Ägypten

"Kopten haben keinerlei Schutz vor Übergriffen"

Für den Menschenrechtsexperten Lessenthin hat sich die Lage der koptischen Christen nicht verbessert. Vielmehr habe sie sich verschlechtert.

Foto: dpa / dpa/DPA

Morgenpost Online: Sind nach der Gewalteskalation am Sonntagabend in Kairo weitere Übergriffe zu befürchten?

Martin Lessenthin: Auf jeden Fall. Der Auslöser für die Unruhen waren zivil gekleidete Schlägertrupps, die versucht haben, die friedliche Demonstration der Kopten und Muslime zu zerschlagen. Es ist jederzeit mit neuen Ausschreitungen nicht nur in Kairo, sondern auch in anderen Teilen Ägyptens zu rechnen. Vor allem mit Brandlegungen in koptischen Kirchen, wie sie in den letzten Monaten bereits häufiger vorkamen.

Morgenpost Online: Wie lässt sich der Konflikt entschärfen?

Lessenthin: Der Schlüssel liegt bei denen, die die Macht haben – in Ägypten also das Militär. Die Truppen müssen die Kopten vor solchen Angriffen schützen. Außerdem muss die ägyptische Justiz die Straftäter streng verfolgen und darf die Verbrechen nicht ungeahndet lassen. Beides ist bisher leider nicht der Fall.

Morgenpost Online: Welchen Diskriminierungen ist die koptische Bevölkerung im Alltag ausgesetzt?

Lessenthin: Die Liste ist so lang, dass man gar nicht alle nennen kann. Durch die Eintragung der Religionszugehörigkeit in die Personaldokumente werden die Kopten am Arbeitsmarkt trotz hoher Qualifikation stets benachteiligt, Muslime werden bei Bewerbungen vorgezogen.

Auch wäre es nicht möglich, dass ein Christ durch freie Wahlen ein Regierungsamt antritt. Boutros Boutros-Ghali zum Beispiel, der von 1992 bis 1996 Generalsekretär der Vereinten Nationen war und dem Vorstand der Mubarak-Partei angehörte, war immer nur Stellvertreter und hätte nie Außenminister Ägyptens werden können. Viele Kopten verlassen seit Jahren die Republik, dieses Jahr wird die Zahl der Geflüchteten bereits auf 100.000 geschätzt.

Morgenpost Online: Inwieweit hat sich die Situation seit dem Sturz von Ex-Präsident Mubarak verändert?

Lessenthin: Entgegen aller Hoffnungen hat sich die Lage der koptischen Christen leider nicht verbessert, man kann vielmehr von einer schleichenden Verschlechterung sprechen. Den Kopten in Ägypten wird immer noch kein Schutz vor Übergriffen militanter Islamisten gewährt, die alltägliche Diskriminierung findet weiterhin statt. Seit Husni Mubarak im Februar durch die Bewegung des arabischen Frühlings gestürzt wurde, hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte bereits zahlreiche gewalttätige Übergriffe gegen Kopten registriert.

Allerdings hat sich das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit im Ausland seit der Revolution für die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten geschärft. Sonst hatten sich hauptsächlich Urlauber oder Geschäftsleute, die ab und an selbst nach Ägypten fliegen, für die Lage dort interessiert. Seit dem arabischen Frühling ist der Fokus jedoch stärker auf Kairo gerichtet.

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