Nordkorea

Kim Jong-il regierte mit Cognac und Atombombe

Nordkoreas Staatschef Kim Jong-il ist tot. Der "geliebte Führer" wurde – offiziell – 69 Jahre alt. Er war ein Psychopath, darüber herrscht im Westen Konsens. Doch bei einigen Staatsmännern hatte er einen durchaus soliden Ruf.

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Zeit seines Lebens ist Kim Jong-il ausschließlich per Zug gereist. Er litt, so hieß es, unter heftiger Flugangst, traute nur der Schiene und seinem privaten Lokführer. In seiner persönlichen, gepanzerten Luxus-Eisenbahn absolvierte er seine Staatsbesuche, inspizierte sein Reich und lud hübsche Tänzerinnen zu wilden Gelagen. Nun ist er im Zug gestorben. Ein Herzinfarkt wegen „Übermüdung“, meldet die staatliche Nachrichtenagentur KCNA und verordnete zehn Tage Staatstrauer. Nordkoreas „Geliebter Führer“ wurde – offiziell – 69 Jahre alt, am 28. Dezember soll beerdigt werden.

Am Tage seiner Geburt, so die Legende, stand ein doppelter Regenbogen am Himmel. Nordkoreas Historiker haben sich wohl von der christlichen Weihnachtsgeschichte inspirieren lassen, denn sie fabulierten weiter: In einer kargen Holzhütte auf dem heiligen Berg Paektu habe der kleine Kim 1942 das Licht der Welt erblickt, direkt über dem Dachfirst habe eine gleißende, Glück verheißende Sternschnuppe das Firmament erleuchtet. Zwar wurde der „ewige Sohn der ewigen Sonne“ schon ein Jahr vorher in Sibirien geboren, wo sein Vater im Exil lebte, doch die blumige Variante macht sich besser für den Personenkult der Familie.

Plateausohlen und Dauerwelle

Der 1,61 Meter kleine Staatschef mit hochtoupierter Dauerwelle und Plateausohlen hatte lange Zeit Amerikas „Achse des Bösen“ angeführt. Aus Gerüchten und verratenen Geheimnissen setzt sich eine Persönlichkeit zusammen, die maßlos, exzentrisch und bizarr erschien. Eine Witzfigur – aber an der Spitze eines brutalen stalinistischen Regimes war Kim, der sein Volk verhungern ließ und Millionen in die Rüstung steckte, ein gefährlicher Mensch.

Lange galt der junge Kim Jong-il als schwarzes Schaf der Familie: ein fauler Student, frustrierter Möchtegern-Künstler und leicht stotternder Dandy, den niemand ernst nahm. Doch er hatte noch ein anderes Gesicht: Als Chef der Spezialtruppen soll er für Terroraktionen verantwortlich gewesen sein, etwa den Anschlag auf einen südkoreanischen Passagierjet 1986, bei dem 115 Menschen starben.

Er habe die Frauen und den Cognac geliebt, gutes Essen und großes Kino. So berichten jene wenigen, die Kim je zu Gesicht bekamen. Der untersetzte Staatschef lebte im Luxus. Ein russischer Gesandter, der Kim im Privatzug durch seine Heimat begleitete, pries die kulinarischen Exzesse an Bord: Jeden Tag wurde lebender Hummer geliefert, der entsprechende Champagner fehlte nicht. Aus Italien holte Kim einen Pizzabäcker nach – in ein Land, in dem nach UN-Angaben sechs Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind.

Nordkoreas Staatschef besaß Golfplätze, Vergnügungsparks, Wellenbäder, Garagen voller Motorräder und Luxuslimousinen und mindestens zehn Prunkpaläste. Sein Vermögen liegt auf Schweizer Bankkonten. Dort gingen auch seine Kinder zur Schule – inkognito. Einige der schlimmsten Gerüchte über den kleinen Diktator stammen von Überläufern, denen die Flucht von Nord- nach Südkorea gelang. Ex-Leibwächter Lee Young-guk beschrieb ihn als grausam und wahnsinnig.

Doch einige durchaus ernst zu nehmende Zeitgenossen hielten Kim nicht für wahnsinnig: Chinas Ex-Außenminister Tang Jiaxuan bezeichnete ihn als „aufgeweckt“, Südkoreas Ex-Präsident Kim Dae-jung, der für seine Annäherung an den Bruderstaat den Friedensnobelpreis erhielt, nannte ihn einen „Mann mit Einsicht“, und die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright sagte, Nordkoreas Staatschef sei „gut informiert, sehr entschlossen, praktisch und seriös“.

Als Kim Jong-il nach dem Tod seines Übervaters, des wie einen Gott verehrten Staatsgründers Kim Il-sung, 1994 sein Amt antrat, hatten Kenner des Landes vorausgesagt, dass das Regime schnell kollabieren und der Führer gestürzt sein würde. Das Gleiche sagen die Auguren jetzt, da sein Sohn Kim Jong-un übernimmt. Politische und wirtschaftliche Krisen schienen die pessimistischen Voraussagen in den ersten Amtsjahren Kim Jong-ils zu bestätigen. Doch er erwies sich als zäh. Kim handelte nach der Devise seines Vaters: „Die Armee zuerst.“ Nordkorea hält 1,1 Millionen Soldaten unter Waffen und steckt Geld in die Rüstung, das überall fehlt: in den Krankenhäusern, Schulen, in der Landwirtschaft.

Verachtete Nuklearmacht

Kim Jong-il wurden Paranoia und Größenwahn nachgesagt, er drohte mit der nordkoreanischen Militärkraft – der echten und der angeblichen – und bat im nächsten Moment kleinlaut um Hilfe. Er pokerte, bluffte und provozierte, um sich und seinem Land Bedeutung zu verleihen – und war bemerkenswert erfolgreich. Er war es, der mit Atomtests seine verarmte, isolierte, verachtete Heimat in eine Nuklearmacht und damit ernstzunehmenden Gegner oder Partner verwandelte.

Seit 2008 wurde über den Gesundheitszustand Kims spekuliert. Kim trat öffentlich nicht mehr auf. Videobilder, die ihn zeigten, waren offensichtlich gefälscht oder veraltet. Inzwischen glaubt man, dass er zwei Schlaganfälle hatte.

Der nächste Herrscher, Kim Jong-un, wurde im April 2009 in die Oberste Volksversammlung gewählt und erhielt einen Posten im Nationalen Verteidigungsausschuss. 2010 machte sein Vater ihn zum General. Auch Kim Jong-il war General, bevor er seinen eigenen Vater nach dessen Herzinfarkt beerbte. So schließt sich der Kreis, und die einzige kommunistische Dynastie der Welt wird mit neuen Legenden fortgesetzt.