Fünf Jahre in Haft

Der Schalit-Tausch ist das Ende eines Albtraums

Israel einigt sich mit der Hamas: Der verschleppte Soldat Gilad Schalit soll im Austausch gegen palästinensische Häftlinge freikommen – gegen 1027 palästinensische Häftlinge. Der ungleiche Tausch birgt Risiken, doch Israel behält sich eine letzte Option vor.

Irgendwann im Laufe dieses langen Abends lächelt Aviva Schalit. Es ist noch ein vorsichtiges, ein zweifelndes Lächeln auf den Lippen einer Frau, die seit langem keine wahre Freude mehr kennt. Denn seit mehr als fünf Jahren wartet Aviva Schalit auf die Rückkehr ihres Sohnes Gilad, der am 25. Juni 2006 während seines Militärdienstes von Hamas-Kämpfern in den Gazastreifen verschleppt und seitdem dort gefangen gehalten wird.

Seit mehr als fünf Jahren kämpfen die Schalits für die Freilassung ihres Sohnes, erst still im Hintergrund und dann immer lauter. Sie sind in ein Protestzelt vor der Residenz des Ministerpräsidenten in Jerusalem gezogen, fast ununterbrochen stehen sie seitdem im Scheinwerferlicht der Medien.

Und nun könnte es wirklich so weit sein: Ein Abkommen über einen Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas-Führung sei bereits unterschrieben, meldet der arabische Sender al-Arabija am Dienstagabend um kurz nach sieben. Ein Führer des militärischen Flügels der Hamas habe den Deal bestätigt.

"Wir haben uns schon mal in diesem Film befunden"

Das ist zunächst mal ein Gerücht, wie es in dieser Sache schon so viele gegeben hatte. Noam Schalit, der Vater des entführten Soldaten, sagt, man hoffe dass es sich um eine ernsthafte Entwicklung handele. Das klingt noch sehr skeptisch. „Wir haben uns schon mal in diesem Film befunden“ sagt der Vater. Immer wieder hatte es in den vergangenen Jahren Informationen über einen unmittelbar bevorstehenden Austausch gegeben. Immer wieder wurden die Hoffnungen der Familie geweckt und dann jäh enttäuscht.

Könnte es dieses Mal anders sein? Was ihm Ministerpräsident Netanjahu bei einem Gespräch am Nachmittag mitgeteilt hat, möchte Noam Schalit nicht sagen.

Die israelischen Fernsehsender haben längst ihr reguläres Programm unterbrochen und bringen Sondersendungen. Die Korrespondenten und Moderatoren wissen noch nicht, dass es eine sehr lange Nacht für sie werden wird. Netanjahu habe das gesamte Kabinett zu einer Sondersitzung einberufen, heißt es. Manchen Ministern sei nicht einmal mitgeteilt worden, was auf der Tagesordnung der Sitzung stehe.

Bis zur letzten Minute geheim gehalten

Man habe den vereinbarten Gefangenenaustausch bis zu letzten Minute geheim halten wollen. Das ist gelungen: Zwei Sitzungen des inneren Kabinetts von acht Ministern habe es in den vergangenen Tagen gegeben, geben Vertraute des Ministerpräsidenten nun bereitwillig zu. Nichts davon ist an die Öffentlichkeit gelangt. Am Montag hätten die Minister bis um vier Uhr in der früh gemeinsam beraten.

Man sieht Netanjahu die Müdigkeit dann auch an, als er um zwei Minuten vor neun die Kabinettssitzung mit einigen einleitenden Worten eröffnet. Er lässt den Ministern kaum eine Wahl: Das Abkommen ist schon unterschrieben, Gilad werde „in wenigen Tagen nach Haus zurückkehren“, verkündet der Regierungschef. Hinter verschlossenen Türen werden die Minister dann die Vor- und Nachteile des Abkommens diskutieren, bevor es schließlich zur Abstimmung kommen soll.

Tausch ist nicht ohne Risiken

Denn es ist ein ungleicher Tausch nicht ohne Risiken, auf den Israels Regierung sich hier einlässt. Im Gegenzug für Schalit sollen 1027 palästinensische Häftlinge freikommen, darunter mehrere Hundert zu lebenslanger Haft verurteilte Terroristen.

Zunächst sollen innerhalb einer Woche 450 männliche Gefangene und 27 Frauen entlassen werden. Daraufhin soll Gilad Schalit – der sich möglicherweise schon in Obhut ägyptischer Sicherheitskräfte befindet – an Israel übergeben werden. Innerhalb von zwei Monaten sollen dann 550 weitere Palästinenser entlassen werden.

Israel behält sich den Einsatz einer letzten Waffe vor

Auf den ersten Blick scheinen das dieselben Bedingungen zu sein, denen die israelische Regierung bisher nicht zustimmen wollte, doch die Differenzen liegen im Detail. Beide Seiten haben Zugeständnisse gemacht: Die Israelis stimmten der Entlassung von Palästinensern aus Ost-Jerusalem oder mit israelischer Staatsangehörigkeit zu, die Hamas musste einsehen, dass ein großer Teil ihrer Führungsriege hinter Gittern bleiben werde.

