Video aufgetaucht

Wer ist die geheimnisvolle Hana Gaddafi?

Diktatoren-Tochter Hana Gaddafi gilt seit 1986 als tot. Doch es tauchen immer mehr Beweise auf, dass sie lebt. So auch ein privates Video der Familie Gaddafi.

Foto: Screenshot

Am 8. Dezember 1991 hat der britische Arzt Dr. Jim Swire den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi in Tripolis besucht. Grund der Reise: Swires 24 Jahre alte Tochter Flora kam 1988 bei einem Anschlag auf den Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie ums Leben.

Swire, der sich seit dem Tod seiner Tochter für die Aufklärung des Lockerbie-Anschlags einsetzt, wollte Gaddafi bitten, den mutmaßlichen Drahtzieher des Attentats, den Libyer Abdelbaset al-Meghrahi, an die britische Justiz auszuliefern.

"Bevor ich Gaddafi traf, hatte man mir schon einige Artefakte aus der Geschichte Libyens gezeigt", sagte Jim Swire Morgenpost Online. "Darunter war auch ein Fotoalbum, das Leichen und Verletzte zeigte. Angeblich zeigte das Buch die libyschen Opfer der US-Bombardierung 1986."

Es sei das erste Mal gewesen, dass Swire überhaupt von der amerikanischen Bombardierung Libyens im April 1986 erfahren habe. Das Buch, das offensichtlich von der libyschen Propaganda zusammengestellt worden war, enthielt laut Swire unzählige grässliche Aufnahmen blutiger und zerfetzter Menschen. Auf einem Foto war ein kleines Kind zu sehen, das in einem Krankenbett lag, eingehüllt in ein blutiges Laken.

"Man sagte mir, dies sei Hana, die 18 Monate alte Adoptivtochter von Gaddafi, die auf dem Foto im Sterben lag", berichtet Swire. Es sei zwar nicht erkennbar gewesen, ob es sich bei dem Kleinkind um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte, aber zu diesem Zeitpunkt habe er keinerlei Grund gehabt, an der libyschen Version der Geschichte zu zweifeln.

Im Gegenteil. Swire überreichte Gaddafi ein Foto seiner eigenen Tochter Flora, auf der sie ebenfalls etwa 18 Monate alt war. Oberst Gaddafi platzierte das Foto in einem von den US-Bomben getroffenen Gebäude direkt neben einem Foto von Hana.

Überraschend detaillierte Angaben

Die Gründe daran zu zweifeln, ob die angeblich von den Amerikanern getötete Despoten-Tochter Hana nicht in Wahrheit ein Propagandacoup des libyschen Diktators ist, mehren sich jedoch seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes in den vergangenen sechs Monaten.

Recherchen der Morgenpost Online hatten ergeben, dass 25 Jahre nach dem US-Angriff auf Libyen eine Hana Gaddafi aus dem Diktatorenclan am Leben ist. Ob es sich dabei um die totgesagte Hana oder eine zweite, Jahre später adoptierte Tochter handelt, konnte bislang nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Dass es heute noch eine Hana Gaddafi gibt, geht auch aus einem Schweizer Regierungsdokument vom Februar 2011 hervor. Die Anordnung der Schweizer Regierung, Konten des Gaddafi-Clans einzufrieren, enthielt auch überraschend detaillierte Angaben zu einer Hana Gaddafi - einschließlich eines genauen Geburtsdatums der heute 26 Jahre alten Frau.


Personen, die Hana Gaddafi in den vergangenen Jahren trafen, berichteten der Morgenpost Online zudem über ihre Erlebnisse mit der jungen Frau, deren Existenz seit mehr als zwei Jahrzehnten mehr oder weniger geheim gehalten wurde.

Eine ganze Serie weiterer Beweise für die Existenz von Hana tauchte in den vergangenen Wochen in Libyen und Großbritannien auf. Sie bestätigen, was Morgenpost Online erstmals am 8. August berichtet hatte: Die geheimnisvolle Gaddafi-Tochter war augenscheinlich jahrelang als Ärztin in Libyen tätig und reiste als Teenagerin mehrfach nach London.

