Krisenland

Italiener sehen in Berlusconi ihr größtes Problem

Die griechischen Schockwellen lassen Politik und Wirtschaft in Rom in Panik geraten. Doch Berlusconi vereinfacht das Problem, anstatt es zu lösen.

Foto: REUTERS

Silvio Berlusconi kommt seinem Ruf als genialer Vereinfacher und Mediator unerschrocken immer wieder nach. Jüngst erkannte er den Kern der Schulden- und Finanzkrise Europas vorrangig in dem Problem, dass der Euro als eine Währung vieler Länder auch „die einzige Währung auf der Welt ohne eine gemeinsame Regierung ist, ohne einen Staat und ohne eine Bank der letzten Instanz“.

Kurzum, das Europa also, das sich vor über einem Jahrzehnt eine einzige Währung genehmigt hat, sei leider politisch und wirtschaftlich immer noch alles andere als eine Einheit.

Etwas komplizierter aber im Kern übereinstimmend bestätigt das der Ökonom und Nobelpreisträger Christopher Sims der Zeitung „La Stampa“. Die Eurorettung sei grosso modo ein politisches Problem, das auch nur politisch gelöst werden könne.

Panische Italiener sehen Berlusconi als größtes Problem

Dennoch hilft die zauberhafte Fähigkeit zur Kommunikation Italiens Premier jetzt vielleicht nicht mehr weiter in den neuen Schockwellen, die Giorgos Papandreous Ankündigung eines griechischen Volksentscheides wie ein seismisches Beben an die italienischen Nachbarn weiter geleitet hat.

Denn nun muss der Cavaliere auch gegen die Zauberkraft anderer Götter ankämpfen, nicht zuletzt gegen die Hexerei eines alten Hirtengottes. In der griechischen Mythologie war ja das Lieblingsspiel des Gottes Pan die Sinnverwirrung, die er mit seiner Flöte in den Wäldern vor Delphi unter den Menschen zu beschwören wusste. Griechen also haben in grauer Vorzeit nicht nur die Demokratie, sondern auch die Panik erfunden, als „Furcht, die keinen Grund hat“.

Ausgesprochene Panik scheint jetzt aber genau das zu sein, was – vom Präsidenten über Industrielle bis zu den Helden der Opposition – alle Stimmen Italiens zu einem Chor in der Überzeugung vereint, dass nur noch ihr Premier das eigentliche Problem des Landes sei, dem offensichtlich immer weniger (bis auf ihn selbst natürlich) eine Rettung und Lösung der Probleme zuzutrauen scheint.

Banken und Industrie setzen Berlusconi unter Druck

Natürlich hat Silvio Berlusconi diese Stimmen und Botschaften vernommen und auch alle andere Sirenen wohl gehört und die Signale erkannt. Wie hätte er auch die Augen davor verschließen können? An der Mailänder Börse „verbrannten“, wie es heißt, 22 Milliarden Euro in einem Feuer, das allerdings keinen wärmt. Italiens Werte stürzten.

Die Spanne zwischen Geld- und Briefkursen klafft weit auseinander. Der Premier kündigte zunächst geeignete Maßnahmen innerhalb von zwei Wochen an. Doch diesmal verlangen die Banken und die Industrie selbst an den Festtagen Allerheiligen und Allerseelen, an denen in Italien normalerweise überhaupt nichts läuft, „sofortige Maßnahmen“ plus „neuer Perspektiven“, wie Staatspräsident Giorgio Napoletano es formulierte.

Eine Kabinettssondersitzung zeitigte noch keine konkreten Entscheidungen, doch der Premier versicherte Bundeskanzlerin Merkel schon am Telefon, „rasch“ zu handeln. Nun wird in einem Stabilitätskomitee unter der Führung von Finanzminister Giulio Tremonti mit der Bankitalia um nötige „Schockmaßnahmen“ der Regierung gerungen.

Italiens Zeitungen seufzten in seltener Einmütigkeit über die neue Lage einer „Regierung unter einem Kommissariat“. Der Corriere della Sera sah im internationalen Vertrauensverlust Berlusconis das Hauptproblem. Mit ihm ließe sich kein Handel mehr mit dem Ausland machen.

Für La Stampa hingegen hat der griechische Nachbar durch das beabsichtigte Referendum ein Glaubwürdigkeitsproblem ganz Europas herauf beschworen. Silvio Berlusconi wird sich dadurch nun nicht wie ein europäischer Oberst Gaddafi vorkommen, mit dem plötzlich keiner mehr spielen will.

Was jeder weiß, weiß auch er: Bis zu seinem Erscheinen auf dem nächsten europäischen Krisengipfel müssen außerordentliche Lösungen gefunden werden, die imstande sind, die Märkte unmittelbar zu überzeugen, die Spekulationen zu stoppen und die Wirtschaftskrise zu bremsen – auch was die Ernsthaftigkeit des Premiers betrifft, sie umzusetzen. Vielleicht hilft ihm auch dabei ja noch einmal sein Talent zur Vereinfachung.

Mehr hilft ihm und Italien wohl aber der Wachwechsel auf dem Chefsessel der EZB in Frankfurt, der von der griechischen Feuertaufe begleitet wurde. Von jetzt an hat Silvio Berlusconi es hier mit Mario Draghi zu tun, einem Landsmann also, doch einem Italiener „mit Pickelhaube“, wie es heißt, der dem Cavaliere nun vielleicht so sehr auf die Finger sehen wird, wie die italienische Opposition es bisher nie getan hat.

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