Irak

Der grausame Krieg, der kein Ende findet

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CNN-Korrespondent Michael Holmes schreibt über seine Jahre im Irak. Er mahnt: Auch nach dem Abzug der US-Tuppen wird der Krieg für die Bevölkerung weitergehen.

Als wir im April 2003 in Bagdad ankamen, konnte man unterschiedlichste Launen und Stimmungen beobachten: die Erschöpfung in den Gesichtern der US-Marines, die sich ihren Weg von Kuwait aus erkämpft hatten, die Freude der „befreiten" Bewohner sowie die misstrauischen Blicke und die offene Verachtung von anderen. Das war vor den Plünderungen, als Bagdad von meinem Zimmer im Hotel Palestine so aussah, als würde die Stadt in Flammen stehen.

Es war mein erster von insgesamt zwölf Besuchen im Irak während dieses nun endenden Krieges (nun ja, zumindest für die Amerikaner endet er ). Einige Besuche waren weniger dramatisch als andere, aber alle waren mit Leid und Tod verbunden. Wie ich nun in unserem Bagdader Büro sitze und diese Zeilen schreibe, kann ich kaum glauben, dass seit meiner ersten Fahrt in die Stadt fast neun Jahre vergangen sein sollen.

"Es ist doch vorbei, oder?"

Freunde in den USA, die erfuhren, dass ich wieder dorthin reisen würde, wollten wissen, wieso. „Es ist doch vorbei, oder?", sagten sie. Für die Amerikaner durchaus, zumindest militärisch betrachtet. Doch nicht für die Iraker - noch lange nicht. Die stetig wachsende Zahl an Flüchtlingen und Binnenvertriebenen zählt zu den größten Problemen des Landes.

Es gibt zwischen 1,2 und 1,9 Millionen Iraker, die innerhalb des Landes vertrieben wurden (je nach Quelle), und 1,6 bis 2 Millionen Flüchtlinge. Viele von ihnen bleiben aus Todesangst lieber in ihren schmutzigen und übel riechenden „Siedlungen", als dahin zurückzukehren, wo einmal ihre Heimat war.

Das Leben all dieser Menschen ist durch den Krieg für immer verändert worden. Auch den im Krieg verwundeten Irakern wurde nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Wir kennen die Namen von jedem westlichen Soldaten und Zivilisten, der in den letzten Jahren dort verletzt wurde. Aber wir können nur vage Vermutungen darüber anstellen, wie viele Iraker erschossen wurden oder einem Bombenanschlag zum Opfer fielen, als sie auf dem Markt einkaufen gehen wollten.

Auswirkungen nicht zu übersehen

Als sicher gilt, dass die Zahl in die Zehntausende geht. Ein Viertel aller Opfer hat dabei mindestens einen Arm oder ein Bein verloren. Die Auswirkungen auf jeden Einzelnen und die Familien sind nicht zu übersehen. Aber auch die fortdauernden Kosten für die Rehabilitation und die längerfristigen Kosten durch den Ausfall der Produktivität werden enorm sein.

Letzten Monat starben 190 Iraker bei Angriffen, und viele weitere wurden verletzt. Täglich gibt es mehr als ein Dutzend Anschläge , über die nicht mehr berichtet wird.

Ich habe viele Bilder dieses Landes aus den letzten Jahren vor Augen, doch der Anblick, der sich am stärksten in mein Gedächtnis eingebrannt hat, ist der eines Autos, das auf der Autobahn südlich von Bagdad dahinrast, die Windschutzscheibe ganz rot vom Blut zweier Freunde – Duraid Isa Mohammed und Yasser Khatib.

Das war im Januar 2004. Nach einem Bericht aus dem Süden des Landes wurden wir auf unserem Weg zurück in die Stadt in einen Hinterhalt gelockt. Aufständische in einem Wagen eröffneten das Feuer auf uns. Yasser und Duraid starben in ihrem Auto.

Unbeschreibliches Glück bei Schusswechsel

Mein Kameramann Scott McWhinnie bekam einen Streifschuss am Kopf ab, überlebte aber glücklicherweise. Er saß neben mir im Wagen. Wir anderen hatten unbeschreibliches Glück und kamen heil davon.

Für einen Kollegen, der in seiner Sendung auf CNN Bilder aus dem Irakkrieg zeigen möchte, sehe ich die Fotos aus acht Jahren durch – und Erinnerungen werden wach: die Fußpatrouillen bei lähmender Hitze und durch die bitterkalten Wüste.

Die Schießereien und Bombenanschläge, die unsere Fenster zum Erzittern brachten und unsere Zuversicht dahinschwinden ließen. Das Lachen und Weinen mit Kollegen und unseren irakischen Freunden.

Ich weiß nicht, wann – oder ob – ich nach diesem Besuch zurückkehren werde. Doch diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. Keiner kann mit Sicherheit die künftigen Kapitel vorhersagen, doch zu berichten gäbe es viel, solange die zänkische Malaki-Regierung an der Macht ist. Manche halten einen Bürgerkrieg im Irak für möglich und religiös motivierte Gewalt für recht wahrscheinlich.

Vetternwirtschaft wird immer wichtiger

Dass die Vetternwirtschaft und das Ausnutzen von Beziehungen immer wichtiger werden, gilt als äußert sicher. Die USA, die den Iran wegen seines Atomprogramms gerne isoliert sähen, haben durch die Entsendung amerikanischer Truppen in den Irak die Stellung und den Einfluss des Iran in der Region eher gestärkt. Das ist die Ironie des Irakkriegs.

Mittlerweile gibt es im Irak viele konkurrierende Lager – politische, ethnische, stammesgebundene und andere. Die Präsenz der USA hat diese unterschiedlichen Gruppen bislang unter Kontrolle gehalten. Das ist jetzt vorbei.

Übersetzung: Günther Lachmann

( WON )