Afghanistan-Konferenz

Mord, Boykott und deutsche Eifersüchteleien

Die Afghanistan-Konferenz in Bonn sollte ein großer Aufschlag werden. Doch eine Serie von Rückschlägen bedroht den Erfolg.

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Es geht auf Mitternacht zu in Islamabad, Pakistan. In der Lobby des Serena-Hotels sitzt Michael Steiner auf einem Sofa, die Brille auf der Nase, auf dem Schoß einen Stapel grüner Akten, neben sich den aufgeklappten Laptop.

Vor dem Schlafengehen gilt es, noch eine Reihe von Dokumenten zu bearbeiten. Sie alle befassen sich mit einem Thema: der Afghanistan-Konferenz am 5. Dezember in Bonn.

So geht das seit Monaten. Die Vorbereitung dieses Treffens führte Steiner in die Hotels, Flughäfen und Konferenzräume von Kabul, Washington, Istanbul, Brüssel, Astana oder den Golfstaaten.

Im Auftrag der Bundesregierung reiste der Diplomat mit dem Ziel um die Welt, den Text einer Abschlusserklärung der Konferenz zu formulieren. Darin soll dem Land am Hindukusch eine Perspektive für die Zeit nach dem Abzug der internationalen Truppen aufgezeigt werden.

Serie von Rückschlägen begann mit Mord an Rabbani

Deutschland hat die mühsame Aufgabe übernommen, diesen Prozess zu moderieren. Und wäre alles wie geplant gelaufen, hätte die Bundesregierung ja auch einen diplomatischen Erfolg mit hoher Symbolik vorweisen können.

Zehn Jahre nach der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg, dem Markstein zu Beginn des internationalen Engagements, sollte Bonn nun wiederum zur Wegmarke werden: Bei der mit rund 100 Delegationen größten internationalen Konferenz, die das Auswärtige Amt je organisiert hat, sollte die Ablösung des Militäreinsatzes durch einen politischen Prozess manifestiert werden.

Doch es lief nicht wie geplant. Wenige Tage vor Beginn der Großveranstaltung steht der Erfolg des diplomatischen Kraftakts mehr denn je infrage. Die Serie von Rückschlägen begann am 20. September in Kabul, mit dem Mord an Burhanuddin Rabbani . Der Vorsitzende des Hohen Friedensrats wurde von einem Selbstmordattentäter mit in den Tod gerissen.

Rabbani sollte im Auftrag des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai mit den Taliban über Wege zur Aussöhnung verhandeln. In Bonn wollte Karsai dann von den Fortschritten berichten. Nun gibt es nichts zu berichten.

Zähe Verhandlingen mit den USA und Absage Pakistans

Auch mit den Amerikanern kommt Karsai nicht wie gewünscht voran. Parallel zu den Vorbereitungen für Bonn verhandelten Washington und Kabul über die Form des künftigen Engagements der USA am Hindukusch. Eigentlich sollte dieser strategische Dialog bis zur Konferenz in Deutschland abgeschlossen sein.

Schließlich will jedes Land wissen, was der größte Truppensteller künftig macht, ehe man sich selbst verpflichtet. Doch die Gespräche sind zäh, eine Loja Dschirga in Kabul stellte den Amerikanern kaum erfüllbare Bedingungen, ein Abkommen ist nicht in Sicht. „Wenig hilfreich“ sei diese Verzögerung, heißt es im Auswärtigen Amt.

Bleibt Pakistan , das nicht nur von Steiner mehrfach besucht wurde. Außenminister Guido Westerwelle reiste vor zwei Wochen persönlich nach Islamabad, um Regierung und Militär der Islamischen Republik zur Kooperation in Bonn anzuhalten.

Inhaltliche Zugeständnisse erhielt er zwar nicht, aber immerhin wollte Außenministerin Hina Rabbani Khar an der Konferenz teilnehmen. Diese Zusage galt bis Dienstag, als Pakistan seine Teilnahme wieder absagte – als Reaktion auf einen Nato-Luftangriff auf zwei Militärposten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, bei dem 24 pakistanische Soldaten getötet wurden.

Pakistan ist Schlüssel für Friedensprozess mit Taliban

Nun ist Pakistan nicht irgendein Konferenzteilnehmer. Das komplette künftige Engagement der internationalen Gemeinschaft fußt auf der Hoffnung, dass der Friedensprozess zwischen afghanischer Regierung und den Taliban vorankommt.

Pakistan ist der Schlüssel für diesen Prozess, führende Zellen der Aufständischen wie die Quetta-Schura oder das Haqqani-Netzwerk haben dort ihre Operationsbasen, auch Teile des Militärs und des Geheimdienstes sollen eng mit den Taliban vernetzt sein.

Karsai, Westerwelle, Steiner, US-Außenministerin Hillary Clinton und Bundeskanzlerin Angela Merkel lassen deshalb nichts unversucht, die Pakistaner noch umzustimmen. Notfalls soll nicht Außenministerin Khar teilnehmen, sondern ein weniger exponierter Vertreter. Ob die telefonischen Appelle gehört werden, ist offen.

Merkel eröffnet Konferenz am Montag

Mord, Boykott – im Vergleich mit diesen für Afghanistan existenziellen Problemen sind die innerdeutschen Eifersüchteleien im Vorfeld der Konferenz Kleinigkeiten. Aber sie machen die Organisation der Mammutveranstaltung nicht eben einfacher. So war Westerwelle mit der fachlichen Arbeit seines Botschafters Steiner zwar zufrieden.

Gestört haben ihn allerdings Medienberichte, wonach der von ihm eingesetzte Sonderbeauftragte der wahre Architekt der deutschen Afghanistanpolitik sei. Westerwelles Dunstkreis mutmaßte, der „pathologisch eitle“ Steiner habe das selbst lanciert. Der Diplomat musste zum Rapport, wies das zurück und beklagte mangelnde Anerkennung seiner Arbeit.

Am Montag werden weder Steiner noch Westerwelle die Konferenz eröffnen, sondern Angela Merkel. Angesichts der dürftigen Erfolgsaussichten dürfte das den Streithähnen ganz recht sein.