Von den nur 110 Gefangenen, die in das Westjordanland und nach Jerusalem zurückkehren werden, unterliegt die Hälfte teils drastischen Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Etwa 200 aus dem Westjordanland stammende Gefangene werden in den Gazastreifen umgesiedelt, 40 müssen im Ausland eine neue Heimat finden.

Schließlich macht der Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Joram Cohen, kein Hehl daraus, dass Israel sich den Einsatz einer letzten Waffe vorbehält: Israel habe sich in dem Abkommen nicht dazu verpflichtet, die entlassenen Palästinenser nicht auszuschalten, sagt er und meint damit wohl gezielte Tötungen.

Cohen befürwortet den Austausch. Auch der Armeechef und der Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad sollen dem Abkommen zugestimmt haben. Die Hauptrolle soll im Endstadion die ägyptische Militärregierung gespielt haben, die massiven Druck auf die Hamas ausgeübt habe, sagen israelische Insider.

"Schauen, ob er echt ist“

Es ist längst dunkel geworden in Jerusalem. Langsam füllt sich der Pariser Platz um das Protestzelt der Schalits. Die Eltern haben sich zurückgezogen, der Bruder Joel und seine Freundin halten die Stellung. Was ist das erste, dass du mit ihm nach seiner Rückkehr machen möchtest, fragt eine Journalistin? „Ihn umarmen“ antwortet Joel und fügt nach kurzem Zögern hinzu: „Schauen, ob er echt ist“. Die Freilassung übersteigt sein Vorstellungsvermögen.

Dabei wird die Hoffnung immer konkreter. Der Exilchef der Hamas, Chaled Meschal, hat im Fernsehen die Details bestätigt. Meschal erklärt die palästinensischen Gefangen zu Helden, die sich bald wieder beim nationalen Aufstand beteiligen könnten. Auch der Präsident der Palästinenserbehörde in Ramallah, Machmud Abbas, gibt bekannt, er sei froh über den Austausch und hoffe auf die Freilassung aller Gefangenen.

In Wahrheit wird sich Abbas' Freude allerdings in Grenzen halten: Ein Erfolg der Hamas schwächt automatisch seine moderate Palästinenserführung. Auch das ist eine der unerwünschten politischen Nebenwirkungen des Abkommens.

Niemals wird ein Soldat zurückgelassen

Joel Schalit nimmt einen Schluck Wasser. Auf seinem grauen T-Shirt steht nur ein Wort: „Unite“. Ob das Zufall ist? Wohl kaum etwas eint die Israelis mehr als der Wunsch, den entführten Soldaten endlich wieder in den Armen seiner Familie zu sehen. Jeder männliche Israeli muss drei Jahre Militärdienst leisten, Frauen werden für zwei Jahre verpflichtet. Und weil im Kriegsfall ein Großteil der Bevölkerung in kürzester Zeit mobilisiert werden muss, gehört für die meisten Männer ein Monat Reservedienst jährlich nach lange zum Alltag.

Jeder Israeli weiß deshalb, was die Sorge um Angehörige in Uniform bedeutet. Es gehört zu den Grundfesten der Armee, niemals einen Soldaten – tot oder lebendig – im Feld zurückzulassen und dafür unter Umständen auch einen sehr schmerzhaften Preis zu zahlen.

Gegen 23:00 Uhr beginnen einige junge Leute Freudentänze neben dem Protestzelt. Auch in Gaza wird gefeiert: Die Familien der palästinensischen Häftlinge feiern, Zehntausende sind auf den Strassen. Es wird in die Luft geschossen, die Hamas spendiert ein Feuerwerk.

Angehörige von Opfern warnen vor Terroranschlägen

Eher still hingegen ist der Protest der Angehörigen von Terroropfern, die gegen Mitternacht unweit des Zeltes in Jerusalem Stellung beziehen. Sie warnen vor weiteren Terroranschlägen: 180 Israelis seien von Terroristen ermordet worden, die zuvor im Rahmen eines Gefangenenaustausches freigekommen seien. „Unser Protest ist kein angenehmer Protest“, sagt einer von ihnen. „Niemand will, dass Gilad ewig in Gefangenschaft bleibt. Aber der Preis ist zu hoch. Wir provozieren so neue Anschläge und weitere Entführungen“.

Ausgerechnet Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sah das einst genauso. In seinem 1995 erschienenen Buch: „Fighting Terrorism“ stellt er fest, dass die Weigerung, Terroristen aus der Haft zu entlassen, „eine der wichtigsten Strategien“ zur Bekämpfung des Terrorismus sei. Letztlich würden solche Tauschgeschäfte die Terroristen nur stärken, schreibt Netanjahu.

Doch als das Kabinett gegen ein Uhr nachts nach mehr als vierstündiger Beratung zur Abstimmung schreitet, stimmt Netanjahu gemeinsam mit 26 Ministern für den Tausch. Nur drei Minister sind dagegen. Jetzt ist es fast sicher: Gilad Schalit wird nach mehr als fünf Jahren in die Freiheit zurückkehren.

Im Protestzelt sagt Schalits Bruder, er sei „sehr, sehr froh“. Er sieht erschöpft aus. Auch die Eltern wirken müde, abgekämpft. Wäre da nicht das leise Lächeln der Aviva Schalit, man könnte kaum glauben, dass an diesem Abend der Albtraum einer Familie, der Albtraum eines ganzen Landes zu Ende geht.

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