Hinweise in eilig verlassenen Wohngemächern

Der wohl eindeutigste Beweis dafür, dass eine Hana Gaddafi heute noch existiert, wie sie aussieht und welche Tätigkeit sie ausübt, stammt aus Gaddafis ehemaliger Residenz Bab al-Azizia nahe Tripolis.

Als die libysche Opposition den weitläufigen Gebäudekomplex vor einigen Wochen stürmte, stießen die Rebellen auf die eilig verlassenen Wohngemächer der Familie Gaddafi. In einem der Zimmer hatte offenbar eine junge Frau namens "Hana Muammar al-Gaddafi" gelebt.

An den Wänden hingen Fotos, die Hana mal als Kind, mal im Teenageralter und dann als Frau von etwa 20 Jahren zeigen.

Auf einigen Fotos ist die junge Frau in Krankenschwester-Kleidung zu sehen, umringt von Kollegen und Angehörigen. Ein Zertifikat vom 19. Juli 2007, das in dem Zimmer entdeckt wurde, zeigt, dass Hana Gaddafi offenbar einen Englisch-Kurs im britischen Konsulat von Tripolis absolviert. Bei einem anderen Papier in arabischer Sprache handelt es sich um eine Examensarbeit der Medizinischen Fakultät der Universität in Tripolis.

Wie die britische Zeitung "Telegraph" im August berichtete, wurden in den Kellerräumen der verlassenen libyschen Botschaft in London ebenfalls klare Hinweise auf Hana Gaddafi gefunden. Unter den hunderten Dokumenten fand sich ein Fax-Austausch zwischen dem libyschen Botschafter und dem britischen Zahnarzt Dr. Stephen Hopson.

Hopson sollte im April 2008 nach Libyen reisen, heißt es in einem der Faxe, um eine Hana Gaddafi medizinisch zu behandeln. "Dies ist eine Bestätigung dafür, dass ich kommendes Wochenende Tripolis besuchen werde, um Fräulein Hana Gaddafi zu behandeln", heißt es in dem Papier von Dr. Hopson an die libysche Botschaft.

Er werde aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keine Angaben über seinen Libyen-Besuch machen und auch nichts über seine Patienten berichten, sagte der Zahnarzt auf Anfrage des "Telegraph".

Britische Regierung über die Existenz einer Hana informiert?

Weitere Dokumente aus der libyschen Botschaft in London lassen den Schluss zu, dass die britische Regierung sehr gut über die Existenz einer Hana Gaddafi informiert war.

Dies berichtete der "Sunday Telegraph" unter Berufung auf E-Mails zwischen den britischen Grenzbehörden und der britischen Botschaft in Libyen, die der Zeitung vorliegen sollen . Darin geht es um einen Visa-Antrag für mehrere Mitglieder der Gaddafi-Familie.

"Die Botschaft wird für ein 2-Jahres-Visum für Hana und die fünf Cousinen bezahlen, aber der Arzt und die Haushälterin müssen für 6-Monats-Visa bezahlen", heißt es in einer E-Mail vom Oktober 2010. Ob eine Hana Gaddafi tatsächlich Großbritannien besuchte, ist nicht bekannt. Das britische Außenministerium wollte sich dazu nicht äußern.

Homevideo aus dem Jahr 1989

Die britische Zeitung "Telegraph" kam Ende September in den Besitz eines Videos aus Libyen, das Hana Gaddafi als kleines Kind zeigt. Das Homevideo wurde 1989, also drei Jahre nach dem US-Bombenangriff auf Tripolis aufgezeichnet. Es zeigt den Gaddafi-Clan bei einem Ausflug in die libysche Wüste.

Zu sehen darin: ein kleines Mädchen mit lockigen Haaren, das in Zelten und zwischen Kamelen herumtollt. Die anderen Personen in dem Video, einschließlich Gaddafi selbst, sind dabei zu hören, wie sie den Namen des kleinen Mädchen rufen: "Hana".