Atomwaffen

Die Iran-Bedrohung ist näher an den Westen gerückt

Anschlagspläne, Morde, Sabotage – iranische und westliche Geheimdienste bekriegen sich im Kampf um die Bombe. Doch aus dem Ringen könnte ein handfester Krieg werden.

Foto: dapd / dapd/DAPD

An einem Montagnachmittag im November 2009 steht Niva Ben Charusch am Fenster. Sie wohnt direkt am Hafen von Tel Aviv doch ihr Blick geht nicht auf die See, sondern auf den Parkplatz, wo ihr plötzlich ein verdächtiger Mann ins Auge fällt, der diskret ein kleines Päckchen unter einem geparkten Auto platziert. Ben Charusch bekommt Angst, sie ruft die Polizei.

Eine Viertelstunde später haben die Beamten den Hafenbereich gesperrt und evakuiert. Doch die Bombe war eine Attrappe, der vermeintliche Attentäter identifizierte sich als Auszubildender einer israelischen Regierungsorganisation. Einige Mitarbeiter des Geheimdienstes Mossad soll der peinliche Zwischenfall am Hafen von Tel Aviv ihren Job gekostet haben.

Ein Jahr später, am 29. November 2010, wird in Teheran Fereidun Abbasi, der Chef der Iranischen Atomenergiebehörde, bei einem Anschlag schwer verletzt. Jemand hatte eine Bombe unter seinem Auto versteckt. Am selben Tag kommt noch ein weiterer iranischer Nuklearwissenschaftler ums Leben: Ein Motorradfahrer hatte einen mit Vakuumsaugern versehenen Sprengsatz während der Fahrt an der Windschutzscheibe des Opfers befestigt, war im Verkehr verschwunden und hatte den Zünder aus einiger Entfernung betätigt. Sprengkraft und Position der Bombe waren so exakt bemessen, dass die Frau des Wissenschaftlers auf dem Beifahrersitz unverletzt blieb.

Täter sind bis heute unbekannt

Fünf solcher Anschläge hat es in den vergangenen Jahren auf iranische Nuklearwissenschaftler gegeben. Die Täter sind bis heute unbekannt. Dazu kommen Fälle, in denen nicht einmal klar ist, ob es tatsächlich Anschläge waren – etwa der Absturz einer Tupolew-134 über Karelien im Jahr 2009, bei dem angeblich auch ein leitender Experte des iranischen Atomreaktors Buschehr ums Leben kam. Doch kaum jemand hat Zweifel, dass westliche Geheimdienste zu allen Mitteln greifen, um das iranische Atomprogramm zu stoppen.

Dazu könnten auch digitale Waffen gehören: Der Computerwurm Stuxnet warf die iranischen Bemühungen im vergangenen Jahr wohl um mehrere Monate zurück. Experten sind sich einig: Einen so komplexen Virus gab es noch nie. Der Wurm war gezielt für die Kontrollrechner der iranischen Zentrifugen programmiert.

Die Entwicklung und notwendigen Tests müssten Millionen gekostet haben – über solche Ressourcen und das notwendige Know-how könnten nur staatliche Institutionen verfügen, sagen Fachleute der Anti-Virus-Firma Symantec. Und dann sind da die zahlreichen ungeklärten Explosionen in iranischen Forschungs- und Militäreinrichtungen:

Vor drei Wochen flog eine Anlage der Revolutionsgarde in die Luft. Nach iranischen Angaben wurden dabei 17 Menschen getötet, darunter der Chef des iranischen Raketenprogramms, General Hassan Moghaddam. Offiziell hieß es, beim Transport von Munition sei ein Unfall geschehen. Doch dagegen sprach die Tatsache, dass es offenbar nur eine starke Explosion gegeben hatte statt vieler kleinerer. Auch die auf Satellitenbildern erkennbaren Schäden passen nicht zur offiziellen Version.

