Herrscher im Kreml

Das gebildete Russland verachtet Wladimir Putin

Bei Putins Rückkehr ins Präsidentenamt knarrt und ächzt es in Russland. Besonders gut ausgebildete Russen in den Städten sind geschockt.

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Der 37-jährige Architekt Jaroslaw ist ein entfernter Bekannter, wir sehen uns nur sehr selten. Vor ein paar Tagen rief er mich an, zum ersten Mal überhaupt wollte er sich mit mir verabreden. Wir treffen uns in einem Café. "Du bist doch Journalist, du bist nah an der Politik dran", sagt Jaroslaw, "sag mir bitte mal, was wir machen können?"

Anscheinend waren zwar alle auf die Rückkehr Wladimir Putins ins Präsidentenamt vorbereitet, aber trotzdem schlug die Nachricht ein wie ein Blitz an einem wolkenlosen Tag. Für viele war der Gedanke daran einfach zu entwürdigend, dass eine stille Abmachung, mit den nötigen Verbündeten und hinter dem Rücken aller, Putin in den Kreml zurückbringt und damit ewig an die Macht lässt. Außerdem wird den aktiven und erfolgreichen Menschen in Moskau und den anderen Großstädten immer schmerzlicher bewusst, dass das alles noch ein böses Ende nehmen kann.

"Ich habe mich noch nie für Politik interessiert"

"Ich habe mich noch nie für Politik interessiert", sagt Jaroslaw, "deshalb weiß ich auch nicht viel. Ich habe erst jetzt verstanden, was da eigentlich vor sich geht." Er überlegt folgendermaßen: Es gibt wirtschaftliche Probleme, je weiter sie gehen, umso schlimmer wird es und umso mehr wird Putin die Daumenschrauben anziehen. Am Ende explodiert die Sache. "Ich will keine Revolution", sagt der Architekt, "aber sag mal, was kann man denn wirklich machen?"

"Ich bin total schockiert" – Katja Warga, Personalmanagerin in der Niederlassung eines westlichen Unternehmens in Moskau, findet nur schwer Worte, "Erstens ist es widerlich, zweitens ist es schlecht fürs Geschäft, das heißt, ich werde nur schwer Arbeit finden, und drittens ist es einfach schaurig, in so einem Land zu leben."

Für Katja bedeutet Putins Rückkehr, dass die Polizei weiterhin korrupt sein wird und dass jeder einfach so hinter Gittern landen kann. "Überleg einfach, was mit Alexanjan passiert ist", lamentiert sie. Wassili Alexanjan arbeitete für Michail Chodorkowski. Er wurde ebenfalls ins Gefängnis geworfen, nach anderthalb Jahren kam er frei – als todkranker Mann. Er starb am 3.?Oktober im Alter von 39 Jahren.

Katja studiert außerdem an einer Managementschule in Großbritannien und sagt, dass sie jetzt in ihrem Studium noch einen weiteren Nutzen sieht: Sie wird auch im Ausland ihre Karriere weiterverfolgen können. Jaroslaw hat seine Strategie ebenfalls angepasst: Er wird jetzt verstärkt an Wettbewerben und Ausschreibungen teilnehmen, die es ihm leichter machen, im Westen Arbeit zu finden.

Ans Auswandern dachte man in Russland auch schon früher. Diejenigen, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Schulen und Universitäten im Ausland. Viele suchen dort auch Arbeit. Nach jüngsten Erhebungen des Lewada-Zentrums für Meinungsforschung würden 18 bis 20 Prozent der Russen gerne für immer das Land verlassen.

Verdruss, Empörung, Groll, ja, sogar Hass

Am Donnerstag wurde Noch-Premierminister Putin auf dem Bankenforum gefragt, wie er diese Zahlen sieht. "Es lässt mich natürlich aufhorchen, ich schaue hin, aber dividiere sie mindestens durch 100", sagte Putin.

