Friedensnobelpreis

"Frauen werden nach dem Kampf weggeschickt"

UN-Sonderbeauftragte Wallström kämpft für die Rechte der Frauen und rügt den Umgang in der arabischen Welt. Frauen "müssen aktiv teilnehmen", nicht nur kämpfen.

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Die Schwedin Margot Wallström war Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Seit Februar vergangenen Jahres ist die 57-Jährige UN-Sonderbeauftragte zum Thema sexuelle Gewalt in Konflikten.

Morgenpost Online: Kann die Stärkung von Frauenrechten zum Erreichen von Frieden beitragen? Oder muss ein Konflikt wie in Afghanistan oder der Demokratischen Republik Kongo erst beendet werden, um die Rolle der Frauen in der Gesellschaft zu stärken?

Margot Wallström: Wir wissen aus Erfahrung, dass weniger als zehn Prozent aller Friedensabkommen von Frauen verhandelt werden, und dass weniger als drei Prozent von Frauen unterzeichnet werden. Lassen Sie mich deshalb Ihre Frage umdrehen:

Wie können wir einen nachhaltigen Frieden erwarten, wenn die Hälfte der Weltbevölkerung von Friedensverhandlungen ausgeschlossen ist? Wir wissen auch, dass Frauen im Kongo auf die Frage, was sie am meisten wünschen, überwiegend Frieden nennen. Aber wir können nicht auf Frieden warten, damit Frauen in Frieden gelassen werden. Und das trifft nicht nur auf den Kongo zu, sondern auf alle Länder mit anhaltenden Konflikten oder einem Sicherheitsvakuum.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen Frauen im arabischen Frühling?

Wallström: Sie haben Seite an Seite mit den Männern gekämpft, aber sobald der Kampf vorüber ist, erhalten sie nur wenig oder gar keine Anerkennung und sie werden wieder nach Hause geschickt. Eine neue Gesellschaft kann aber nicht ohne die aktive Teilnahme von Frauen aufgebaut werden. In Übergangsregierungen müssen Frauen vertreten sein und neue Verfassungen müssen Regelungen zu Gleichheit und der Garantie für Frauenrechte enthalten.

Morgenpost Online: Sind es die Persönlichkeit und die Erfahrung von Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf, die den Unterschied in der Entwicklung Liberias machen, oder sind Frauen einfach die besseren Politikerinnen?

Wallström: Ich denke, es ist eine Kombination aus beidem. Präsidentin Johnson Sirleaf ist eine außergewöhnliche Frau, deren Führungsstil uns alle immer wieder inspiriert. Frauen in Afrika – und darüber hinaus – sind eine enorme Ressource. Letztendlich aber sind Frauen nicht besser oder schlechter als Männer, nur anders, und in einer wahren Demokratie darf man nicht die Hälfte der Bevölkerung ausschließen.

Viel zu viele all dieser beeindruckenden Frauen in Afrika sind seit so langer Zeit von den Entscheidungsfindungen ferngehalten worden. Im Allgemeinen tragen Frauen eine viel größere Verantwortung im Haushalt. In der Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel, die ich mehrmals besucht habe, tragen Frauen alles: Kinder, Wasser, Lebensmittel – und obendrauf müssen sie auch noch oft die Schande der Vergewaltigung ertragen. Das ist völlig inakzeptabel und muss sofort beendet werden!

Morgenpost Online: Warum hört man noch immer vergleichsweise wenig über die zum Teil enorm brutale und weit verbreitete sexuelle Gewalt ist in vielen afrikanischen Ländern?

Wallström: Sexuelle Gewalt in Konflikten gehört in der Geschichte zu den am meisten verschwiegenen Themen. Es taucht nicht in Waffenstillstandsabkommen auf, nicht in Entmilitarisierungsprogrammen und wird nur ganz selten bei Friedensverhandlungen erwähnt. Es ist eine Kriegstaktik, die noch lange weiter wirkt, auch wenn die Waffen längst schweigen. In Liberia ist Vergewaltigung das am häufigsten gemeldete Verbrechen – Frauen sagen, das sei ein neues Phänomen, das mit dem Bürgerkrieg gekommen sei.

Morgenpost Online: Was konkret kann dagegen getan werden?

Wallström: Als allererstes muss anerkannt werden, dass sexuelle Gewalt ein Thema ist und darüber gesprochen werden muss. Nur wenn wir offen darüber reden kann es uns gelingen, das große Schweigen zu brechen und letztlich sexuelle Gewalt zu stoppen.

Zweitens müssen wir etwas gegen die Straflosigkeit tun. Viel zu lange schon haben Frauen die Schande ertragen müssen, während die Täter unbehelligt herumgelaufen sind. Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Straflosigkeit zu bekämpfen ist deshalb seit meinem ersten Tag in diesem Job meine oberste Priorität und wird es auch weiterhin bleiben.

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