New York

Die "Occupy"-Bewegung, ein Scherbenhaufen

Zwei Monate nach Beginn der Proteste gegen die Wall Street steht die Bewegung vor den Trümmern ihrer Ideen und Ansprüche.

Die Bewegung „Occupy Wall Street“ ist innerhalb von zwei Monaten zu einem Abbild der Gesellschaft geworden, die sie eigentlich bekämpfen wollte. Dies sah man am besten am Zuccotti Park im Süden Manhattans. Dort hatte die Gruppe Mitte September ihren Ursprung gefunden.

Doch der Platz glich in den vergangenen Wochen immer mehr einem traurigen und verdreckten Zeltlager. Und das lag nicht so sehr an dem Herbstwind, der über die blauen Planen fegte und Plastikkübel umwarf. Das Lager selbst hatte sich zweigeteilt.

Auf der einen Seite waren die sogenannten Hipster, junge Leute mit Holzfällerhemd, Mütze und enger Jeans, die mit iPhones vom Zuccotti Park aus ihre Botschaften in die Welt hinaustwitterten. Doch sie waren zu einer kleinen Gruppe geschrumpft, die sich vom Rest der Parkbesetzer fernhielt. Sie organisierten die Märsche, diskutierten das politische System und aßen Sandwiches mit Zutaten aus biologischem Anbau.

Die breite Masse dagegen hielt sich im Park auf, weil sie keinen besseren Platz zum Schlafen hatte und das Essen dort umsonst war. Viele Obdachlose hatten sich unter sie gemischt. „Wir sind die 99 Prozent“, lautete der Schlachtruf von „Occupy Wall Street“. Doch am Zuccotti Park hatte zuletzt das eine Prozent der 99 Prozent das Sagen übernommen.

Als die Polizei den Park in der Nacht auf Dienstag geräumt hatte, hielt sich der Widerstand in Grenzen. Ihren Zorn darüber lebten die Demonstranten dagegen am Donnerstag aus. An dem Tag war die Bewegung genau zwei Monate alt. Für dieses Ereignis waren in mehreren Städten ohnehin Märsche geplant.

Doch die Aktion der Polizei vom Wochenanfang hat der Bewegung sogar genutzt. Sie motivierte wieder mehr Leute, sich auf die Straße zu bewegen. Zudem war die Aufmerksamkeit der Medien deutlich größer, als sie es sonst überhaupt gewesen wäre. In New York endete der Tag mit mehr als 240 Festnahmen. Zehn Demonstranten und sieben Polizisten wurden verletzt. Im Rest des Landes blieb es dagegen weitgehend friedlich.

Begonnen hatte der als „Day of Action“ angekündigte Tag mit einem symbolischen Marsch auf die Wall Street. Die Demonstranten wollten vor der New Yorker Börse aufziehen, um den Beginn des Handelstages zu verzögern. Zwar hatten es die Händler tatsächlich schwer, an diesem Morgen zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen und waren sichtlich genervt. Doch die Börse eröffnete wie gewohnt pünktlich mit einem Glockenschlag.

Draußen kam es derweil zu ersten Auseinandersetzungen. Die Polizei sicherte das Gebäude mit Schlagstöcken ab. Ein Mann soll dabei vier Polizisten Essig oder eine andere Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet haben. Der Protest weitete sich daraufhin vom Süden Manhattans in Richtung Norden aus.

Höhepunkt war Blockade der Brooklyn Bridge

Der Union Square an der 14. Straße ist an einem normalen Arbeitstag schon schwer zu durchqueren. Die mehreren Hundert Demonstranten sorgten für zusätzliches Chaos. Einige von ihnen hatten sich in die U-Bahnen verzogen. Dort verteilten sie Flugblätter an die Passagiere, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Den Höhepunkt bildete aber am Abend die kurzfristige Blockade der Brooklyn Bridge. Sie ist eine der Hauptverbindungen zwischen Manhattan und Brooklyn. Entsprechend wenig erfreut waren Pendler, die abends nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause waren. Am frühen Abend hatten sich Demonstranten am Fuße der Brücke auf die Fahrbahn gesetzt. Als sie von der Polizei abgeführt wurden, leisteten sie kaum Widerstand. Später zog eine andere Gruppe auf dem Fußweg über die Brücke nach Brooklyn hinüber.

Die Brooklyn Bridge hat wie der Zuccotti Park eine besondere Bedeutung für die Demonstranten. Dort wurden Anfang Oktober 700 Leute festgenommen, als sie plötzlich die Fahrbahn blockierten. In dem Moment war die Bewegung erstmals in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Die Polizei wurde damals für ihr Vorgehen kritisiert. Den Fehler hat sie in den vergangenen Tagen nicht mehr gemacht.

Sie schaffen es nicht, Änderungen anzustoßen

Um den Park zu räumen, hatte sie bewusst die Nachtstunden gewählt. Zwei Wochen wurden die Polizisten darauf vorbereitet. Allerdings wussten sie bis zum Schluss nicht, um welche Aktion es sich handelt. Dadurch sollte vermieden werden, dass Details durchsickern und die Demonstranten einen Widerstand aufbauen konnten.

Mit dieser Strategie hatten sie Erfolg. Nach knapp drei Stunden war der Park leer. Eskaliert war die Situation zu keiner Zeit. Auch am Donnerstag standen an wichtigen Straßenkreuzungen in Downtown Manhattan zahlreiche Polizisten, um für Ordnung zu sorgen. Weitere Einsatzkräfte saßen in Bussen bereit. Über ihnen kreisten die ganze Zeit Hubschrauber, die teilweise mit Scheinwerfern bestimmte Straßenzüge ausleuchteten.

Ob der Tag für „Occupy Wall Street“ ein Erfolg war, ist schwer zu sagen. Die Leute gingen in vielen Städten Amerikas auf die Straße. Sie marschierten in Detroit im Norden, Los Angeles im Westen und Houston im Süden. Erstmals seit Langem bekamen sie wieder mehr Aufmerksamkeit.

Doch ihre Botschaft sind sie nicht wirklich losgeworden. Sie sind unzufrieden mit der wirtschaftlichen Lage. Aber sie schaffen es nicht, Änderungen anzustoßen. Von der Politik werden sie nicht ernst genommen. Das müsste die Bewegung aber werden, um an entscheidender Stelle etwas durchzusetzen. Mit dem „Day of Action“ ist sie diesem Ziel nicht näher gekommen.