Online-Spott

Junge Russen verhöhnen die Putin-Regierung

In sozialen Netzwerken empört sich Russlands Jugend offen über das Wahlergebnis und über die Kreml-Regierung. Ihr Stilmittel: Sinn für Ironie und Sarkasmus.

Die Wut über die manipulierten Parlamentswahlen vom 4. Dezember in Russland äußert sich nicht nur bei den Demonstrationen auf der Straße. Vor allem im Internet zeigen junge Russen ihre Frustration und ihren Ärger über die politische Situation. Egal ob auf Facebook, dem sozialen Netzwerk „Vkontakte“ oder in Blogs – die Jugend diskutiert intensiv die umstrittene Wahl und die Folgen.

Das Internet ist dabei für viele junge Russen die einzige Möglichkeit, sich über das politische Geschehen im Land zu informieren. Das Fernsehen ist zwar das Medium mit der weitesten Verbreitung, wurde aber nach dem Machtantritt Putins mundtot gemacht – unabhängige Fernsehanstalten wurden geschlossen, unbequeme Journalisten entlassen und Sendelizenzen nur an Kreml-treue Kanäle vergeben.

In den Nachrichten sind nun vor allem Berichte über die Erfolge der Regierung und deren Vorhaben zu sehen. Über die zahlreichen Korruptionsfälle in den staatlichen Behörden erfährt man dort ebenso wenig, wie über die Opposition im Land. Das staatliche Fernsehen begann erst drei Tage später über die Demonstrationen vom vergangenen Montag zu berichten.

Auch die Zeitungen genießen kein großes Vertrauen in der Bevölkerung, nachdem sie sich in den 90er-Jahren zu offensichtlich von den Oligarchen haben instrumentalisieren lassen. Zudem gibt es kaum Blätter, die unabhängig von der Regierung berichten und in ganz Russland erscheinen.

Im Internet können junge Russen das Geschehen hingegen anonym kommentieren und kritisieren – und sich untereinander organisieren: Die aktuellen Proteste wurden vor allem über Facebook und Vkontakte bekanntgegeben, unabhängige Nachrichtenportale berichten über die zahlreichen Manipulationen bei dem Wahlgang und stoßen damit auf großes Interesse bei ihren Lesern. In Blogs wird intensiv über die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre diskutiert.

Auch der Kreml hat das Protestpotenzial im Netz erkannt: Im Wahlkampf wurde der bekannte Blogger Aleksei Navalni als „Schreiberling, der alles schlecht redet“ bezeichnet, die Polizei verhaftete ihn am vergangenen Montag bei einer Demonstration in Moskau.

Am Wahltag konnten viele Internetnutzer nicht auf kritische Webseiten zugreifen, weil Hackerangriffe diese lahmgelegt hatten.

Kreativ und lakonisch

Die Unzufriedenheit bricht sich aber nicht nur in Empörung oder sachlicher Kritik Bahn. Vielmehr zeigen viele Internetnutzer einen außerordentlichen Sinn für schwarzen Humor und Sarkasmus. In Witzen und Fotomontagen machen sie sich über das Führungsduo Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew lustig, verspotten das selbstherrliche Auftreten der Regierungspartei Geeintes Russland und prangern das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten an.

Die Fotos stammen von den Internetplattformen demotivators.ru und kaifolog.ru , auf die User von ihnen bearbeitete und kommentierte Bilder hochladen können.

Auf einem Bild sind Putin und Medwedjew breit in die Kamera grinsend zu sehen. Darunter steht „Wir leben jetzt besser“, eine Parole aus der Stalinzeit, die den Fortschritt im Land propagieren sollte. Die lakonische Antwort darauf: „Das freut uns für euch – denkt das Volk“.

Ein anderes Foto zeigt eine alte Frau, die ihren Wahlzettel in die Urne wirft. Neben ihr steht ein schwer bewaffneter Soldat. Der Kommentar dazu: „Bei einem solchen Beobachter ist es schwer, die falsche Wahl zu treffen.“