Nordafghanistan

US-Spezialkommandos töteten fast 500 Menschen

| Lesedauer: 3 Minuten
Steffen Mayer

Foto: REUTERS

In nur drei Monaten kam es zu 1410 Operationen von US-Sonderkommandos im deutschen Verantwortungsbereich in Nordafghanistan. 485 Menschen starben, 2169 wurden festgenommen.

US-Sonderkommandos haben bei 1410 verdeckten Operationen allein zwischen dem 28. Januar und 29. April 2011 im Bereich des unter deutscher Führung stehenden Regionalkommandos Nord in Afghanistan 485 Verdächtige getötet.

2169 Personen seien gefangen genommen worden. 479 Operationen hätten dem Ziel "capture or kill" (gefangen nehmen oder töten) gedient. Das geht aus einer Frage des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele (Grüne) an die Bundesregierung hervor. Er wollte erfahren, ob die Regierung diese Zahlen bestätigen kann und ob es deutsche Unterstützung für die - vielfach kritisierten – US-Kommandoaktionen gab. Beides wurde verneint.

Aus einer Untersuchung der Pressemitteilungen der Internationalen Schutztruppe Isaf über einen Zeitraum von fast zwei Jahren geht hervor, dass im Durchschnitt nur zehn Prozent der "capture or kill"-Operationen in Afghanistan im Bereich des Regionalkommandos Nord stattfinden.

Die Publizisten Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn stellten für das Afghan Analysts Network fest, dass in 22 Monaten 2365 solcher Spezialeinsätze von Isaf gemeldet wurden. Sie gehen aber davon aus, dass es tatsächlich noch mehr waren, weil die ereignis- oder erfolglosen Einsätze nicht extra bekannt gemacht wurden.

Jeden Tag mehr als zwei Tote bei Spezialeinsätzen

In ihrer Mitte Oktober vorgelegten Studie kommen sie zu dem zynisch anmutenden Ergebnis, dass während des Untersuchungszeitraums jeden Tag 2,38 Personen bei "capture or kill"-Operationen getötet wurden. Insgesamt seien es 1594, wobei die Autoren ergänzen, dass "in Anbetracht der Entwicklung insbesondere der letzten Monate, keine genauen Zahlenangaben mehr aufzuführen, die aktuelle und die Gesamtzahl der Getöteten oder Gefangenen wahrscheinlich höher ist".

Seit Barack Obama US-Präsident ist, stieg die Zahl der verdeckten Operationen sprunghaft an, wie Jonathan Masters vom Council on Foreign Relations, einem US-amerikanischen Think Tank, Ende Oktober schrieb: von 679 im Jahr 2009 auf fast 1900 im laufenden Jahr. Und er zitiert den Isaf-Oberbefehlshaber John Allen, der ankündigte, dass angesichts der Truppenreduzierung "Antiterror-Operationen, insbesondere diese Art der Spezialeinsätze, eine prominente Rolle spielen werden".

Dabei stehen diese Nachteinsätze von US-Spezialeinheiten wie Navy Seals oder Delta Force in der Kritik. Die Einsätze basieren oftmals auf wenig belastbaren Geheimdiensterkenntnissen, die sich kaum unabhängig überprüfen lassen und treffen immer wieder Unschuldige oder Zivilisten. Afghanische Würdenträger kritisieren, dass sich die Sonderkommandos als Killertruppe in innerafghanischen Streitigkeiten zwischen Stämmen, Clans, Drogenbaronen und korrupten Gouverneuren missbrauchen lassen, indem sie falsche Beschuldigungen zur Grundlage ihrer Operationen machen.

Karsai forderte bereits das Ende der Einsätze

Präsident Hamid Karsai hatte nach der versehentlichen Tötung seines 65-jährigen Cousins Yaar Mohammad Khan durch ein US-Spezialkommando im März über seinen Sprecher gefordert, "diese unverantwortlichen nächtlichen Einsätze, bei denen unschuldige Afghanen sterben, zu beenden".

Bereits im vergangenen Herbst geriet die Rolle Deutschlands bei den "capture or kill"-Operationen in die Kritik. Das Kommando Spezialkräfte, KSK, stellt Soldaten für die Task Force 47 und ist allein auf die Option "gefangen nehmen" verpflichtet. Gezielte Tötungen sind den deutschen Soldaten untersagt. Doch Deutschland meldet die Namen von Verdächtigen für die JPEL, die gemeinsame Zielliste der Nato. Und nach Auskunft der Bundesregierung kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Handlungsempfehlung "nur festnehmen" von den Verbündeten ignoriert wird.

( dapd )