Und tatsächlich wird die Zahl der Ausreisewilligen durch Putins Rückkehr kaum anwachsen. Aber die Emotionen, die hinter diesen Zahlen stehen, sprechen für sich: Verdruss, Empörung, Groll, ja, sogar Hass. In Moskau hört und sieht man diese Emotionen überall – in Restaurants und Bars, zu Hause und im Büro. Das Glamourmagazin "Bolschoi Gorod" (Große Stadt) erschien in Moskau mit einem Titel in riesigen Lettern: "Es reicht! Wundert Euch, wenn Ihr beleidigt werdet. Fürchtet Euch nicht mehr. Streitet für Eure Werte. Jagt beide aus dem Amt." Beide – das sind Putin und Medwedjew.

Die populärste Karikatur, die über soziale Netzwerke verbreitet wird, zeigt einen ergrauten Putin, der aussieht wie Breschnew, mit Orden auf der Brust. Breschnew hat die UdSSR von 1966 bis 1983 regiert. Er war Urheber der Epoche der Stagnation, in der allen schien, dass die Zeit stehen geblieben war und dass es nie mehr Veränderungen geben würde. Zwei Jahre nach seinem Tod begann die Sowjetunion zu zerfallen.

Putin für gebildete Menschen ein Feind

Putin selbst ist einverstanden damit, wie Breschnew zu werden, und glaubt, dass die Leute das auch wollen. "Breschnew war kein Minus für das Land, ganz im Gegenteil, er war ein gewaltiges Plus", sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow dem unabhängigen Fernsehkanal Doschd. Tatsächlich zähle die Ära Breschnew in den Augen vieler Russen zu einer der besten, erklärt Lew Gudkow, der Direktor des Lewada-Zentrums. So denken 45 Prozent der Bevölkerung, aber es ist einfach Nostalgie. Laut Gudkow wolle in Wahrheit niemand in diese Zeit zurück.

Praktisch alle aktiven und gebildeten Menschen halten Putin jetzt für ihren Feind, und sie lassen sich auch nicht mehr umstimmen. Putin selbst sieht sich als den starken Mann der einfachen, armen Leute vom Land. "Wir fahren durch Russland, und dort herrschen ganz andere Probleme als im Zentrum Moskaus, wo man in teuren italienischen Restaurants zu Mittag isst", sagt Peskow.

Es läuft darauf hinaus, dass die aktiven, erfolgreichen und klugen Menschen anscheinend irgendwie falschliegen und Putin sie nicht braucht. Es läuft darauf hinaus, dass er ihnen nichts zu sagen hat. Und deshalb steht er nur mit jenen im Dialog, denen man einfach und billig eine alte, unnütze Ware verkaufen kann – Breschnew und die Stagnation. Aber tatsächlich sind das nicht so viele wie oft behauptet. Laut jüngster Daten des Lewada-Zentrums befürworten 37 Prozent Putins Rückkehr. Das sind all jene, die ihr Geld vom Staat bekommen. Putin verspricht, dass es mehr wird.

Nur halb so viele, 20 Prozent, sind beunruhigt oder strikt dagegen. Es ist klar, dass das nicht nur Moskau, sondern auch Sankt Petersburg, Jekaterinburg und viele andere Großstädte betrifft. "Viele wollen entweder auswandern, die Kinder woanders hinbringen oder Immobilien im Ausland kaufen, weil sie verstehen, dass man in so einem System nicht leben kann", sagt Aksana Panowa, die Chefredakteurin des Online-Magazins "Uraru" in Jekaterinburg. "Und übrigens, keiner will kämpfen."

Die 37 für Putin plus die 20 gegen seine Rückkehr machen zusammen 57 Prozent der Bevölkerung. Allen übrigen ist alles völlig egal. Sie haben keine Meinung und keine Gefühle. Putin ist nicht mehr das Idol der Jahrtausendwende, der sich positiv vom altersschwachen Trinker Boris Jelzin abhob. Jetzt ist er selbst schon fast ein alter Mann. Seine Umfragewerte sinken weiter. "Es gibt keinerlei Euphorie im Zusammenhang mit Putins Rückkehr", sagt Gudkow.

Viele Gesprächspartner von Morgenpost Online sind überzeugt, dass Putin sich nicht noch mal zwölf Jahre an der Macht halten kann, wie es ihm die Verfassung erlauben würde. Zumindest bei seiner Rückkehr knarrt und ächzt es in Russland.