Pulverfass

Pakistan hat gegen den Westen die Fäden in der Hand

Nach dem Nato-Angriff auf einen Grenzposten bleibt Islamabad der Afghanistan-Konferenz in Bonn fern. Hat der Westen seinen schwierigen Verbündeten endgültig verloren?

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"Pakistan“, schreibt die pakistanische Zeitung „Express Tribune“, „hat jetzt die Oberhand.“ Nach dem tödlichen Nato-Angriff auf einen Grenzposten im Distrikt Mohmand am vergangenen Samstag, bei dem 24 Soldaten getötet wurden, kochen Pakistans Emotionen über. Die angestaute Wut auf Washington hat mit diesem tragischen Vorfall ein Ventil gefunden. Die Regierung in Islamabad, genau wie die Protestierenden auf den Straßen überall im Land, reiten auf einer Woge des Zorns.

Wieder brennen amerikanische Flaggen, wieder werden Parolen gegen die USA gebrüllt. Und die Demonstranten fordern lautstark ein Ende der strategischen Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Selten waren die Beziehungen zwischen den ungleichen Alliierten so zerrüttet. Und während all der Spannungen der letzten Monate war Pakistan moralisch nie so überlegen wie heute.

Im Gegensatz zur letzten großen Krise in den Beziehungen vor etwa sechs Monaten, als US-Sondereinsatzkräfte Osama Bin Laden auf pakistanischem Boden aufspürten und töteten, kamen diesmal pakistanische Soldaten durch amerikanische Hand ums Leben. Verbündete töten Verbündete. In der Wahrnehmung der Pakistaner ist dies das ultimative Vergehen der USA.

Als drastische und stark symbolhafte Konsequenz hat Islamabad nun verkündet, Pakistan werde die Afghanistan-Konferenz in Bonn boykottieren , die ab dem 5. Dezember abgehalten wird. Die Entscheidung, so ein Regierungssprecher, sei bei einem Kabinettstreffen unter Premierminister Yousaf Raza Gilani gefällt worden. Unilaterale Aktionen wie der „Abbottabad-Vorfall“ und die jüngste Attacke seien inakzeptabel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte kurz darauf, sie wolle Pakistan doch noch zur Teilnahme bewegen. „Wir haben immer gesagt, dass die Konflikte nur in der Region gelöst werden können, und Pakistan ist Teil dieser Region“, sagte Merkel in Berlin. Doch ihr pakistanisches Gegenüber, Premier Gilani, hatte schon zuvor in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN erklärt: „Eine Rückkehr zur Normalität wird es nicht geben.“

Pakistan hat auch praktische Maßnahmen ergriffen, um die Nato zu bestrafen: Zwei Grenzübergänge nach Afghanistan wurden geschlossen, und damit wurde die Hälfte des Nachschubs für die Koalitionstruppen in Afghanistan gestoppt, der über den pakistanischen Hafen Karatschi in die Region kommt. Die Routen sollen erst wieder geöffnet werden, wenn die Nato sich in aller Form entschuldige und die Verantwortlichen hart bestrafe. Außerdem hat Islamabad die USA aufgefordert, den Luftwaffenstützpunkt Schamsi in der Provinz Balutschistan innerhalb der nächsten zwei Wochen zu räumen.

Pakistan hat die Fäden in der Hand

Es scheint zu stimmen: Pakistan hat im Augenblick die Fäden in der Hand. Beobachter gehen davon aus, dass Islamabad diese seltene Gelegenheit weiter ausschlachten und Zugeständnisse fordern wird, um eigene Interessen durchzusetzen. So wird Pakistan ein Mitspracherecht in Afghanistans politischer Zukunft einfordern und versuchen, pakistanfreundliche Politiker in die afghanische Regierung zu bekommen. „Die Pakistaner werden ihre Bedingungen darlegen“, sagt Kamran Bokhari, Vizepräsident der Abteilung für den Mittleren Osten und Südasien des US-Thinktanks Stratfor.

Neben der Zivilregierung will auch das Militär ein Wörtchen mitreden. „Pakistans militärische Führung steht unter enormem Druck von mittleren und Unteroffizieren“, erklärt Sicherheitsexperte Hasan Abbas von der amerikanischen National Defense University. Dieser Druck werde die Armee dazu bringen, in den kommenden Monaten bei den diplomatischen Manövern mit Washington ihre Muskeln spielen zu lassen. „Vom Standpunkt des Militärs aus ist dies eine perfekte Gelegenheit, zur Abwechslung mal in die Offensive zu gehen“, meint auch Bokhari. Schließlich brauchten die Amerikaner Pakistan für einen sicheren Abzug.

Am Montag hatte ein Militärsprecher schon angedroht, die Zusammenarbeit bei Friedensmissionen in Afghanistan drastisch zu reduzieren. Das würde Washingtons Pläne, bis 2014 abzuziehen, empfindlich infrage stellen.

Und wieder nutzt China die Gunst der Stunde , gegen die USA aufzutrumpfen, und springt Pakistan zur Seite. Peking schickte prompt ein Beileidsschreiben nach Islamabad. Man sei zutiefst schockiert über den folgenschweren Nato-Angriff. Der Vorfall müsse genau untersucht werden.

Peking wetteifert mit Washington um Einfluss und Macht in der Region und hat sich gerade in den letzten Monaten militärisch immer enger mit Pakistan verbündet. Je schlechter das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten wurde, desto näher rückten Pakistan und China zusammen. Ende Mai hatte Premier Gilani in China Kampfjets gekauft. Und nach dem Zugriff auf Osama Bin Ladens Schlupfwinkel in Abbottabad hatte Pakistan einen dort abgestürzten ultramodernen US-Helikopter den Chinesen zur genauen Untersuchung überlassen – sehr zum Ärger Washingtons.

Bevölkerung fordert Abkehr von USA

Peking hat aber nicht nur geostrategische und wirtschaftliche Interessen in der Region, China hat in seiner nordöstlichen Provinz Xinjiang ein eigenes separatistisch motiviertes Terrorproblem. Innerhalb der dort lebenden Volksgruppe der Uiguren, überwiegend Muslime, regt sich zunehmend Widerstand gegen Peking, und die Spur der Drahtzieher jüngster Terroranschläge führt in Terror-Trainingscamps in den pakistanischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan – dort, wo auch die afghanischen Taliban ihre Rückzugsräume haben. Chinas Regierung möchte daher in seinem eigenen Antiterrorkampf mit Pakistan kooperieren.

Bisher war Islamabads Abhängigkeit von Amerikas finanzieller und militärischer Unterstützung stets zu groß, um auftrumpfen zu können. Inzwischen aber – vor allem mit dem mächtigen China an seiner Seite – hat die pakistanische Führung nicht mehr so viel zu verlieren, wenn sie sich offen gegen die USA stellt. Die Bevölkerung fordert das ohnehin schon lange.

Die Führung steht unter Druck. Der Nato-Angriff auf den Grenzposten könnte der letzte Funken gewesen sein, der dieses Pulverfass zur Explosion bringt und die Mächtekonstellation in der Region unwiderruflich verschiebt.