Vor der Wahl

Tunesier fürchten die Macht der Extremisten

Am Sonntag wählt Tunesien. Verteidigen die Wähler ihre neue Freiheit? Eine islamistische Partei bekommt nach Umfragen mehr als 30 Prozent.

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"Die Stimmung ist sehr angespannt", sagt Karim Ben Smail, Verleger von Cérès Editions in Tunis. "Zum einem ist es völlig ungewiss, wie die ersten freien Wahlen ausgehen werden, und dann hatten wir noch diese Auseinandersetzungen mit den Islamisten", fügt der Besitzer des größten Verlagshauses Nordafrikas hinzu.

Am Sonntag sollen die Tunesier eine verfassunggebende Versammlung wählen, die den Weg des Landes in die Demokratie weisen soll. Doch die letzte Phase des Wahlkampfes ist von Gewalt überschattet: In den vergangenen Wochen lieferten sich salafistische Gruppen mehrfach Straßenschlachten mit der Polizei. Sie protestierten gegen das Verbot der Verschleierung an der Universität und gegen die Fernsehausstrahlung von "Persepolis". In dem preisgekrönten Film wird Gott als alter, bärtiger Mann dargestellt. Für radikale Muslime ist das ein Frevel.

Werden sich alle an demokratische Spielregeln halten?

Die Besorgnis ist dem Verleger Smail anzumerken. Ihn plagen dieselben Fragen wie Tausende andere Tunesier: Wohin wird sich das Land nach den Wahlen an diesem Sonntag entwickeln? Was wird aus der Revolution, die vor neun Monaten Zine al-Abidine Ben Ali nach 24 Jahren Diktatur stürzte und den "arabischen Frühling" auslöste? Können Islamisten den Übergang in die Demokratie torpedieren? Werden sich alle Akteure an demokratische Spielregeln halten?

Von der gespannten Stimmung ist im Zentrum der tunesischen Hauptstadt auf den ersten Blick wenig zu bemerken. Nach Feierabend sind die Cafés gefüllt. Bei einem Espresso im Freien und 25 Grad Celsius kann man auf der Avenue Bourguiba die warme Herbstsonne genießen. Die Politik scheint weit weg. In der Rue Liberté schlendert man entlang den Geschäften und begutachtet in den Schaufenstern teure Handys und Laptops oder Designermode. Spuren des Wahlkampfes entdeckt man erst am Bahnhof République.

Einige Passanten lesen Parteiprospekte, die man ihnen an der Haltestelle der Straßenbahn in die Hand gedrückt hat. Sie kommen vom Demokratischen Forum für Arbeit und Freiheit, abgekürzt Ettakol. Die Mitte-links-Partei unter Führung von Mustafa Ben Dschafaar hat gute Chancen, eine der drei stärksten Parteien bei den Wahlen am Sonntag zu werden.

"Natürlich kommt für mich nur Ben Dschafaar infrage", sagt Arissa, Flugbegleiterin bei Tunisair. "Er ist der Einzige, der realistisch bleibt und nicht das Goldene vom Himmel verspricht." Demokratie und Wohlstand für alle Tunesier seien nicht aus dem Hut zu zaubern. "Da können die anderen behaupten, was sie wollen, aber nach 24 Jahren Diktatur geht das nur langsam und mit vielen Problemen", sagt die 28-Jährige. Sie trägt einen eng anliegenden schwarzen Minirock und ein weit ausgeschnittenes, rotes T-Shirt.

"Gleichberechtigung ist mir sehr wichtig"

Ettakol sei eine der wenigen Parteien, die für die Gleichheit der Geschlechter eintrete. "Ich verstehe mich als moderne tunesische Frau", fährt Arissa fort. "Gleichberechtigung ist mir sehr wichtig."

Für die islamistische Ennahda-Partei, die nach Umfragen 80 der 217 Sitze in der neuen Versammlung gewinnen soll, hat Arissa kein Verständnis. "Da ist es mit unseren Rechten ganz schnell vorbei", sagt sie angewidert. Den Versicherungen von Ennahda-Chef Raschid Gannuschi, die Rechte der Frauen würden gewahrt, schenkt sie keinen Glauben. "Der Mann weiß genau, was er vor den Wahlen zu sagen hat. Hinterher werden er und seine Partei sich als Wolf im Schafspelz herausstellen. Das macht mir Angst", sagt Arissa.

