Flucht des Ex-Machthabers

Der Fuchs Gaddafi narrt seine Häscher

Über die Flucht von Gaddafi kursieren viele Gerüchte. Die USA glauben, er halte sich in Libyen auf. Andere vermuten ihn in Algerien, wo Frau und drei Kinder jetzt sind.

Foto: AFP

Im Schlafzimmer gibt es einen Sicherheitsgurt für den Diktator, damit er bei Turbulenzen nicht aus dem Bett fällt. Mondäne Ledersessel und Sofas im Konferenzzimmer. Fernseher, Stereoanlage und DVD-Player im privaten Salon. Dazu eine eigene Küche und die Toilette mit Bidet im edlen Silbergrau.

Das Privatflugzeug von Muammar al-Gaddafi lässt keinen Wunsch offen. Seit der UN-Sicherheitsrat am 17. März die Flugverbotszone über Libyen beschloss, steht der luxuriöse Airbus A340 auf dem internationalen Flughafen von Tripolis.

"Ich habe die Maschine nie zu Gesicht bekommen"

„Ich arbeite seit 22 Jahren in der Flugsicherheit und habe die Maschine nie zu Gesicht bekommen“, sagt Ali Mabrouk in der Küche und beginnt, sich die Hände zu waschen. „Mein Gott, ich wasche mir die Hände im Privatflugzeug von Gaddafi!“ Mabrouk und seine Kollegen mussten stets in ihren Büros bleiben, wenn Gaddafi und seine Familie ankamen.

Der Geheimdienst, der bereits am Tag zuvor eintraf, habe alles abgeriegelt „Nun aber ist der Diktator auf der Flucht“, sagt der 44-Jährige lachend. „Er hat es verpasst, das Flugzeug zur rechten Zeit zu nutzen. Das verstehe, wer will.“

Die letzte Bastion des Diktators ist eingekreist

Das Regime von Gaddafi ist zu Ende. Seine Truppen sind geschlagen. Die letzte Bastion des Diktators, seine Heimatstadt Sirte, ist von Rebellen eingekreist. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie eingenommen wird. In der Nähe von Sabah, einem Ort mitten in der Wüste etwa 600 Kilometer südlich Tripolis, werden Gefechte mit Gaddafi-Loyalisten gemeldet.

Sie haben dort die Wasserverbindung in die libysche Hauptstadt gekappt. „Unsere Techniker können dort das Problem nicht lösen, weil gekämpft wird“, ließ der neu eingerichtete Rat für Stabilität in Tripolis verlauten. Es werde zwei, drei Tage dauern, bis das Wasser wieder läuft. Derweil wird die Hauptstadt mit Wasser aus Tankschiffen versorgt.

"Ich kann manchmal nicht schlafen"

Für den Rebellenkommandeur Mokthar Lakbar, der mit seinen Kämpfern den ersten Vorstoß auf Tripolis unternahm, sind das die letzten Zuckungen des alten Regimes. Die Frage nach dem Verbleib Gaddafis wiegelt er ab, als hätte das keine Bedeutung. Anders die Unterkommandeure und einfachen Rebellensoldaten der Brigade Zintan.

„Wenn ich ehrlich bin, ich kann manchmal nicht schlafen“, erzählt Hassan Seibi, der vor der libyschen Revolution als Sicherheitsmann bei der US-Botschaft in Tripolis arbeitete. „Wenn wir Gaddafi nicht fangen, bekomme ich keine Ruhe.“ Die umstehenden, oft nur 15 oder 16 Jahre alten Kämpfer nicken zustimmend.

„Wenn er klug ist, dann ist er längst aus Tripolis verschwunden“, meint der 41-jährige Seibi. Viele Möglichkeiten gebe es ja für den Schurken nicht mehr.

Eine Mischung aus Macht- und Größenwahn?

Gaddafi hatte seit Beginn der Revolution vor sechs Monaten mehrfach die Gelegenheit, mit seiner Familie ins Exil zu gehen. Man weiß nicht, was ihn dazu bewogen hat, so lange zu warten, bis er mit dem Rücken zur Wand steht. Ist es Alterssturheit eines 69-Jährigen oder die Mentalität eines Mannes, der von stalinistischen Ideen noch immer besessen ist, der den Wechsel der Zeit nicht begriffen hat? Oder eine generelle Eigenart von Diktatoren, eine Mischung aus Macht- und Größenwahn?

