Integrationsdebatte

Merkel und Erdogan sprechen nicht eine Sprache

Bundeskanzlerin Merkel und der türkische Ministerpräsident Erdogan haben die Integration von Türken in Deutschland gewürdigt. Doch beide verstehen unter gelungener Integration etwas Grundverschiedenes.

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Erfolgsgeschichte mit Schwachstellen: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan haben die Integration türkischstämmiger Menschen in Deutschland gewürdigt, aber auch Probleme und Defizite benannt. Beim Festakt zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei betonte Merkel am Mittwoch die Wichtigkeit von Ausbildung und Deutschkenntnissen. Erdogan mahnte deutsche Unterstützung auf dem Weg der Türkei in die Europäische Union an. Mit einem Interview in der „Bild“-Zeitung verärgerte er die Bundesregierung.

Merkel sagte bei dem Festakt im Auswärtigen Amt in Berlin: „Die deutsche Sprache zu beherrschen und zu erlernen ist zwingend für gelungene Integration.“ Probleme bei der Integration dürften aber nicht verschwiegen werden. Das Bildungsniveau von Menschen mit Migrationshintergrund habe sich zwar verbessert. „Dennoch können wir mit diesen Fortschritten noch nicht zufrieden sein.“

Das Anwerbeabkommen war am 30. Oktober 1961 geschlossen worden, um dringend benötigte Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen. Viele der damaligen Gastarbeiter ließen ihre Familien nachziehen. Heute leben in Deutschland mehr als 2,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln.

Gelungene Integration sei mitentscheidend für die Zukunft unseres Landes, sagte Merkel. „Deutschland ist reicher geworden, weil es vielfältiger geworden ist.“ Das Zusammenleben sei immer ein Geben und Nehmen, sagte die Kanzlerin, die auch die Bedeutung des Grundgesetzes für alle Bürger hervorhob. Dies gelte auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Zuvor hatte Erdogan Deutschland eindringlich zur Unterstützung seines Landes auf dem Weg in die EU aufgefordert. „Deutschland ist das Land, von dem wir uns an erster Stelle Unterstützung erhoffen.“ Erneut kritisierte er jede Unterstützung für die als terroristisch eingestufte kurdische PKK. Die Türkei dürfe im Kampf gegen die PKK nicht alleingelassen werden. Darauf entgegnete Merkel, Deutschland stehe hier „ohne Wenn und Aber“ an der Seite der Türkei.

Erdogan sprach sich erneut für die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft aus. In anderen Ländern, etwa in Frankreich, sei dies eine Selbstverständlichkeit. Merkel erwiderte, sie gehöre einer eher konservativen Schule an. Sie glaube auch nicht, dass man zwei Armeen dienen könne. Sie bezweifle, dass Integration automatisch besser funktioniere, wenn es die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft gebe.

Erdogan nannte das Anwerbeabkommen von 1961 einen Vertrag zum Nutzen beider Länder. „Vor 50 Jahren haben die Menschen nicht nur ihre Arbeitskraft angeboten, sondern auch ihren guten Willen. In diesen 50 Jahren haben sie die Fremde zu ihrer Heimat gemacht“, sagte der türkische Regierungschef. Auf Deutsch rief er aus: „Wir gehören zusammen.“

Unmittelbar vor dem Festakt hatte Erdogan allerdings mit Kritik an Deutschland für Verärgerung in der Bundesregierung gesorgt. In der „Bild“-Zeitung (Mittwoch) forderte er erneut, junge Türken sollten zuerst Türkisch lernen: „Wenn ein Kind eine neue Sprache erlernen will, muss es die eigene Sprache gut können.“ Zudem wandte er sich scharf gegen die verlangten Deutschkenntnisse für den Zuzug von Familienangehörigen. „Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte“, sagte er.

Weiter beklagte Erdogan mangelnde Unterstützung für einen EU-Beitritt der Türkei. „Weil wir Türken so viel Positives für Deutschland empfinden, fühlen wir uns gerade hier im Stich gelassen“, sagte er. Erdogan kritisierte auch, dass die deutsche Politik die Verflechtung der Türken in Deutschland mit ihrem Herkunftsland nicht genügend würdige.

Die Integrationsbeauftragte der Regierung, Staatsministerin Maria Böhmer, sagte: „Die Interview-Äußerungen Erdogans sind kontraproduktiv für die Integration der türkischstämmigen Migranten in Deutschland.“ Der türkische Staat müsse lernen, die Migranten in unserem Land loszulassen. Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) widersprach Erdogan und sagte, die erste Sprache junger Türken in der Bundesrepublik sei heute eigentlich Deutsch und nicht Türkisch.