Detonation in Uranumwandlungsanlage

Nur wenige Tage später ereignete sich in der Uranumwandlungsanlage in Isfahan eine weitere Detonation. Nun äußerten sich iranische Vertreter noch widersprüchlicher: Mal hatte es den Zwischenfall gar nicht gegeben, dann war eine Tankstelle explodiert. Noch seltsamer wird die Angelegenheit dadurch, dass die Umwandlungsanlage auf der Prioritätenliste der Geheimdienste nicht besonders weit oben gestanden haben dürfte und ihre Beschädigung dem iranischen Atomprogramm nicht wirklich schadet.

Dennoch scheint kaum jemand daran zu zweifeln, dass der angeblich so allmächtige Mossad jede Explosion im Iran – und anderswo – zu verantworten hat. Ein ehemaliger westlicher Geheimdienstmitarbeiter warnt gegenüber der „Welt“ allerdings zur Vorsicht: „Das könnten die Israelis gar nicht allein“, sagt er. Man könne hinter den Aktionen nur mehrere, miteinander kooperierende Dienste vermuten. „Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich wird viel Geld an iranische Oppositionsbewegungen fließen“, sagt er. Möglicherweise würden auch Oppositionelle trainiert und ausgerüstet, um die Anschläge durchzuführen.

Gibt es also auch unter den Revolutionsgarden Dissidenten? Jedenfalls ist die Zahl der Sabotageakte auf die zivile Infrastruktur im Iran im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Die Opposition könnte also stärker sein als vermutet. Rät der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan vielleicht deshalb so entschieden von einem Militärschlag ab, weil er eine Chance auf eine neue Grüne Revolution sieht?

In Teheran tobt längst ein offener Machtkampf. Präsident Mahmud Ahmadinedschad versucht die Führungspositionen im Staatsapparat mit Getreuen zu besetzen, während der geistliche Führer Ali Chamenei systematisch die Vertrauten des Präsidenten feuert.

In einem Fernsehinterview wies Dagan am Freitag die Einschätzung zurück, der Iran handle irrational. Die Führung nehme große Rücksicht auf die Folgen ihres Handelns, sagt der ehemalige Chefspion. Er sei gegen einen Militärschlag, weil man nur in absoluter Lebensgefahr mit offenen Augen in einen regionalen Krieg renne. Ja, Israel könne gleichzeitig einen Krieg mit Iran, der libanesischen Hisbollah, der Hamas in Gaza und mit der syrischen Armee führen. „Aber um welchen Preis?“, fragt Dagan.

Iran könne Schläferzellen aktivieren

Diese Frage hat der amerikanische General Anthony Zinni kürzlich im Fernsehsender CBS beantwortet. Man müsse die Konsequenzen gut durchdenken: Ein Öltanker, der auf eine Seemine stoße, eine Rakete, die ein Ölfeld trifft oder ein Angriff auf US-Truppen im Irak – „sie können sich vorstellen, was dann passiert!“. Der Iran könne Schläferzellen aktivieren, die Straße von Hormus und sogar das Rote Meer blockieren und den Ölpreis so in die Höhe treiben – angesichts der ohnehin labilen Weltwirtschaft ein Horrorszenario.

„Ich denke, dass jeder, der glaubt, mit einem sauberen Angriff wäre die Sache erledigt und es würde keine Reaktion geben, einen Fehler macht“, sagt Zinni. Den offenen Krieg will der Westen deshalb vermeiden. Doch ein verdeckter Krieg ist längst in Gange. Dazu gehören selbst laute Bühnenaktionen wie die Erstürmung der britischen Botschaft in Teheran am vergangenen Dienstag. Der angeblich spontane Übergriff des Mobs war offenbar eine Reaktion auf die Verschärfung der Iran-Sanktionen.

Aufgebrachte Studenten waren da jedenfalls nicht allein Werk. Und Anfang der Woche schien es kurz, als würde auch Deutschland dabei zum Schlachtfeld. Von geplanten Anschlägen des Iran auf in der Bundesrepublik stationierte amerikanische Truppen, berichtete die „Bild“-Zeitung. Zunächst schien der Generalbundesanwalt den Bericht zu bestätigen: Man habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Später hieß es, eine Hausdurchsuchung bei einem deutsch-iranischen Geschäftsmann habe den Verdacht nicht erhärtet.

