Friedensnobelpreis 2011

Diese drei Frauen verändern die Welt

Das Nobelpreis-Komitee in Oslo ehrt in diesem Jahr drei Frauen: die Präsidentin Liberias, eine Aktivistin aus demselben Land und eine Anführerin der Proteste im Jemen.

Die Rebellin

Auf Bildern ist sie meist mit buntem Kopftuch und geballter Faust zu sehen. Tawakkul Karman ist eines der bekanntesten Gesichter der jemenitischen Protestbewegung – und Gesicht zeigen, das erfordert Mut im Jemen. Die Mehrheit der Jemenitinnen trägt nicht nur einen weiten schwarzen Mantel sondern auch den Niqab, eine umständliche Konstruktion aus schwarzer Seide, die Nase, Mund und Kinn konturlos verhüllt. Nur ein Schlitz für die Augen bleibt frei, das Atmen darunter fällt schwer. Wenn Tawakkul Karman der Welt ihr Gesicht zeigt, dann tut sie das, weil sie atmen will.

Obwohl sie Mitglied in der reformislamischen al-Islah-Partei ist, zieht sie durch ihr Auftreten den Zorn der Fundamentalisten auf sich. Selbst Frauen in politischen Ämtern treten meist nur als schwarze Gespenster in Erscheinung. Aus dieser Masse sticht Karman heraus. Die 32-jährige ist eine Symbolfigur der seit Januar andauernden Proteste gegen Präsident Ali Abdullah Saleh.

Seine Kritiker leben gefährlich: Karman wurde im Januar nachts auf dem Weg nach Hause verhaftet. Tags darauf demonstrierten Tausende erfolgreich für ihre Freilassung.

Karman stammt aus der Provinz Taiz. Später zog ihre Familie in die Hauptstadt Sanaa, wo sie im Jahr 2000 ihr Politik- und Jurastudium abschloss. Karman ist Vorsitzende der Organisation „Journalistinnen ohne Ketten“ und kämpft seit Jahren für mehr Pressefreiheit. „Ich bin sehr froh über diesen Preis“, sagte die dreifache Mutter vor Journalisten, nachdem die Ehrung bekannt geworden war. „Ich widme diesen Preis der revolutionären Jugend im Jemen und dem jemenitischen Volk.“

Die Bevölkerung hat Unterstützung bitter nötig: Der Jemen steht kurz vor dem Zusammenbruch, Armut knebelt die Menschen. Seit Jahresbeginn demonstrieren die Massen gegen die 33-jährige autokratische Herrschaft des Präsidenten, von Woche zu Woche nimmt die Gewalt gegen die Demonstranten zu.

Der Nobelpreis garantiert Karman internationale Aufmerksamkeit – ein guter Schutz in unruhigen Zeiten. Doch im Jemen selbst ist die Preisvergabe nur eine Nachricht unter vielen. Eine Auszeichnung aus Norwegen ist weit weg von der Lebensrealität auf den Straßen.

Sollten die Proteste eines Tages erfolgreich sein und sollte es tatsächlich zu freien Wahlen kommen, dann dürfte Tawakkul Karman eine tragende Rolle im neuen System spielen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das weiß auch die Preisträgerin: „Der Tag wird kommen, wenn diejenigen, die Menschenrechte verletzt haben, dafür bezahlen müssen, was sie dem Jemen angetan haben“, sagte sie der „Yemen Times“. Tawakkul heißt „Vertrauen“. Möge sie es sich erhalten.

Die Beharrliche

Wer den Erfolg von Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf ermessen will, muss durch die Hauptstadt Monrovia fahren. Sicher, noch immer ist die Zerstörung durch den Bürgerkrieg zu sehen, wer mit dem Auto unterwegs ist, sollte nach Schlaglöchern Ausschau halten, und bei der Versorgung mit Elektrizität und Wasser hapert es noch. Aber es herrscht Aufbruch.

Einige Straßen sind neu asphaltiert, manche sind nachts sogar beleuchtet. Die Menschen versuchen, ihre Stadt sauber zu halten. Das ist bemerkenswert, denn Liberia war ein „failed state“, in dem alles völlig zerstört war – Infrastruktur, Bildungs- sowie Gesundheitssystem, Justiz, Polizei, Gesellschaft, Moral.

Johnson Sirleaf bringt die Integrität, das Handwerk und die Beharrlichkeit mit, um Liberia wieder aufzubauen. Die heute 72-Jährige studierte in den USA Wirtschaftswissenschaften und öffentliche Verwaltung, mit Abschluss in Harvard 1971. Zurück in Monrovia wurde sie Finanzministerin, bevor sie 1980 vor einem Putsch ins kenianische Exil floh. Mitte der 80er-Jahre kehrte sie erneut heim, nur um nach kurzer Haft in die USA zu fliehen. In Washington war sie Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms für Afrika, dann ging sie zur Weltbank.

