Neue Kontrollen

Europa geht an Dänemarks Grenze nicht unter

Die Dänische Volkspartei hat es durchgesetzt: Der Zoll kontrolliert ab sofort wieder die Grenze zu Deutschland. Ein erster Besuch.

Um 10.14 Uhr beginnt am Dienstag, 5. Juli, auf dem Autobahnparkplatz Fröslev an der A 7 offenbar eine neue Zeitrechnung. Die automatischen Geschwindigkeitsanzeigen kurz nach der Grenze regeln die Geschwindigkeit auf 40 Kilometer pro Stunde herunter, die Überholspur sperrt ein Anhänger mit der Aufschrift KONTROL.

Neun Männer und Frauen in gelben Warnwesten sammeln sich am Straßenrand, um eine anscheinend unerhörte Schikane vorzubereiten: Eine Zollkontrolle. "Machen wir hier etwa ein bis zwei Mal in der Woche", sagt der Zollbeamte Urla Olessen.

Üblicherweise interessiert sich für die Drogen-und-Schnaps-Fahnder kein Mensch. Doch heute beschreiben, filmen und beobachten etwa 100 Journalisten die Arbeit der Zöllner. Sechs Satellitenschüsseln richten sich gen Himmel, Live-Übertragungen in die Niederlande, Frankreich und nach Berlin werden geschaltet – fast sieht es so aus, als würde bei Flensburg die Mauer wieder aufgebaut.

Dänen setzen 50 zusätzliche Beamte ein

Grenzkontrollen in Europa? Die darf es in den Schengen-Ländern, zu denen Dänemark seit 2001 gehört, nicht mehr geben. Das Abkommen sieht ein Verbot von permanenten Grenzkontrollen vor. Freie Fahrt für freie Bürger: Das ist eines der wenigen Versprechen, das die kriselnde Union ihren Bürgern in den vergangenen Jahren garantieren konnte.

Seitdem der Euro dauergerettet werden muss, wird auch die gemeinsame Währung skeptischer betrachtet. Viel Herzerwärmendes kommt ja sonst nicht aus Brüssel.

Und nun wollen ausgerechnet die Dänen die letzten Sympathiepunkte abräumen. Sie haben verstärkte Zollkontrollen angekündigt und 50 zusätzliche Beamte eingesetzt, die stichpunktartig Fahrzeuge überprüfen. Um 10.31 Uhr ist es soweit. Die Beamtin Leila Jessen winkt einen holländischen Kombi aus dem Verkehr.

Kekse und Kartoffelchips im Kofferraum

Kaum hält das Auto an, stürzen sich die Reporter auf die etwa 30-jährige Frau am Steuer. Umringt von einer Traube aus Kameras und Mikrofonen beantwortet die Touristin die Frage des Zöllners, ob sie "verbotene Substanzen" einführen würde. "Nein", sagt sie erwartungsgemäß. Dann muss sie den Kofferraum aufmachen.

Vor aller Augen seziert der Zöllner das Gepäck. Dutzende Laibe Brot, Kekspackungen und Kartoffelchips kommen zum Vorschein. Wer einmal in Dänemark mit vollem Wagen und leerem Portemonnaie an der Supermarktkasse stand, weiß, warum.

Der Beamte nickt. Es ist erlaubt, Brot und Kartoffelchips einzuführen. Von den Reportern anschließend befragt, ob sie das Verfahren nicht schrecklich finde, antwortet die Fahrerin: "Nein." Dann steigt sie wieder ein.

Als nächstes winken die Beamten einen Wagen aus Belgien heraus. Wieder wird das Auto umzingelt, gefilmt, wieder hat der Fahrer nichts Verbotenes an Bord. Ein klappriger roter Golf Diesel aus Osteuropa mit Anhänger weckt ebenfalls das Interesse der Zöllner. Doch es sind nur Handwerker, die Werkzeug mitführen – auch beim Polen ist nichts zu holen.

Hoffnung auf Schutz vor Kriminellen

Dabei erhoffte sich gerade die Dänische Volkspartei (DVP), die die neuen Kontrollen erzwang, mehr Schutz vor Kriminellen aus dem Osten. Außerdem bestand die DVP-Vorsitzende Pia Kjaersgaard darauf, dass es um die "Verteidigung der dänischen Identität" gehe. Ihre Partei rang dem Ministerpräsident Lars Rasmussen die Kontrollen ab, dafür erhält er die DVP-Stimmen für eine Sozialstaatsreform.

Mit dem Schengen-Abkommen und der freien Fahrt verträgt sich der Kontroll-Wahn nicht. Daher marschiert auch keine Polizei auf, sondern nur der Zoll. Ausweise dürfen nicht flächendeckend kontrolliert werden, es gehe ausschließlich um den Kampf gegen Drogen, Alkohol und Doping-Mittel, sagt Zöllner Olesen.

