Libyen

Dutzende Leichen in Tripolis gefunden

Menschenrechtler vermuten ein Massaker: In Tripolis werden immer neue Leichen gefunden. Viele von ihnen sind von Kugeln durchsiebt.

Foto: Getty Images

Eine Woche nach dem Fall des langjährigen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi in Tripolis ziehen Leichengeruch und die Rauchschwaden brennenden Mülls durch die Straßen der Hauptstadt. Einwohner hoben am Wochenende provisorische Gräber aus, um die Opfer des Kampfes um Tripolis beizusetzen.

In der Stadt drohen die Lebensmittel auszugehen, Medikamente fehlen, ebenso eine wirksame Verwaltung. Sporadisch sind Maschinengewehrfeuer und Explosionen zu hören.

Zahlreiche Leichen

Mit dem Abebben der Kämpfe werden immer mehr Leichen von Zivilisten, Regierungssoldaten und Rebellen gefunden. In einem Lagerhaus waren die verkohlten Reste von rund 50 mutmaßlichen Gaddafi-Gegnern zu sehen. Sie seien kurz vor dem Fall Gaddafis exekutiert worden, berichtete der britische Fernsehsender Sky.

Im Stadtteil Tahura hoben Anwohner ein Massengrab für 22 Afrikaner aus, die offensichtlich von Gaddafi-Milizen rekrutiert worden waren. „Die Rebellen haben sie aufgefordert, sich zu ergeben. Aber sie haben sich geweigert“, berichtete Anwohner Haitham Mohammed Chat'ei.

In einem Krankenhaus in Abu Salim lagen 57 verwesende Leichen. Die Mitarbeiter waren während der Kämpfe aus dem Krankenhaus geflohen. Wie die Menschen umkamen, war unklar.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, Gaddafi-Getreue hätten in der Endphase des Kampfes um Tripolis wahllos Zivilisten umgebracht. In einem Flussbett nahe der Gaddafi-Residenz Bab al-Asisija seien 18 von Kugeln durchsiebte Leichen entdeckt worden. Weitere 29 Leichen seien in einem Sanitätslager nahe des Geländes gefunden worden. Auch diese Menschen seien wahrscheinlich hingerichtet worden.

Müll türmt sich meterhoch

Erschwert wird die Lage durch den Kollaps der Wasser- und Stromversorgung. Benzin und Lebensmittel werden knapp. Den Rebellen, die die Stadt nun größtenteils kontrollieren, ist es bislang nicht gelungen, die Versorgung sicherzustellen. Laut UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sind rund drei Millionen Menschen von akuten Versorgungsproblemen bedroht.

Der Müll türmt sich zum Teil meterhoch in den Straßen. In einigen Stadtteilen zündeten Einwohner ihn an, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Die Wasserversorgung war größtenteils unterbrochen. Viele Bewohner liefen mit leeren Containern zu Moscheen, die häufig Brunnen in ihren Innenhöfen besitzen, um sich dort mit Wasser einzudecken. Eine Moschee warnte bereits: „Kein Wasser übrig.“

Der Übergangsrat bemüht sich, die Lage in den Griff zu bekommen. So dringen die Rebellen darauf, die eingefrorenen libyschen Gelder im Ausland freizugeben. Dies würde helfen, die Sicherheit wieder herzustellen und die Wirtschaft anzukurbeln.

Doch hat der Rat auch noch viel mit sich selbst zu tun: Zahlreiche seiner Mitglieder müssen erst noch von Benghasi im Osten des Landes nach Tripolis umziehen. Zudem wird in Sirte, einer der letzten Bastionen Gaddafis, eine wichtige Küstenstraße nach Tripolis weiterhin von Streitkräften Gaddafis blockiert. Die Küstenstadt zu erobern wird nach Eingeständnis der Aufständischen noch mindestens zehn Tage dauern.

Gaddafi will angeblich verhandeln

Auch Tage nach dem Einmarsch in Tripolis suchen die Rebellen bislang vergeblich nach Gaddafi und dessen Söhnen. „Wir haben keine gesicherten Erkenntnisse über ihren Aufenthaltsort“, sagte der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdel Dschalil. Ein Sprecher des Rates bekräftigte, Verhandlungen mit Gaddafi werde es nur geben, wenn dieser sich ergebe. „Wenn er sich ergeben will, werden wir verhandeln und ihn gefangennehmen“, sagte der Finanzchef der Rebellen, Ali Tarhuni.

Die Nachrichtenagentur AP hatte berichtet, Gaddafi habe den Rebellen Verhandlungen über die Bildung einer Übergangsregierung angeboten . Diese schlossen allerdings Gespräche mit Gaddafi aus.

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