Detroit

Der schwierige Prozess gegen den Unterhosenbomber

Der Justiz dürfte es schwerfallen, eine unvoreingenommene Jury zu finden. Der verhinderte Selbstmordattentäter will die Verhandlung als Propaganda-Plattform nutzen.

Nur knapp entgingen die etwa 300 Menschen, die an Weihnachten 2009 mit einem Flug der US-Linie Northwest Airlines von Amsterdam nach Detroit unterwegs waren, der Katastrophe. An Bord saß der mutmaßlich glühende Al-Qaida-Anhänger Umar Faruk Abdulmutallab, der sich einen Sprengsatz in die Unterhose eingenäht hatte.

Doch die Zündung schlug fehl, Passagiere konnten Abdulmutallab überwältigen. Am Dienstag beginnt mit der Auswahl der Jury in Detroit der Prozess gegen den „Unterhosenbomber“. Neue Brisanz erhält das Verfahren durch die T ötung des radikalislamischen Predigers Anwar al-Awlaki im Jemen, der als Abdulmutallabs Mentor galt.

Abdulmutallab droht lebenslange Haft

Der junge Nigerianer stammt aus gutem Haus und studierte an einer Universität in London Ingenieurswissenschaft. Mit Sorge verfolgte sein Vater, ein angesehener Banker und Ex-Minister, wie sich der Sohn zunehmend für radikalislamisches Gedankengut begeisterte – und warnte schließlich die US-Botschaft in Nigeria .

Doch obwohl der damals 23-jährige Abdulmutallab auf einer Beobachtungsliste der US-Geheimdienste stand, konnte er am 25. Dezember 2009 in Amsterdam die Maschine in Richtung Detroit besteigen.

Das hochexplosive Gemisch, das Abdulmutallab in seiner Unterhose an Bord schmuggelte, enthielt den Sprengstoff PETN. Als er kurz vor der Landung die Bombe zu zünden versuchte, ging seine Hose in Flammen auf, doch die tödliche Detonation blieb aus. Passagiere hielten den Nigerianer fest, während Flugbegleiter das Feuer löschten. Im Januar 2010 wurde Abdulmutallab angeklagt, ihm droht lebenslange Haft.

Auswahl unvoreingenommener Geschworener wird schwierig

Ab Dienstag werden am Bundesgericht in Detroit die zwölf Männer und Frauen ausgesucht, die über Schuld oder Unschuld des jungen Mannes richten sollen. Für die Justiz dürfte es schwer werden, wenige Wochen nach dem emotionalen zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September eine unvoreingenommene Jury zusammenzustellen.

Außerdem äußerten mögliche Geschworene US-Medienberichten zufolge bei der Vorauswahl immer wieder islamfeindliche Ansichten. Die Eröffnungsplädoyers sind für den 11. Oktober geplant.

Nigerianer glaubt nicht an Tod von Osama Bin Laden

Seine radikalen Einstellungen hat Abdulmutallab seit dem fehlgeschlagenen Anschlag nicht geändert, darauf deuten zumindest seine Auftritte vor Gericht hin. Bei einer Anhörung Mitte September stritt er den Tod von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden ab und beschwor mit „Dschihad“-Rufen den heiligen Krieg. Den Ermittlern zufolge hatte Abdulmutallab nach seiner Festnahme zugegeben, im Auftrag des Terrornetzwerks gehandelt zu haben.

Der Nigerianer beharrt darauf, sich selbst zu verteidigen. Ihm steht lediglich ein Rechtsbeistand zur Seite. In den kommenden Wochen wird der juristische Laie Zeugen befragen und auch das Eröffnungsplädoyer halten, bei dem er sich für unschuldig erklären dürfte. In handgeschriebenen Anträgen forderte er im August seine Entlassung aus der Haft, da über Muslime nur auf der Grundlage des Korans gerichtet werden dürfe.

Angeklagter will Prozess als Plattform für Propaganda nutzen

Abdulmutallab sorgte zuletzt ständig für Unruhe im Gerichtssaal, erhob sich nicht und legte seine Füße auf den Tisch. Richterin Nancy Edmunds müsse für einen fairen Prozess sorgen und zugleich einen „Zirkus“ verhindern, sagt Rechtsprofessor Peter Henning von der Wayne State University in Detroit.

Dies sei schwierig, da Abdulmutallab seine „eigene Agenda“ verfolge. Der Nigerianer könnte den Prozess als Plattform für radikalislamische Propaganda nutzen.

Die Anklage dürfte sich dagegen besonders für seine Beziehung zu Anwar al-Awlaki interessieren, der als einer der führenden Köpfe von al-Qaida auf der arabischen Halbinsel galt und am Freitag bei einem US-Drohnenangriff ums Leben kam.

Abdulmutallab stand mit dem Imam in Kontakt und war im Herbst 2009 in den Jemen gereist, offiziell um einen Arabisch-Kurs zu machen. Nach seiner Festnahme sagte der verhinderte Attentäter aus, dort in einem Terrorlager von al-Qaida ausgebildet worden zu sein.