Was die Rolle der Frau angeht, ist Tunesien eine positive Ausnahme unter arabischen Staaten. Die Gleichberechtigung ist seit 1956 im Bürgerlichen Gesetzbuch festgeschrieben. Frauen sollen gleichen Lohn, Zugang zu Geburtenkontrolle und Abtreibung erhalten. Polygamie ist illegal, im Scheidungsrecht sind Mann und Frau gleichberechtigt.

"Man ist ganz verloren bei all den Wahlmöglichkeiten"

Anders als Arissa weiß mehr als die Hälfte der etwa sieben Millionen Stimmberechtigten noch nicht, wen sie wählen wollen. Das könnte auch an der schier unüberschaubaren Flut von Parteien und Kandidaten liegen. Unter Ben Ali dominierte in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Regierungspartei RCD, die bei Wahlen stets um die 90 Prozent der Stimmen erhielt.

"Man ist ganz verloren bei all den Wahlmöglichkeiten", sagt Noureddine, der einen Schnellimbiss in der Rue Liberté besitzt. Der 57-Jährige will keinen Fehler machen. "Ausgerechnet bei den ersten freien Wahlen, die ich erlebe und die obendrein richtungweisend für andere arabische Länder sind, muss man einen kühlen Kopf bewahren."

Immerhin war der Aufstand gegen Ben Ali der erste unter den zahlreichen in der arabischen Welt. "Wir müssen weiter ein Beispiel für die anderen sein", sagt Noureddine. Er werde die Mitte wählen, genauer gesagt die Progressive Demokratische Partei (PDP) von Ahmed Nadschib Schebbi, die Meinungsforscher bei 16 Prozent sehen. "Ich will keine extremistischen Parteien", erklärt der Imbissbesitzer. "Weder von rechts noch von links und schon gar nicht Ennahda, die uns mit ihrem Islamismus dem Westen entfremdet und die Touristen vergrault." Nur eine große Partei wie die PDP könne Ennahda Einhalt gebieten.

Spendengelder aus dem Ausland für Islamisten?

Radikale gibt es tatsächlich auf allen Seiten. Das zeigt die Partei Ettajdid, die unter Ben Ali als linke Oppositionspartei mit höchstens zwei Angeordneten im Parlament saß. Heute ist sie eine der vielen kleinen Parteien, die mit ihrem Enthusiasmus die Gunst der Wähler gewinnen wollen. Für größere Breitenwirkung wurde eine gemeinsame Liste mit der Sozialistischen und der gemäßigten Republikanischen Partei gebildet. "Wir nennen uns die Demokratische Moderne Koalition", erklärt Abdelasis Messaudi, ein Spitzenmann der Ettajdid.

Die Partei residiert nach wie vor in einem heruntergekommenen Mietshaus. Immerhin wurden die Wände neu gestrichen, das wackelige Mobiliar ausgewechselt und neue Computer gekauft. "Mehr ist nicht drin", sagt Messaudi, der für die Wahlen offenbar gerade beim Friseur war und frisch gescheitelt am Tisch seines Büros sitzt. "Wir bekommen keine generösen Spenden wie andere Parteien", sagt er mit breitem Grinsen.

Damit spielt er auf die PDP an, die sich ein nagelneues Parteigebäude leisten konnte, angeblich mit Geldern aus Frankreich. Aber er meint auch Ennahda, die viele Millionen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten erhalten haben soll. "Ennahda unterstützt finanziell viele arme Familien in den Vororten von Tunis und auf dem Land", behauptet Messaudi. "Wie alle islamistischen Gruppen erkaufen sie sich Stimmen mit sozialen Wohltaten."

Kleine Gruppierungen haben kaum eine Chance

Bei Ettajdid will man von Sozialismus alter Tage nichts mehr hören. "Wir treten für soziale Gerechtigkeit und Demokratie ein. Wir sind modernistisch und progressiv", sagt Toufik Karkar, der für die Kommunikation zuständig ist. "Bei uns finden Sie Menschenrechtler, auch von Amnesty International, und viele angesehene Intellektuelle." Die Wähler wolle man mit guten Argumenten und Taten überzeugen. Karkar verweist auf die Frauenquote der Partei: "Wir sind die Einzigen, bei denen auf 50 Prozent der Listen Frauen ganz oben stehen."

Viel Optimismus ist den beiden Parteivertretern jedoch nicht anzumerken. Sie wissen, dass kleine Gruppierungen bei den Wahlen kaum eine Chance haben. "Doch, doch", versichert Messaudi, der Mann aus der Parteiführung, schmunzelnd. "Wir sind optimistisch, sehr sogar. Aber eben mit viel Humor."