Das Ende des Bürgerkriegs 2003 war der Beginn ihrer politischen Karriere in ihrem Heimatland. Nicht nur dass sie zwei Jahre später als Frau für das Präsidentenamt kandidierte, war ungewöhnlich, sondern auch ihr Sieg über den populären Weltfußballer George Weah – 2006 wurde sie die erste gewählte Präsidentin Afrikas.

In Liberia dominieren traditionell die Männer, Frauen haben einen niedrigeren Stand. Häusliche Gewalt und Missbrauch waren schon vor 1989 weit verbreitet, mit dem Bürgerkrieg gingen dann die letzten sozialen Normen verloren: Etwa drei Viertel aller Frauen wurden vergewaltigt.

Mit diesem Erbe kämpft die Methodistin noch heute, Vergewaltigung ist eines der häufigsten Verbrechen in Liberia – etwa 40 Prozent der Opfer sind unter zwölf Jahre. Die Dunkelziffer ist hoch, das Vertrauen in Polizei und Justiz gering. Johnson Sirleaf unterstützt deshalb Polizistinnen, Anwältinnen und Richterinnen, ließ eine spezielle Gerichtskammer für Fälle sexueller Gewalt einrichten, fördert Gesundheit und Bildung für Mädchen und Frauen.

Sie ist selbst Vorbild und will neue Vorbilder schaffen. Sie weiß aber auch, wie wichtig Wirtschaftswachstum ist und dass alle im Land davon profitieren müssen, um Stabilität zu erreichen. Das alles geht der vierfachen Mutter nicht schnell genug, Rückschläge gibt es reichlich. Aber vermutlich bekommt sie noch einmal fünf Jahre Zeit: Am Dienstag stellt sich Johnson Sirleaf zur Wiederwahl. Ihre Chancen sind gut.

Die Mutige

Die Frauen trugen weiße T-Shirts. Kein Makeup, keinen Schmuck. Nichts sollte von ihrer Botschaft ablenken: Wir wollen Frieden. Jetzt. Die Organisatorin der Proteste Leymah Gbowee hatte auf einige Hundert Frauen gehofft, die sich Liberias Diktator Charles Taylor in den Weg stellen. Ihn von Friedensgesprächen mit den Rebellen überzeugen würden. Eine utopische, weil lebensgefährliche Idee. Doch ein Bus nach dem anderen rollte an, bald standen über 2000 Frauen auf dem Feld neben dem Fischmarkt der Hauptstadt Monrovia.

Christen und Muslime, Anhängerinnen verfeindeter ethnischer Gruppen – verbunden von einem reinen Gedanken: Schluss mit diesem Bürgerkrieg, der 200.000 Menschen das Leben gekostet hat. „Wir sind still geblieben“, rief Gbowee den Massen zu, „aber der Krieg hat uns gelehrt, Nein zur Gewalt und Ja zum Frieden zu sagen.“

Es war der 14. April 2002 und der Beginn von wochenlangen Protesten der Frauen, auch im strömendem Regen und in drückender Hitze. Taylor gab schließlich nach, empfing Gbowee – und gab ihr das Versprechen, zu Friedensgesprächen nach Ghana zu reisen. Er hielt sein Wort, aber die Kämpfe gingen weiter. Gbowee rief schließlich Liberias Frauen auf, auf Hausarbeit und Sex zu verzichten. So sollte Druck auf die Männer ausgeübt werden, die ihrer Meinung nach zu feige waren.

Mit 200 Aktivistinnen versperrte sie schließlich die Ausgänge eines Gebäudes in Monrovia, wo wieder ergebnislos getagt worden war. Die verfeindeten Kriegsfürsten kehrten an den Verhandlungstisch zurück. Der Bürgerkrieg endete wenige Monate später. Nicht nur, aber auch deshalb.

Diese Geschichte sei „keine gewöhnliche Kriegsgeschichte“, schrieb Gbowee in ihrer Autobiographie. „Es geht um eine Armee von Frauen in Weiß, die sich erhoben, als niemand sonst sich erhob.“ Gbowee leistet noch immer einen wichtigen Beitrag zur Heilung ihres Landes – nachdem sie wegen des Bürgerkrieges nicht Medizin studieren konnte. Die 39-Jährige ist Sozialarbeiterin, betreut traumatisierte Kindersoldaten.

Der Mutter von sechs Kindern war immer bewusst, dass nicht nur die Schaffung, sondern auch der Erhalt von Frieden harte Arbeit bedeutet. Gbowee wurde im Jahr 2004 in die Wahrheits- und Versöhnungskommission Liberias berufen, um die Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie leitet unter anderem das Women Peace and Security Network Africa, das bei der Aussöhnung nach Kriegen berät. Leymar sei eine sehr bescheidene Person, sagte ihre Assistentin Bertha Amnaor, „sie ist keine, die das Rampenlicht sucht.“