Bedrohung näher an den Westen gerückt

Seit dem vergangenen September ist die Bedrohung näher an den Westen herangerückt, als man sich das dort hatte vorstellen können. Da wollte in Washington ein mexikanisches Drogenkartell in einer gemeinsamen Operation mit den iranischen Quds-Truppen den Botschafter Saudi-Arabiens ermorden und gleichzeitig Bombenanschläge auf die saudische und israelische Botschaft verüben.

In einem Film hätte die Geschichte bei den Zuschauern wohl ungläubiges Kopfschütteln geerntet. Der Plan flog auf, weil die Kontaktperson der Iraner in Wahrheit gar kein Drogenhändler war, sondern ein Drogenfahnder.

Doch war der Iran wirklich der Auftraggeber? Einige Analytiker finden den Plan für zu amateurhaft für eine Regierung, die über Jahrzehnte einen beträchtlichen Erfahrungsschatz im Staatsterrorismus anhäufen konnte. Und wer genau soll den Befehl zu der Aktion gegeben haben? Präsident Ahmadinedschad? Oder der geistliche Führer Chamenei? Oder hat jemand bei den Geheimdiensten eigenmächtig gehandelt?

Von der iranischen Kooperation mit Drogenkartellen hatte eine mexikanische Zeitung schon 2009 berichtet und ein geheimes Dokument der US-Drogenfahndung veröffentlicht: Die Kartelle würden Scharfschützen von Mitgliedern der Revolutionsgarden ausbilden lassen, hieß es da. Der Iran scheint sich auf diese Art eine Einflusszone in Lateinamerika – dem Vorgarten der USA – sichern zu wollen.

US-Verteidigungsminister Robert Gates ist besorgt

Gab es 2005 noch sechs iranische Botschaften in der Region, so sind es heute schon zehn. Kein Wunder also, dass US-Verteidigungsminister Robert Gates schon vor zwei Jahren sagte: „Ich bin besorgt über das Ausmaß dieser – offen gesagt – subversiven Aktivitäten der Iraner an einigen Orten in Südamerika.“ Über den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez soll Ahmadinedschad 2007 sogar versucht haben, Argentinien zur Unterstützung bei der Urananreicherung zu bewegen.

Das war dreist, denn das letzte iranische Engagement in Argentinien war mörderisch: 1992 war auf die israelische Botschaft in Buenos Aires ein Anschlag verübt worden, bei dem 29 Menschen starben und 242 verletzt wurden. Zwei Jahre später explodierte eine Bombe beim jüdischen Gemeinschaftszentrum AMIA, tötete 85 Menschen und verletzte 300 weitere. Es gilt als so gut wie sicher, dass der Iran zumindest indirekt hinter den Anschlägen steckte.

In Saudi-Arabien jedenfalls zweifelte man nicht an der Ernsthaftigkeit der Anschlagspläne auf den Botschafter in Washington. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Iran Vertreter der Golfstaaten angreift: Ein tödliches Attentat auf den Emir von Kuwait soll 1985 ebenso auf das Konto des Iran gegangen sein wie die Autobomben gegen saudische Diplomaten in Thailand und der Türkei.

Das Außenministerium von Bahrain teilte jüngst mit, man habe gemeinsam mit katarischen Sicherheitskräften eine Terrorzelle der Revolutionsgarden im Land enttarnt. In Kuwait berichtete die Zeitung „al-Qabas“, auch dortige Sicherheitsdienste beobachteten einige solcher Zellen. Einer der Gefassten in Bahrain habe gestanden, die Aktivitäten würden mit iranischen Agenten in anderen Ländern koordiniert.

Regierung verhängte überraschend Nachrichtensperre

In Kuwait soll schon im Mai eine Zelle enttarnt worden sein. Nach anfänglicher Selbstbelobigung der Dienste für ihren Erfolg verhängte die Regierung überraschend eine Nachrichtensperre – vielleicht, weil die vermutete Beteiligung einheimischer Schiiten zu Spannungen mit der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit führen könnte.

