Gegen die Wall Street

Proteste sollen sich nach Europa ausbreiten

Die Anti-Wall-Street-Proteste verbreiten sich von New York aus in viele amerikanische Städte. Auch in Deutschland rufen Aktivisten zu Demonstrationen auf.

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Die Anti-Wall-Street-Bewegung breitet sich aus. Nach Protesten in New York versammelten sich auch in Washington und in zahlreichen weiteren US-Städten Demonstranten, um die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und eine ungleiche Verteilung von Wohlstand anzuprangern. In Deutschland riefen Bündnisse für Samstag kommender Woche zu Protesten unter anderem in Frankfurt und Berlin auf.

In der US-Hauptstadt Washington forderten die Demonstranten "Stoppt den Krieg gegen die Arbeiter". Andere verlangten, die Bürger wieder wichtiger zu nehmen als "die Gier der Unternehmen". In Philadelphia versammelten sich bis zu 1000 Menschen. In Los Angeles zogen Demonstranten vor die Filiale der Bank of America . Es wurden elf Personen festgenommen. "Ich glaube, der amerikanische Traum ist mächtig in Gefahr", sagte ein Teilnehmer in Tennesse. "Es gibt so viele Menschen wie mich, die genug haben von den Wall Street-Verbrechern."

Das globalisierungskritische Netzwerk attac plant am 15. Oktober in mehreren deutschen Städten Aktionen, darunter eine Protestkundgebung vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. In Berlin wollen sie vor das Bundeskanzleramt ziehen.

In anderen EU-Ländern versuchen Bündnisse an die Jugendproteste in Spanien und Griechenland anzuknüpfen. "Die Krise wird für die Menschen zunehmend spürbar, weshalb die Beteiligung quer durch viele Gesellschaftsschichten immer weiter anwächst", sagte Frauke Distelrath von attac Deutschland.

Die spanische Demokratiebewegung "Democracia Real Ya!" (Echte Demokratie jetzt!) will ebenfalls auf die Straße ziehen. Das Netzwerk hat bereits im Mai zu landesweiten Demonstrationen gegen die hohe Arbeitslosigkeit und das rigide Sparprogramm der spanischen Regierung in der Schuldenkrise mobilisiert.

Sympathie aus Politik und Wirtschaft

Die in den USA geborene Bewegung könnte nach Einschätzung von Experten vor allem in den von der Finanzkrise besonders betroffen Staaten Südeuropas Fuß fassen. In Deutschland hingegen dürften die Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen übersichtlich bleiben, sagte der Soziologe Simon Teune vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). "Es gibt national sehr unterschiedliche Dynamiken, die schwer absehbar sind, weil politische Organisationen in den Protesten marginal sind und die Mobilisierung zu großen Teilen über das Internet stattfindet."

In den USA erhält die Bewegung zunehmend Unterstützung aus Politik und Wirtschaft. Präsident Barack Obama und Vizepräsident Joe Biden äußerten Verständnis für die Proteste. "Die Demonstranten geben der weit verbreiteten Enttäuschung über die Funktionsweise der Finanzsysteme eine Stimme", sagte Obama. "Die Menschen in Amerika empfinden das System als ungerecht", sagte Biden.

Selbst ein hochrangiger Vertreter der US-Notenbank äußerte Sympathie. "Wir haben eine sehr ungleiche Verteilung der Einkommen", sagte Richard Fisher, Fed-Chef in Texas. "Es sind zu viele Menschen zu lange arbeitslos. Die Menschen sind sehr frustriert und ich kann sie verstehen." Auch im Mischkonzern General Electric stößt die Bewegung auf Verständnis: "Wenn ich arbeitslos wäre, wäre auch ich wirklich wütend", sagte der Chef der Konzern-Finanztochter GE Capital, Michael Neal. "Es sind im Moment sehr viele Menschen unglücklich und es gibt nicht viel, was ihnen Hoffnung gibt."

Die Bewegung hat sich Mitte September gebildet und versammelt sich seither regelmäßig in New York zu Demonstrationen unter dem Motto "Occupy Wall Street". Nach einer Besetzung der Brooklyn Bridge wurden am vergangen Samstag 700 Teilnehmer der Aktion festgenommen.

Mit dem Slogan "Wir sind 99 Prozent!" wollen sie darauf aufmerksam machen, dass sich ein Großteil der Bevölkerung mit den Folgen der Finanzkrise im Stich gelassen fühlt. "Wir, das sind 99 Prozent, werden gegen die Geldgier und Korruption vom einem Prozent aktiv!", schreiben die Betreiber der Internetseite occupytogether.org. Verbände und Gewerkschaften wie "Healthcare-Now" und "National Nurses United" haben sich den Protesten angeschlossen. "Das ist der Anfang", sagte ein Gewerkschaftsvertreter in Philadelphia. "Wir werden die Bewegung Stadt für Stadt unterstützen."