Nach der Eroberung der Gaddafi-Residenz von Bab al-Asisia am 23. August kursiert eine Vielzahl von Gerüchten, wohin Gaddafi geflüchtet sein könnte. Mit seinem Sohn Saif al-Islam soll er sich in einem Apartmenthaus im Viertel Abu Salim in Tripolis versteckt haben. Später im Stadtteil Salaheddin. Als Indikatoren dafür hielten die Rebellen den heftigen Widerstand, den Gaddafi-Truppen leisteten.

Danach wurde gemeldet, ein Konvoi von gepanzerten Mercedes-Limousinen sei über die Grenze nach Algerien verschwunden. Die Nachrichtenagentur APS teilte nun mit, dass Gaddafis Ehefrau sowie drei seiner Kinder dorthin ausgereist seien . Dabei berief sich APS auf Angaben des algerischen Außenministeriums.

„Es ist gut möglich, dass Gaddafi seine Familie dorthin ausreisen ließ“, sagt Seibi, der Unterkommandeur der Zintan-Brigade. Mohammed, ein Kämpfer, der neben ihm steht und die Kalaschnikow auf die Schulter gelegt hat, meint mit einem gespielt klagenden Unterton: „Er hat sie ja so geliebt. Besonders seine supersüße Tochter Aischa.“ Dafür erntet er ein lautes und herzhaftes Lachen von allen Umstehenden.

Unterdessen medlen Rebellen, ein Sohn Gaddafis sei bei Kämpfen nahe Tripolis ums Leben gekommen. Chamis Gaddafi sei in der Nähe von Ben Walid und Tarhoni schwer verwundet worden, sagte ein Kommandeur der Rebellen. Später sei er seinen Verletzungen in einem Krankenhaus erlegen und in der Region beerdigt worden. Eine unabhängige Bestätigung lag nicht vor.

Ist er nach Simbabwe geflohen?

Die US-Regierung geht davon aus, dass sich Gaddafi noch immer in seiner Heimat aufhält. Es gebe keine Hinweise darauf, dass er Libyen verlassen habe, gab das Weiße Haus bekannt.

Neuste Meldungen besagen, Gaddafi sei nach Simbabwe geflohen. Er müsste sich gut mit Präsident Robert Mugabe verstehen. Der 87-Jährige regiert das afrikanische Land seit 1980 mit harter Hand – erst als Premier, seit 1987 als Präsident – und hat ähnliche antiquierte Vorstellungen von einem realen Sozialismus.

Mugabes Sprecher George Charamba dementierte allerdings, dass Gaddafi im Land sei. „Richten Sie ihm schöne Grüße aus, wenn Sie ihn sehen“, sagte Charamba ironisch, um alle Gerüchte zu zerstreuen.

Wo befindet sich also der libysche Ex-Diktator, wenn nicht in Algerien oder Simbabwe? Dies ist mittlerweile zur Millionen-Euro-Frage geworden, nachdem ein Exil-Libyer in Großbritannien eine Belohnung von einer Million Pfund (etwa 1,1 Millionen Euro) aussetzte – tot oder lebendig.

Inklusive Generalamnestie für den Lieferanten, wie Mustafa Abdel Dschalil, der Vorsitzende des libyschen Nationalen Übergangsrates, am Montag auf einer Konferenz in Katar versicherte.

"In seiner Heimatstadt Sirte kann er nicht sein"

Rebellenkommandeur Seibi und seine Truppe aus Zintan haben Vorstellungen über den Verbleib ihres ehemaligen „großen Bruderführers“, die realistisch klingen. „In seiner Heimatstadt Sirte kann er nicht sein, außer, Gaddafi will sterben oder verhaftet werden.“ Übrig bleibe nur Sabah, die Stadt in der Wüste. Von dort aus könne er in den Niger oder in den Tschad verschwinden.

Er sei immer noch ein Fuchs. „Aber ein Fuchs auf der Flucht“, ruft ein Kämpfer dazwischen, „der in seinem Alter so schnell läuft, dass er noch an den Olympischen Spielen teilnehmen könnte.“

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