Solche Nachrichten sind in den Golfstaaten mit ihren vielschichtigen Interessen und undurchsichtigen Informationsstrukturen mit Vorsicht zu nehmen, aber auch westliche Sicherheitskräfte gehen von der Existenz solcher Schläfer aus. „Es gibt sie in Saudi-Arabien, in Kuwait, in Bahrain, in Oman – überall, wo man mithilfe einer schiitischen Minderheit für Ärger sorgen kann“, sagen westliche Sicherheitskreise der „Welt“.

Auch der 1991 in den Westen übergelaufene ehemalige iranische Diplomat Adel al-Assadi bestätigte das gegenüber der Zeitung „Gulf News in Dubai“. Schon vor zehn Jahren seien seine Agenten nicht nur für die klassische Schnüffelei ausgebildet worden, sondern auch für die Anstachelung sozialer und religiöser Unruhen in ihren Gastländern.

Hamas könnte Raketenbeschuss wieder aufnehmen

Doch nirgendwo macht man sich größere Sorgen über den Iran als in Israel. Und nichts fürchtet man dort mehr als eine Atombombe in den Händen Teherans. Im Falle einer militärischen Eskalation wäre das kleine Land mehrfach verwundbar: Die aus dem Iran finanzierte Hamas könnte aus dem Gazastreifen den Raketenbeschuss wieder aufnehmen, der Iran könnte Raketen nach Israel abfeuern, Syriens bedrängter Präsident Baschar al-Assad könnte einen Konflikt mit Israel als Ablenkung für den Volkszorn nutzen und die Schiitenmiliz Hisbollah besitzt im Südlibanon immerhin 40000 Raketen – meist aus dem Iran.

„Dort, das ist das Dorf Aita ach-Chaab“, sagt die Offizierin des israelischen Militärgeheimdienstes und zeigt von einem Hügel unmittelbar an der Grenze in die libanesische Ebene. „Ebenso viele Gebäude wie sie dort über der Erde sehen, gibt es auch unterirdisch“, sagt sie.

Die Hisbollah habe ihre Taktik geändert: Wegen der UN-Truppen und der libanesischen Armee würden sie nicht mehr offen Uniformen und Waffen tragen und sich nicht mehr in den Wäldern verstecken. Die Raketen seien jetzt in den Dörfern untergebracht, Privathäuser dürften die Unifil-Truppen aufgrund ihres Mandats nicht betreten.

Iran könnte weltweit Schaden anrichten

Scud-Raketen mit ihrer großen Reichweite befänden sich gar nicht in der Umgebung – „die schaffen es auch bis nach Israel, wenn man sie im Norden des Libanon lagert“.

Erst vor wenigen Tagen wurden vier Katjuscha-Raketen über die Grenze gefeuert. Hat dafür Teheran grünes Licht gegeben, wie vielerorts vermutet wurde? Nein, entgegnet sie. Das waren wohl Mitglieder einer unabhängigen globalen Dschihad-Organisation.

Natürlich seien die Mullahs beunruhigt über die Entwicklungen in Syrien, ihrem wichtigsten arabischen Verbündeten. Doch ihre Reaktionen seien kaum zu prognostizieren: „Ich kann sagen, dass Hisbollah die strategischen und militärischen Fähigkeiten hat, im Falle eines Regimewechsels in Syrien gleich ganz Beirut einzunehmen.“ Aber ob Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah das auch wolle, wisse allerdings niemand.

Mit dem Iran ist das wohl ähnlich: Noch hält das Regime sich mit Racheakten zurück. Selbst die größte Provokation, die Entscheidung, schnellstmöglich eine Atombombe zu bauen, hat man in Teheran bisher vermieden. Dass das Regime aber die Fähigkeiten besitzt, weltweit erheblichen Schaden anzurichten, ist längst offensichtlich.