Endspiel in Nordkorea

"Noch einen Kim hält das Land nicht aus"

Asien-Experte Hanns Günther Hilpert erwartet den Zusammenbruch der Tyrannei in Nordkorea. Die Abschirmung versagt und China drängt auf ökonomische Reformen.

Hanns Günther Hilpert ist Vizechef der Forschungsgruppe Asien an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zu seinen Spezialgebieten gehört Nordkorea.

Morgenpost Online: Es sieht nach einem „dynastischen Wechsel“ aus. Wird sich der junge Kim halten können?

Hanns Günther Hilpert: Ich glaube nicht, dass er sich lange wird halten können. Ein paar Jahre vielleicht. Das nordkoreanische System ist einfach nicht nachhaltig, es kann die Bevölkerung nicht ernähren, wird nur von den Hilfen aus China am Leben gehalten und erpresst die Welt mit Atomwaffen.

Morgenpost Online: Liebt das nordkoreanische Volk seine Führer also nicht mehr?

Hilpert: Das Regime ist verhasst. Noch einen Kim, den dritten in der leidvollen Geschichte Nordkoreas, hält das Land nicht aus. Die dynastische Erbfolge hat zwar im Konfuzianismus eine hohe Legitimation. Doch die Propaganda hat nicht mehr den gleichen Biss wie früher, als die Nordkoreaner von der Wiege bis zur Bahre ideologisch begleitet wurden.

Morgenpost Online: Gibt es denn neue Erkenntnismöglichkeiten für die Bevölkerung?

Hilpert: Ja, Nordkorea kann nicht mehr vollständig von der Außenwelt abgeschirmt werden. In der Grenzregion zu China kann man chinesische Handynetze nutzen, südkoreanische Seifenopern finden aus Südkorea in Form von CD’s ihren Weg in den Norden, nordkoreanische Gastarbeiter bringen Informationen und Informationstechnologie aus China mit.

Morgenpost Online: Wird sich das Volk gegen die Machtelite erheben? Gibt es eine Opposition oder Widerstand der Militärs?

Hilpert: Es wird sicherlich keinen Volksaufstand geben. Wenn es zu Umwälzungen kommt, dann wohl nur durch einen Militärputsch. Es gibt bereits Streit in der Elite über den zukünftigen Kurs. Bis auf Weiteres wird – in Anlehnung an die chinesische Kulturrevolution – die so genannte Viererbande das Zepter in der Hand halten: Neben Thronfolger Kim Jong-un sind das die Schwester des Verstorbenen, Kim Kyong Hui, ihr Ehemann Jang Song Taek sowie der mächtige General Ri Yong Ho als amtierender Vizemarschall und stellvertretender Vorsitzender der Verteidigungskommission. Darüber hinaus gehören rund 200 bis 300 Familien zur Machtelite, deren Legitimation sich teilweise noch aus den Befreiungskriegen speist.

Morgenpost Online: Welche Interessen hat China?

Hilpert: Im Grunde ist es den Chinesen egal, wer in Pjöngjang regiert. Sie wollen nur Stabilität und wirtschaftliche Öffnung.

Morgenpost Online: Könnte Birma, das sich gerade von einer Militärdiktatur zu einem etwas offeneren System mit demokratischen Grundzügen zu entwickeln scheint, Modell sein für Nordkorea?

Hilpert: Nein, Birma ist ein Vielvölkerstaat, keine Führerdynastie, und nie so hermetisch abgeriegelt gewesen wie Nordkorea. Birma ist dazu ein ungeteiltes Land, das keine nationalen Legitimationsprobleme hat. Für Nordkorea wird eine Stabilisierung mit gleichzeitiger Liberalisierung um vieles schwieriger. Die oft genannten Analogien „Marktwirtschaftliche Liberalisierung bei Beibehaltung der autoritären Herrschaft wie in China und Vietnam“ sind deshalb auch fehl am Platz.

Morgenpost Online: Wird der junge Kim sein politisches und militärisches Ansehen möglicherweise dadurch zu stärken versuchen, indem er einen Konflikt etwa mit dem Bruderland provoziert?

Hilpert : Das ist nicht auszuschließen. Ein außenpolitischer Konflikt könnte helfen, die Reihen nach innen zu schließen.

Morgenpost Online: Könnte er einen Politikwechsel einleiten und auf den Westen, insbesondere auf die USA zugehen?

Hilpert: Das traue ich dem jungen Mann nicht zu. Sein Vater war ein Mikromanager, alles lief über seinen Schreibtisch. Der junge Kim aber wird alles darauf konzentrieren, seine Macht zu konsolidieren. Er wird niemals auf sein Atompotenzial verzichten. Es ist sein Faustpfand gegen den eigenen Untergang.