Rassismus in den USA

Wer dunkler ist als eine Papiertüte, gehört nicht dazu

Auch wenn der Präsident schwarz ist, in den USA haben es Afro-Amerikaner noch immer schwerer als Weiße. In dem Film "Dark Girls" erzählen jetzt Frauen ihre Geschichten.

Da bittet das kleine schwarze Mädchen seine Mutter, Aufheller in die Badewanne zu schütten, damit ihre Haut weißer wird. Da ist das andere Kind, das dachte, seine Haut sei deshalb so dunkel, weil sie dreckig sei und sich nicht abwaschen lasse. Manche Vorurteile haben sich so tief in das Gedächtnis der Menschheit gegraben, dass selbst Kinder schon wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist.

146 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei und knapp 50 Jahre nach dem Ende der Bürgerrechtsbewegung leben Afro-Amerikaner in den USA noch immer unter schwierigeren Umständen als Weiße. Mit "Dark Girls" ( hier der etwa neunminütige Trailer) ist jetzt ein Film entstanden, der die vielen kleinen Geschichten vom alltäglichen latenten Rassismus erzählt. Es ist ein Dokumentarfilm, in dem Afro-Amerikanerinnen berichten, wie sie es erleben, schwarz zu sein. Gerade wurde der Film auf dem "International Black Film Festival" in Nashville gezeigt. Ende des Jahres soll er in die US-Kinos kommen.

Sieht man sich einige Statistiken an, ist die Gefahr, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, für Afro-Amerikaner noch immer größer als für Weiße: 2009 war die Zahl schwarzer Männer, die im Gefängnis saßen, sechs mal höher als die der Weißen ; bei den Frauen war sie 3,6 Mal so hoch. Von den 46,2 Millionen Amerikanern, die 2010 in Armut lebten, waren 27,4 Prozent Schwarze – jedoch nur 9,9 Prozent Weiße.

Gerade die Afro-Amerikaner verloren in der Wirtschaftskrise gut bezahlte Jobs in der Industrie, zum Beispiel in Detroit, die ihnen ein gutes Auskommen ermöglicht hatten. Unter den Nicht-Weißen waren es deshalb sie, die 2010 die höchsten Einkommenseinbußen hinnehmen mussten. Barack Obama jedoch, ausgerechnet der erste schwarze Präsident der USA, vernachlässige die Schwarzen, so lautet ein oft gehörter Vorwurf . Viele Schwarze haben sich bereits enttäuscht von Obama abgewandt.

Das Gefühl, nicht zu genügen

In "Dark Girls" kommen nun Afro-Amerikanerinnen selbst zu Wort. 75 Frauen haben die beiden Regisseure Bill Duke und Duke Channsin Berry dafür interviewt – und das weltweit. Die Frauen erzählen von ihrem Gefühl, anders zu sein, nicht zu genügen und nicht dazuzugehören. Eine Frau musste sich als Kind anhören, sie habe wohl zu lange im Ofen gesessen.

Ihre Geschichten vom Anderssein ziehen sich durch ihre Kindheit, ihre Pubertät, das ganze Leben. Eine Frau mit hochgegelter Frisur sagt, sie hätte zwar Dates mit Jungs gehabt – allerdings nur nach der Schule und hinter verschlossenen Türen. Eine andere Frau sagt, je dunkler eine Frau sei, umso interessanter sei sie für Männer – sexuell gesehen. Allerdings habe selbst eine normale Beziehung keine Bedeutung, und schon gar nicht, wenn es um Heirat ginge. Und dann ist da noch die Frau mit langen Haaren und schwarzer Bluse, die sagt, wenn sie jemals ein Mädchen bekommen würde, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass es nicht so schwarz wie sie wäre.

Schon Kinder haben ein geringes Selbstbewusstsein

Was die Eltern spüren, das merken auch die Kleinen. Kinder von Afro-Amerikanern hätten ein geringes Selbstbewusstsein, sagten die beiden "Dark Girls"-Regisseure in einem Audio-Interview .

