Nach Anschlägen der PKK

Die Türkei und die Jagd nach kurdischen Rebellen

Nach der Tötung von 30 Soldaten durch kurdische Rebellen bombardierten türkische Kampfflugzeuge mutmaßliche Stellungen der PKK im Nordirak. Die Türkei ist im Alarmzustand. Premier Erdogan sagt seine Auslandsreisen ab.

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Mindestens 26 türkische Soldaten wurden bei einem Kurden-Angriff getötet. Die Armee verfolgt die Angreifer bis in den Nordirak.

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Die Türkei befindet sich im Alarmzustand, nachdem die seit Jahren blutigsten Angriffe der kurdischen Rebellengruppe PKK mehr als 30 Todesopfer bei den Sicherheitskräften forderten. Schon am Dienstag hatte eine Autobombe acht Menschen getötet, darunter waren fünf Polizisten.

Daraufhin griffen PKK-Kämpfer mehrere Militärposten im Grenzgebiet zum Irak an und töteten dabei unterschiedlichen Berichten zufolge zwischen 24 und 26 Soldaten. 18 weitere wurden verletzt. Im türkisch-irakischen Grenzgebiet sollen gleichzeitig acht Ziele mit Raketen, Granaten und automatischen Waffen angegriffen worden sein. Seit Jahren hat die PKK keinen derartig umfassenden Angriff mehr gewagt.

Sowohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als auch Staatspräsident Abdullah Gül sagten aufgrund der Ereignisse Auslandsbesuche ab – nach Kasachstan und Serbien –, um sich der Krise voll widmen zu können.

Türkische Kommandos in Bataillonsstärke verfolgten die Angreifer bis in irakisches Staatsgebiet hinein.

Die türkische Luftwaffe flog Angriffe gegen Ziele im Nordirak, wo die PKK ihre Befehlszentren unterhält. Die türkische Armee sendete auch Hubschrauber aus, die die Rebellen unter Feuer nahmen. Berichte sprechen von türkischen Vorstößen in irakisches Gebiet bis zu acht Kilometer ins Landesinnere hinein.

Ministerpräsident Erdogan bezeichnete die Militäraktion als „heiße Verfolgung im Einklang mit dem internationalen Recht“, es ist also vorerst keine längerfristige und umfassendere Offensive auf irakischem Staatsgebiet. Das Militär gab derweil bekannt, man habe insgesamt 15 „Terroristen“ getötet.

Präsident Gül droht mit Rache

Dem jüngsten Schlagabtausch waren Gespräche zwischen der türkischen Führung und den Behörden im autonomen Kurdengebiet im Nordirak vorangegangen. Die kurdischen Behörden hatten danach, offenbar in Abstimmung mit Ankara, einige Dörfer in der Nachbarschaft der wichtigsten PKK-Stützpunkte evakuiert. Die Begründung: Die Bevölkerung dieser Dörfer habe, ob freiwillig oder unter Zwang, die PKK logistisch unterstützt. Die „evakuierten“, eigentlich deportierten Zivilisten sollen nun in Lagern untergebracht werden.

Beobachter halten es auch für denkbar, dass die Räumung dieser Dörfer als Vorbereitung für einen eventuellen militärischen Entscheidungsschlag der türkischen Armee gegen die PKK-Zentrale gedacht ist. Der türkische Staatspräsident Gül kündigte ominös an: „Jene, die uns Schmerz zufügen, werden sehr viel mehr Schmerz erleiden.“ Und er drohte weiter, dass die türkische Armee Rache üben werde für die erfolgten Angriffe.

Es ist also nicht auszuschließen, dass es wie bereits im Jahr 2007 zu einem türkischen Einmarsch in das unabhängige Kurdengebiet kommen könnte. Auf der kurdischen Seite erinnert man sich nur zu gut daran. Als die Türken kamen, sei man vorbereitet gewesen, sagt Zuhair Naif aus dem kleinen Grenzdorf Karaol. Damals hatten sie ihre Gewehre aus dem Schrank geholt und ihre Peschmerga-Uniformen angelegt. Drei von ihnen waren auf den Hügel vor dem Dorf geklettert und sahen die Soldaten näher rücken. Dieses Szenario könnte sich in den nächsten Stunden wiederholen.