"Wir haben allerdings nichts mit dem Kampf gegen illegale Einwanderung zu tun", sagt Olesen. Den führe allein die Polizei. Die wiederum schützt die dänische Identität nicht an der Grenze.

Um das zu erklären, ist sogar Olesens Chef angereist. Erling Andresen ist der Leiter der dänischen Zollbehörde und erklärt den Journalisten ein ums andere Mal wie normal alles ist. Kontrolle: Normal. Neue Abfertigungshäuser, neue Kennzeichenscanner, neue Grenzanlagen, geplant ab 2014: ganz normal. Gibt’s woanders auch. Sieht es dann an der Grenze nicht so aus wie vor der Schengen-Zeit? "Das müssen Sie beurteilen", sagt Andresen.

Dänische Europabewegung ist empört

Gegen die neue Normalität kämpft Eric Boel ein paar Meter weiter auf dem Parkplatz. Er ist der Präsident der Dänischen Europabewegung, einer "hardcore-pro-EU-Gruppe", wie er selbst sagt. Boel hat sich einen 3er BMW gemietet und ist heute morgen früh von Kopenhagen nach Fröslev gefahren, um gegen die Kontrollen zu protestieren.

Um sein Auto hat er die blaue Flagge mit dem gelben Sternkreis gelegt. "Das ist ein Anschlag auf Europa", bemüht er sich um Schadenausweitung. "Die wollen die Grenze wieder dichtmachen. Sie schicken den Zoll nur vor, aber das Signal ist doch völlig klar", sagt er.

Dänemark lebe vom Export, da könne man doch nicht so eine engstirnige Wahnsinnstat begehen, erregt sich der EU-Fan. "Und das alles nur, wie eine nationalistische Partei wie die DVP die Regierung erpresst", sagt Boel.

Die Fronten scheinen verhärtet. Schotten sich die Dänen ab oder hyperventilieren die Deutschen und andere Super-Europäer ohne Grund?

Flensburger Bürgermeister sieht "falsches Signal"

Kaum jemand könnte das deutsch-dänische Verhältnis besser verkörpern als Simon Faber. Der 42-Jährige ist Bürgermeister von Flensburg und gehört dem Südschleswigschem Wählerverband (SSW) an, der die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein repräsentiert. Faber steht für grenzüberschreitende Kooperation, er hält Kontakt zu den Bürgermeistern auf der anderen Seite der Grenze und bewirbt sich mit Sonderburg gemeinsam um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2017.

Die Grenze zwischen den Ländern ist für ihn längst verwachsen. Wenn er auf die Parade der Satellitenschüsseln auf dem Autobahnparkplatz sieht, ärgert er sich gleich zwei Mal. "Die Dänen senden hier ein falsches Signal. Doch die Sache wird auch ziemlich hochgespielt", findet der Bürgermeister. "Die holen doch höchstens ein Promille der Reisenden aus dem Verkehr."

Dänemark sei gegenüber der EU eben etwas skeptischer als die Deutschen, wirbt Faber um Verständnis. "Aber auf der kommunalen Ebene wird sich nichts ändern", glaubt der Flensburger.

Vielleicht ist der Kern der kommunalen Ebene im dänischen Sönderhav zu finden, gleich auf der anderen Seite der Flensburger Förde. Hier steht "Annies Kiosk", eine landesweit berühmte Hotdog-Bude, die sich der besten Wurstbrötchen im Lande rühmt.

"Hinter der Einigung Europas gibt es kein Zurück"

Hier treffen sich Motorradfahrer, Camper, Flensburger Taxifahrer zur Mittagspause und Tagestouristen, die mit der Fähre auf die gegenüberliegende Ochseninsel übersetzen möchten. Das milchige Licht taucht die malerische Landschaft in einen gelben Nebel.

Heute verteilt Annies Schwester Bente Hartmeier Ketchup, Senf und Mayonnaise auf die Würstchen. "Die Sache hat zwei Seiten", sagt sie. "Einerseits haben wir ein Problem mit der Kriminalität, auf der anderen Seite wollen wir offene Grenzen behalten."

Das viele Geld für die Grenzanlagen, immerhin 20 Millionen Euro, könne man doch wohl für sinnvollere Dinge ausgeben. "Ein Dieb kommt immer rein, das ist doch klar", sagt Bente Hartmeier. Sie mag Europa und meint, dass Dänemark auch den Euro einführen sollte. Die Hälfte ihrer Gäste kommt aus Deutschland.

Wird sich das Verhältnis zwischen den Nachbarn durch die neuen Kontrollen ändern? "Ach, das ist bei uns doch längst ganz egal, wo Deutschland ist und wo Dänemark", lacht sie. "Hinter der Einigung Europas gibt es kein Zurück. Und wir machen eben einfach weiter."

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