Das belegt auch der "Puppentest", der in dem Film gezeigt wird: Dabei soll ein Mädchen auf einem Blatt mit weißen und schwarzen Babys zeigen, welche Kinder sie für hässlich und dumm hält und welche für klug und hübsch. Ihr Urteil ist klar: Wenn einem Kind negative Eigenschaften zugeschrieben werden, tippt sie auf das dunkelhäutige Kind. Nach dem Grund gefragt, antwortet sie: "Weil es schwarz ist."

Die beiden Regisseure, Duke und Berry, sind selbst Afro-Amerikaner. "Dark Girls" ist deshalb auch ein Film über ihre eigene Familiengeschichte: "Der Film hat viel mit mir zu tun, weil ich als Schwarzer in Amerika lebe. Dann habe ich natürlich mitbekommen, was meine Verwandten wie meine Schwester und meine Nichte durchmachen mussten", zitiert der "Guardian" Berry . "Das Problem besteht außerhalb unserer Rasse, aber viel passiert auch durch uns selbst und wie wir uns wahrnehmen."

In der Tat sind die Afro-Amerikaner auch untereinander gespalten und grenzen sich voneinander ab – und das ist auch der überraschendste Aspekt des Trailers. Man sieht sich lieber als Haitianer oder Karibe und nicht in erster Linie als Afro-Amerikaner. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in einigen Zirkeln der afro-amerikanischen Community den sogenannten Papiertütentest: Wer dunkler war als eine braune Papiertüte, wurde schlechter angesehen.

Der Zeitpunkt der Einwanderung ist mitentscheidend

Welchen Status ein Afro-Amerikaner hat, hängt neben seinem Bildungsgrad vor allem davon ab, wann er in die USA eingewandert ist – oder ob schon die eigenen Vorfahren Sklaven waren, sagt Eva Boesenberg, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

So unterschieden sich die Migranten aus Afrika und der Karibik, die nach der Liberalisierung der Einreisebestimmungen 1965 in die USA einreisten, deutlich von den Schwarzen, die schon in den USA lebten: Sie waren ehrgeizig und nahmen als neu Eingereiste fast jeden Job an.

Die alteingesessenen Afro-Amerikaner hofften dagegen vor allem, dass sie nun endlich die gleichen Chancen bekämen wie Weiße – und resignierten, wenn dies nicht der Fall war.

Lange Zeit fanden Afro-Amerikaner nur schwer eine Arbeit; noch heute sitzen mehr junge schwarze Männer im Gefängnis als im College. Frauen hatten in der Arbeitswelt dagegen weniger Probleme. Gerade Afro-Amerikanerinnen seien im Vergleich zu den Männern gut ausgebildet gewesen, sagt Boesenberg. Sie fanden leichter einen Job, auch wenn er verhältnismäßig schlecht bezahlt war. "Als Hausangestellte trugen sie oft mehr zu dem Familieneinkommen bei als weiße Frauen."

"Steht auf, Mädchen, steht auf"

Die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen macht selbst vor Hollywood nicht halt: 2008 wurde diskutiert, ob die Haut von Sängerin Beyoncé für eine Werbeanzeige von L'Oréal aufgehellt wurde . Zwei Jahre später wurde der gleiche Vorwurf der "Elle" gemacht: Schauspielerin Gabourey Sidibe ("Precious") schien auf dem Cover der Zeitschrift heller als auf anderen Fotos zu sein. L'Oréal bestritt die Aufhellung vehement, "Elle" gab nur die üblichen Ausbesserungen zu.

Noch immer ist das Schönheitsideal in den USA die hellhäutige Frau mit blonden Haaren – und das wussten auch die Mädchen aus "Dark Girls". Dass sich schon junge afro-amerikanische Mädchen als hässlich empfinden und ihre Mutter um Aufheller bitten, ist deshalb auch einer der bedrückendsten Momente des Trailers. Andere Frauen berichten von langen Haarglättungs-Sitzungen, weil sie ihren natürlichen krausen Afro-Look als dreckig und unattraktiv empfanden.

Es ist ein einfacher Rat, den eine Frau aus "Dark Girls" jungen Mädchen von heute gibt: "Steht auf, Mädchen, steht auf."