US-Drohne im Iran

Das Biest von Kandahar, eine Trophäe der Mullahs

Die US-Drohne, die der Iran im Staats-TV präsentiert, wirkt fast unversehrt. Sie könnte abgestürzt – oder tatsächlich mit "Cyberwar" zu Boden gebracht worden sein.

Der Beitrag im iranischen Fernsehen ist zwei Minuten und 33 Sekunden lang. Er präsentiert in ausführlichen Kameraschwenks eine spektakuläre Jagdtrophäe, dekoriert mit einer US-Flagge, die Totenschädel anstelle der Sterne trägt – und unter dem Porträt des allgegenwärtigen geistlichen Führers Ajatollah Chamenei ist ein offenkundig weitgehend unbeschädigtes Exemplar der amerikanischen Aufklärungsdrohne RQ-170 zu bewundern.

Das von der Öffentlichkeit sonst streng abgeschirmte Meisterwerkzeug der Spionagekunst, ausgestattet mit ausgeklügelter Stealth-Technik, die es vor der Aufdeckung durch feindliches Radar schützen soll, befinde sich seit Sonntag in der Hand der Iraner, heißt es in dem TV-Beitrag.

Die vom US-Konzern Lockheed Martin entwickelte Drohne, besser bekannt unter dem Namen „Sentinel“ und in Afghanistan als "Biest von Kandahar" berüchtigt, sei tief in Irans östlichen Luftraum eingedrungen und von den Revolutionsgarden und dem iranischen Militär in einer „ausgeklügelten Aktion“ durch einen Akt von „elektronischem Cyberwar“ zu Boden gebracht worden, also offenbar durch Kaperung der Computer-Steuerung und nicht durch einen simplen Abschuss.

Der Iran hat sich wegen der angeblichen Verletzung seines Luftraumes offiziell bei den Vereinten Nationen in New York und beim schweizerischen Botschafter in Teheran beschwert, der dort die amerikanischen Interessen vertritt, seit die USA 1979 die diplomatischen Beziehungen zum Iran abbrachen.

In den vergangenen Jahren hat der Iran immer wieder gemeldet, er habe US-Drohnen abgefangen. Aber der neueste Fall sorgt für besondere Spannungen in einer Zeit, in der wegen des offenkundig fortgeschrittenen iranischen Atomwaffenprogramms Spekulationen über einen möglichen Militärschlag Israels, der USA oder Großbritanniens gegen Irans Labore und Stellungen zunehmen.

So soll Washington konkrete Szenarien erwogen haben, um den Iran zu hindern, die Drohne eingehend zu untersuchen und seine Erkenntnisse dann womöglich auch noch an die Russen oder Chinesen weiter zu geben. Das berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten US-Regierungsoffiziellen.

Ein Planspiel habe darin bestanden, ein Spezialteam von Afghanistan aus in den Iran zu schicken und das Luftfahrzeug in Zusammenarbeit mit „verbündeten Agenten im Iran“ zurückzuerobern. Im zweiten Szenario hätte das Team die Drohne durch Sprengstoff zerstören sollen, im dritten wäre das durch einen Luftschlag versucht worden. Alle diese Pläne seien aber verworfen worden wegen der Sorge, der Iran könnte solche Aktionen „zu einem größeren Zwischenfall“ machen.

Technischer Fehler?

Das Pentagon hatte bereits kurz nach den ersten Meldungen iranischer Medien über die abgefangene Drohne bestätigt, es vermisse eine RQ-170, über die man die Steuerkontrolle bei einem Einsatz in Afghanistan verloren habe. Inzwischen wird hinter vorgehaltener Hand verbreitet, die Drohne sei durch einen technischen Fehler auf iranischem Gebiet niedergegangen.

Das ist denkbar. Die unbemannten und unbewaffneten Drohnen, die bis zu 15.000 Meter hoch fliegen können, verfügen über eine gute Segelfähigkeit und könnten auch ohne Motorantrieb weitgehend unbeschädigt landen. Auf den Fernsehbildern sind nur kleiner Brüche an einem der Flügel des beigefarbenen, fledermausartigen Gerätes zu erkennen, die mit Klebeband geflickt sind. Im Fall eines Abschusses wäre von der Sentinel wenig übrig geblieben.

Die dramatischste Vorstellung aus US-Perspektive wäre es, wenn die Iraner die Drohne tatsächlich per Computersignal „gekapert“ hätten. Abgesehen davon, dass die RQ-170 wegen ihrer Stealth-Technologie eigentlich gänzlich unsichtbar bleiben sollte, würde ein solcher Coup eine bislang für unvorstellbar gehaltene Qualität der iranischen Cyber-Kriegsfähigkeit demonstrieren.

„Es wäre praktisch unmöglich für den Iran, eine RQ-170 abzuschießen, denn wegen seiner Stealth-Technik kann die iranische Luftabwehr sie nicht erkennen“, sagte Loren Thompson, Expertin des Lexington Instituts in Arlington, Virginia, dem Fachblatt „The Military Times".

USA nutzen alle Mittel zur Aufklärung über Nuklearprogramm

Wiederholt hatte Teheran behauptet, US-Drohnen über dem Persischen Golf vor dem Eindringen in den iranischen Luftraum abgefangen zu haben. Im Juli hatte Teheran zunächst den Abschuss einer US-Drohne, diesmal „tief im iranischen Luftraum“, verkündet, die Meldung kurz darauf aber zurückgezogen. Durch eine Militärübung sei ein Irrtum entstanden. Experten rätselten daraufhin, ob Teheran die Meldung nur zurückzog, weil es den USA nicht die Fähigkeit zugestehen wollte, Drohnen tief in seinen Luftraum zu schicken.

Washington macht kein Geheimnis daraus, dass es alle Mittel zur Aufklärung über den Stand des iranischen Nuklearprogramms nutzt. Tom Donilon, der nationale Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, sagte kürzlich, die USA würden „aggressiv daran arbeiten, alle neuen nuklearen Anstrengungen des Iran aufzudecken“.

Teheran verweigert den Kontrolleuren der Internationalen Atomenergiebehörde den Zugang zu seinen Anlagen. Die Behörde hatte kürzlich in einem Bericht dargelegt, dass sich Teheran weiter um die Entwicklung von Nuklearwaffen bemühe. Das Regime behauptet, diese Arbeiten dienten lediglich zivilen Zwecken.