren.

Nun wird er wohl eher als eine Art Marionette für alte Kader wie seinen Onkel Jang Song-taek und die mächtigen greisen Generäle dienen, die jede Region Nordkoreas kontrollieren.

Wie wird es nun weitergehen? Zuletzt hatte Nordkorea seine Kriegsrhetorik deutlich gemäßigt. Einen dritten Atomtest hatte die Regierung offenbar erst einmal auf Eis gelegt, und stattdessen bei Südkorea und den USA um Nahrungsmittelhilfe gebeten.

"Die politischen Perspektiven sind extrem unsicher"

Mit dem plötzlichen Tod Kim Jong-ils, da sind sich die Experten einig, steht das Land nun am Scheideweg. „Die politischen Perspektiven sind extrem unsicher”, so Rajiv Biswas, Asienexperte vom Beratungsunternahmen HIS Global Insight,

„Die alte Garde mag entscheiden, sich hinter Kim Jong-un zu vereinigen, während die Parteiführer im Hintergrund regieren und weiterhin ihr politisches Höllengemisch aus Isolationismus und nuklearer Erpressung praktizieren, oder es könnte einen politischen Wandel in Richtung gradueller wirtschaftlicher Reformen geben, die die Tür für eine schrittweise Liberalisierung öffnen”.

Allerdings gebe es auch noch ein drittes, finsteres Szenario: „Es kann zu einem Machtkampf innerhalb der Partei kommen, der politische Instabilität bis hin zum Bürgerkrieg auslösen könnte. Dies dürfte letztendlich die USA und Südkorea zwingen, zu intervenieren”.

Experten befürchten neues Säbelrasseln

In dieser Woche hätte eigentlich Amerikas neuer Sondergesandter für Nordkorea, Glyn Davies, hochrangige Kader aus Pjöngjang in Peking treffen sollen. Washington hatte gehofft, die Atomverhandlungen wieder aufnehmen und womöglich positive Zusagen als Gegenleistung für Nahrungsmittelhilfe erreichen zu können.

Auch eine Wiederaufnahme der von Nordkorea ausgesetzten Sechsparteien-Gespräche schien in Reichweite. Doch all dies wird nun wohl erst einmal auf Eis gelegt, bis in Pjöngjang klar ist, wer das Sagen hat.

Gut möglich, befürchten die Experten, dass das Regime nun erst einmal wieder mit dem Säbel rasselt, um zu beweisen, dass es fest im Sattel sitzt.