Stresstest

Die Mängel der französischen Atomkraftwerke

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Foto: dpa / dpa/DPA

Das Institut für Nuklearsicherheit empfiehlt schärfere Sicherheitsmaßnahmen. So sind die Anlagen nicht gegen Überschwemmungen gerüstet. Alle 58 französischen Atomkraftwerke sollen sicherer werden.

Frankreichs Atomkraftwerke sind sicher, aber irgendwie auch nicht. So sieht es das französische Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit IRSN Das Institut hat in den vergangenen Monaten alle 58 Atomreaktoren sogenannten Stresstests unterzogen.

Im Abschlussbericht kommen die Tester zu dem Ergebnis, dass die derzeit im Betrieb befindlichen französischen Kraftwerke aktuell gültigen Sicherheitsbestimmungen so weit entsprächen, dass keiner abgeschaltet werden müsse. Allerdings empfiehlt das Institut dringend, die Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern. Frankreich bezieht rund 75 Prozent seiner Stromversorgung aus Atomkraft.

Auf 500 Seiten haben die IRSN-Tester Zustand und Mängel des französischen „Nuklearparks“ aufgelistet. Die bestehenden Normen könnten „mit Recht als sicher betrachtet“ werden“, sagte Institutsdirektor Jacques Repussard, nachdem er den Bericht an die französische Atombehörde ASN übergeben hatte.

Der Atomunfall im japanischen Fukushima im März und zusätzliche Sicherheitsüberprüfungen belegten allerdings die Notwendigkeit, „ohne Verzögerung bestimmte Sicherheitsvorkehrungen weiter zu entwickeln“. Offenbar liegt doch einiges im Argen.

Erdbebensicherheit verbessern

Der Bericht mahnt vor allem an, die Erdbebensicherheit und den Schutz vor Überschwemmungen zu verbessern. Repussard zufolge betrifft das vor allem die Kühlfunktionen und die Stromzufuhr. Jeder Reaktor sollte über unabhängige Notstromaggregate verfügen, die auch nach einer Naturkatastrophe weiter arbeiten könnten. Sämtliche Reaktoren müssten für höhere Belastungen gewappnet werden, sagte er.

Die Tester bemängeln etwa unzureichende Wasserreserven, die den Betrieb von Dampfgeneratoren im Katastrophenfall gewährleisten könnten oder die mangelnde Erdbebensicherheit der Notstromaggregate für 1300-Megawatt-Reaktoren. Auch müsste die Notfallpläne für den Fall eines völligen Verlusts der Stromversorgung verbessert werden.

Der Bericht ist eine vorläufige Bestandsaufnahme der Sicherheitsstandards französischer Atomkraftwerke. Bis Ende 2012 soll eine vollständige Analyse vorliegen, in deren Folge wohl die Sicherheitsauflagen grundsätzlich verschärft werden.

Bereits jetzt empfiehlt der Bericht den Betreibern, zu investieren, um auf Situationen vorbereitet zu sein, die bislang in den Sicherheitsmaßgaben nicht berücksichtigt wurden. Denn im ungünstigsten Fall könnte eine Anlage – etwa bei Überschwemmungen– ausfallen.

Um für derartige Extremfälle gerüstet zu sein, fordert das IRSN die französischen Atomkraftwerksbetreiber auf, einen „harten Kern“ ihrer Anlagen zu definieren, der durch zusätzliche umfassende Sicherheitsmaßnahmen besonders geschützt werden soll.

Für die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague, Normandie, die der französische Atomkonzern Areva betreibt, etwa empfiehlt der Bericht, die Wasserversorgung und die Kühlbecken zu verbessern, in denen abgebrannte Brennstäbe gelagert werden. Für das Melox-Kraftwerk im südfranzösischen Departement Gard, in dem plutoniumhaltige MOX-Mischbrennelemente produziert werden, rät der Bericht, die Erdbebensicherheit deutlich zu verbessern.

Hollande setzt weiter auf Atomkraft

Gerade um den Umgang mit den risikobehafteten MOX-Elementen streiten sich derzeit in Frankreich die Sozialisten mit den Grünen/Europe Écologie. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande will weiter auf Atomkraft setzen, aber ihren Anteil an der Energieversorgung bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zurückfahren.

Die Grünen wollen den Ausstieg so bald wie möglich. Areva stellt 95 Prozent der weltweiten MOX-Brennelemente her, die Mehrheit der französischen Kraftwerke nutzt sie.

Atomgegner von der Organisation „Observatoire du nucléaire“ kritisierten den Bericht des IRSN als „schuldhafte Nachsichtigkeit zum Wohle der Atomindustrie.“ Trotz ihrer offensichtlichen Sicherheitsmängel wolle das IRSN die Meiler weiter laufen lassen, dabei erkenne das Institut implizit an, „dass die französischen Reaktoren jederzeit eine nukleare Katastrophe auslösen könnten“, heißt es in einer Erklärung der Atom-Gegner.

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