Karaol liegt genau an der Grenze zwischen dem Irak und der Türkei, eine halbe Autostunde westlich von Zakho. Ein harmloser Zaun hinter dem Hügel und auf den Feldern kündet davon, dass hier etwas abgetrennt werden soll. Als die Türken vor vier Jahren zum ersten Mal einmarschierten, löste dies eine politische Krise aus. Washington war alarmiert, Bagdad ebenfalls. Nur die kurdische Regionalregierung rührte sich zunächst nicht. Erst als Masud Barzani, Sohn des vor 33 Jahren verstorbenen Mustafa Barzani und heutiger Präsident von Irakisch-Kurdistan, in Dohuk eintraf, machten die ehemaligen Freiheitskämpfer mobil.

„Da hinten standen wir und traten den Türken entgegen“, erzählt Zuhair Naif, während er auf eine schmale Straße hinter dem Dorf zeigt. „Es hat geknistert, aber nicht geknallt.“ Die Türken versprachen, nur die Terroristen bekämpfen zu wollen und dann wieder abzuziehen. Am Ende sind sie zwei Wochen geblieben. Die Einwohner von Karaol haben Angst, dass die Soldaten dieses Mal sogar länger bleiben. All die Jahre hindurch hätten die Türken unzählige Luftangriffe gegen die PKK geflogen. Auch irakische Zivilisten seien dabei ums Leben gekommen.

Rücksichtnahme kennt freilich auch die PKK nicht. „Türken und Amerikaner stellen sie als Terroristen dar“, sagt Latif, Zuhairs Nachbar. Aber die Rebellen seien doch keine Terroristen. „Das sind Kurden wie wir – Freiheitskämpfer!“

In diesem Satz zeigt sich das Dilemma, in dem die kurdische Regionalregierung in Erbil und die Zentralregierung in Bagdad stecken. Denn die PKK-Kämpfer werden in der Region nicht als Terroristen, sondern als „kurdische Brüder und Schwestern“ betrachtet. Gemeinsam kämpften sie gegen Saddam Hussein, als dieser Giftgas gegen seine Kurden einsetzte.

Seit 1999, noch zur Zeit der UN-Flugverbotszone, haben sich die Guerillas in den kurdischen Bergen im Nordirak verschanzt. Sie unterhalten dort Krankenstationen und soziale Einrichtungen für die Dorfbewohner. Sie werden nicht nur von Kurden in der Türkei, sondern auch von Kurden in den Nachbarstaaten einschließlich der weltweit verstreuten kurdischen Emigranten unterstützt.

Ihr offizielles Ziel ist eine weitgehende Autonomie in den Gebieten, wo mehrheitlich Kurden leben. Dass die irakischen Kurden dieses Ziel bereits erreicht haben, bedeutet nicht, dass die Kalaschnikows der Peschmerga im Irak nun verschrottet werden.

Gerade kocht die Spannung zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Regionalregierung in Erbil wieder hoch. Und immer wenn die irakischen Kurden damit drohen, sich vom Rest des Landes abzuspalten, blicken sie verstohlen auf die durchtrainierten PKK-Kämpfer in den Kandil-Bergen. Denn insgeheim ist der Wunsch nach einem unabhängigen kurdischen Staat nie aufgegeben worden. Umso brisanter ist die derzeitige Eskalation, die in der Tradition einer kontinuierlichen Abwärtsspirale der Gewalt steht, die seit mehreren Monaten andauert.

In der Türkei haben die immer höheren Verluste der Armee infolge der PKK-Angriffe eine heftige Debatte ausgelöst. Unter anderem wird gefragt, ob Israel – und neuerdings auch Syrien – hinter den Anschlägen stecken. In den türkischen Medien kursieren seit gut einem Jahr Gerüchte, Israel unterstütze neuerdings die PKK. Auslöser soll, so wird spekuliert, der neue konservative Kurs der Türkei gegenüber Israel sein.

Viele Türken nehmen diese Spekulationen für bare Münze. Die immer blutigeren PKK-Angriffe tun ihr Übriges, um die Gerüchte zu nähren. Drohungen erreichen die Türkei auch von ihren südlichen Nachbarn. Das von Volksprotesten bedrängte syrische Regime hatte jüngst gewarnt, die Türkei riskiere bürgerkriegsähnliche Zustände, wenn sie weiter das syrische Regime destabilisiere.

Bis weit in die 90er-Jahre hinein hatte Syrien den PKK-Rebellen Zuflucht geboten. Seit einigen Jahren konnte eine Entspannung zwischen den beiden Staaten verzeichnet werden, Erdogan und Syriens Diktator Baschar al-Assad hatten sogar direkt verhandelt. Mittlerweile aber hat sich die Türkei ganz auf die Seite der syrischen Opposition gestellt. Offiziell aus humanitärem Interesse, wie es heißt. Inoffiziell fürchtet die Türkei vor allem auch den nicht abreißenden Strom syrischer Flüchtlinge.