Libyen

In Sirte sterben die Menschen auf den OP-Tischen

In der umkämpften Gaddafi-Hochburg Sirte bahnt sich eine medizinische Notlage an. Medikamente und Strom sind knapp. Oft geht mitten in einer OP das Licht aus.

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In der umkämpften Geburtsstadt des gestürzten libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi wird die Lage für die Bevölkerung immer dramatischer. Verwundete sterben in Sirte auf dem OP-Tisch, weil plötzlich der Strom ausfällt. Die privaten Apotheker haben dem Zentral-Krankenhaus der 100.000-Einwohner-Stadt ihre Medikamente gegeben – und die gehen jetzt zur Neige.

„Es ist eine Katastrophe“, beschreibt der im Hospital als Bio-Chemiker arbeitende Mohammed Schnak die Situation. Am Wochenende hat er – wie viele andere Beschäftigte vor und nach ihm – eine Feuerpause zur Flucht aus der seit zwei Wochen heftig umkämpften Stadt genutzt.

"Mitten im Eingriff fiel der Strom aus"

„Die Ärzte fangen an zu operieren, und dann geht das Licht aus“, berichtete ein Mann namens Al-Sadik, der sich als Chef der Dialyse-Abteilung zu erkennen gab. Es gebe nicht genug Brennstoff zum Betrieb der Generatoren. „Ich sah ein 14-jähriges Kind auf dem Operationstisch sterben, weil mitten im Eingriff der Strom ausfiel.“

Die Lage in der Stadt und vor allem im Krankenhaus gibt Hilfsorganisationen Grund zur Sorge. Das Rote Kreuz schaffte am Samstag erstmals Hilfsgüter zum Hospital: Medikamente und vor allem Sprit für die Generatoren. Die vier Helfer hätten jedoch wegen andauernden Gewehrfeuers nicht mit Patienten des Krankenhauses sprechen können, sagte ein Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Das IKRK lieferte dem Sprecher zufolge medizinische Güter zur Behandlung von bis zu 200 Verwundeten und Treibstoff am Krankenhaus an. „Sie kamen bis zum Hospital, bekamen die Patienten aber nicht zu Gesicht“, sagte IKRK-Sprecher Marcal Izard. Der Wasserturm des Krankenhauses sei durch Treffer beschädigt worden.

450 Dollar für 20 Liter Benzin

Die Übergangsregierung erklärte, ihre Streitkräfte hätten am Freitag einen zweitägigen Waffenstillstand verkündet. Dessen ungeachtet dauerte am Samstag das schwere Raketen- und Granatwerferfeuer an. Kämpfer der provisorischen Führung berichteten, Kampfflugzeuge der Nato würfen Flugblätter über der Stadt ab, auf denen Zivilisten zum Verlassen Sirtes aufgefordert würden. Hunderten Zivilisten gelang die Flucht aus der Stadt.

Trotz des Waffenstillstands seien die Wohngebiete im Stadtzentrum unter schweren Beschuss geraten, berichtete der geflohene Chalid Ahmed. „Der Grund für die Schießerei ist, dass Gaddafis Milizen ihre Artillerie in Wohngebäuden in Stellung gebracht haben. Die Kinder sind entsetzt und schreien immerzu.“

Er habe sich Geld geborgt, damit er sich auf dem Schwarzmarkt mit dem für die Flucht nötigen Benzin eindecken könne. Für 20 Liter würden umgerechnet 450 Dollar verlangt.

Gaddafi-Getreue schießen auf Flüchtlinge

Eine flüchtende Frau schilderte, dass die Gaddafi-treuen Kämpfer die Menschen wochenlang vor der Flucht aus Sirte gewarnt hätten. Am Sonntag sei sie dann im Morgengrauen mit Ehemann, drei Kindern, der Mutter und einem Bruder aufgebrochen. „Jeder hat auf uns gefeuert. Warum? Wir sind doch unschuldige Menschen.“

Sirte ist eine von zwei Gaddafi-Hochburgen, die noch nicht unter Kontrolle der Übergangsregierung stehen. Um die Stadt wird seit zwei Wochen erbittert gekämpft.

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez bekundete seine Solidarität mit dem gestürzten Staatschef. „Ich bitte Gott, das Leben unseres Bruders Gaddafi zu schützen“, erklärte Chavez in Caracas. Zugleich äußerte Chavez auch seine Verbundenheit mit dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad, gegen den seit Monaten demonstriert wird.