Geldmangel

Enthüllungs-Maschine Wikileaks ist trockengelaufen

Die umstrittene Internetplattform veröffentlicht bis auf weiteres keine geheimen Dokumente mehr. Wikileaks' Niedergang könnte auch den recherchierenden Journalismus schwächen.

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Enthüllen kostet Geld. Etwa 48.000 Euro kostet der Betrieb von Wikileaks in der Woche, schätzte deren Gründer Julian Assange Anfang des Jahres – Geld, das die Organisation nicht mehr hat, seitdem viele Banken und Kreditkartenunternehmen die Zusammenarbeit mit den Enthüllern aufgekündigt haben.

Wer spenden will, muss überweisen, und das ist für die Unterstützer der Organisation offenkundig zu kompliziert. Nun geht Assange die Luft aus: Vor Journalisten erklärte er, dass die Finanzprobleme Wikileaks vorerst zum Schweigen bringen würden . Sollten die Lücken nicht gestopft werden, drohe Wikileaks zum Jahresende das Aus, teilte Assange mit.

Ohne Spenden droht Wikileaks zum Jahresende das Aus

Im Jahr 2010 hätten Sympathisanten im Schnitt um die 100.000 Euro pro Monat gespendet, inzwischen seien es nur noch um die 6000 bis 7000 Euro, sagte Assange. "Wenn Wikileaks keinen Weg findet, diese Blockade zu beenden, werden wir es bis zum Jahreswechsel nicht mehr schaffen, weiterzumachen", sagte er.

Es könne nur weitergehen, wenn es gelänge die "Blockade niederzureißen". Und auf der deutschen Seite der Organisation heißt es im vertrauten Anti-Banken-Deutsch: "Eine Handvoll US-Finanzkonzerne darf nicht darüber bestimmen können, wie die ganze Welt mit ihrem Geldbeutel abzustimmen hat."

Kampf gegen "Blockade und ihre Befürworter"

Um ihr Überleben sicherzustellen, müsse die Plattform nun "aggressives Fundraising betreiben, um gegen die Blockade und ihre Befürworter anzukämpfen".

Vier Jahre nach ihrem Auftritt im Internet steht die Plattform damit vor dem Aus. Von Anfang polarisierte Assange mit seinem Ansatz, einfach alles zu veröffentlichen, was ihm zugespielt wurde. Editorische Anmerkungen, journalistische Analysen oder kritische Aufarbeitung der Dokumente überließ Wikileaks den ansonsten verhöhnten "Mainstream-Medien".

Dabei nahm die Öffentlichkeit von der Seite zunächst kaum Notiz. Als Wikileaks etwa den bis dato geheimen Vertrag mit den Mautbetreibern von Toll Collect veröffentlichte, interessierte das kaum einen Journalisten.

Assange lehnte Schutz von Informanten ab

So kam auch Assange nicht umhin, sich auf die Regeln des Gewerbes einzulassen. Er suchte sich starke Partner, die Dokumente exklusiv einsehen konnten und die Geschichten darin nach Absprache und einem genauen Zeitplan veröffentlichten. Mit dem Irak-Krieg-Konvolut klappte das gut; hier arbeiteten Medien wie die "New York Times", der englische "Guardian" und der "Spiegel" zusammen.

Doch schon bei der Auswertung und der Veröffentlichung der mehr als 250.000 Botschafts-Depeschen geriet die Enthüllungsmaschine ins Schleudern. Während den professionellen Journalisten nämlich klar war, dass bei der Auswertung Informanten und Zuträger der Amerikaner geschützt werden mussten, war das Assange nur schwer beizubringen.

In der Zusammenarbeit mit ihm kam es insbesondere mit dem "Guardian" zu Streits und lauten Telefonaten. Inzwischen arbeitet das Blatt nicht mehr mit Assange zusammen.

"Aftenposten" brach das Monopol

Sein autoritär-narzisstischer Führungsstil sorgte auch innerhalb der Organisation für soviel Unmut, dass die Depeschen schließlich selbst "geleakt" wurden. Die norwegische Zeitung "Aftenposten" erhielt alle Dokumente – ohne dafür Geld zu bezahlen – und ließ unter anderem Morgenpost Online an dem Datenschatz teilhaben.

Das Monopol der Medien war gebrochen, und die anderen Zeitungen fanden noch viele berichtenswerte Geschichten, die die anderen links liegen gelassen hatten. Mittlerweile sind die Dokumente im durch ein ausgeplaudertes Passwort im Internet vollzählig abrufbar, wenn auch nur über eine eingeschränkte Suchfunktion.

In seiner nicht autorisierten Biografie, die in der vergangenen Woche erschien, lässt sich der Australier Assange als Held und Kämpfer für die Wahrheit stilisieren, der allein gegen das System kämpft. Und sich als "chauvinistisches Schwein" bezeichnet, das aber "kein Vergewaltiger" sei. Kurz vor Drucklegung zog Assange seine Zustimmung zur Veröffentlichung wieder zurück, weil er auf ein höheres Honorar spekulierte.

Arbeit läuft seit Monaten auf Sparflamme

Faktisch läuft die Arbeit von Wikileaks allerdings schon seit Monaten auf Sparflamme. Neue Dokumente veröffentlichte Assange nicht mehr. Seit Monaten hängt er unter Aufsicht in Großbritannien fest, während über seine Auslieferung nach Schweden entschieden wird. Dort wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen. Für Assange ist das nur eine Intrige, die das Pentagon gegen ihn angezettelt haben soll.

Auch das Zerwürfnis zwischen Assange und dem einstigen Weggefährten Daniel Domscheit-Berg hatte die Arbeit der Enthüllungs-Website weitgehend paralysiert. Domscheit-Berg nahm bei seinem Ausstieg noch unveröffentlichtes Material mit, weil es bei Wikileaks und Assange nicht mehr sicher sei.

Domscheit-Berg will der angeschlagenen Enthüllern nun mit seiner Plattform "openleaks" Konkurrenz machen. Doch Dokumente sind dort noch nicht abrufbar. Künftige "Whistleblower" dürfte nämlich das Schicksal des mutmaßlichen Hauptinformanten von Wikileaks abschrecken.

Der US-Soldat Bradley Mannings sitzt seit anderthalb Jahren im Gefängnis, weil er die Dokumente weitergegeben haben soll. Ihm droht eine jahrzehntelange Haft. Auf Informanten wie ihn aber sind Journalisten dringend angewiesen. So könnte der Niedergang von Wikileaks am Ende auch den recherchierenden Journalismus schwächen.