Kulturrevolution 1966

Als Österreichs Maoisten China Dekadenz vorwarfen

Post aus Wien: Vor 45 Jahren denunzierte eine Gruppe österreichischer Marxisten-Leninisten Chinas Diplomaten. Peking erließ weltweit skurrile Strafmaßnahmen.

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Mao Tse-tung war außer sich: Als Gegenmittel müsse jetzt eine Revolution her. "Sonst wird das zu gefährlich. Mit Wien sollten wir anfangen." Schuld am Wutausbruch des Großen Vorsitzenden war Post aus der österreichischen Hauptstadt, die ihn zu Beginn seiner Kulturrevolution erreichte: Als Absender zeichnete eine Gruppe österreichischer Marxisten-Leninisten, die MLÖ.

Sie ließen in ihrem Brief kein gutes Haar an Pekings Handelsmission in Wien. "Diese Kritik ist sehr gut geschrieben", lobte Mao in einer internen Weisung das Schreiben. "Alle Auslandsvertretungen müssen sie sich zu Herzen nehmen." Die Kritik lautete kurz gefasst: Die Volksdiplomaten führten sich gar zu unkommunistisch auf. Das konnte damals ein Todesurteil bedeuten.

Angst und Schrecken unter Chinas Diplomaten

Es war der 9. September 1966, ein Datum, das fortan unter der Formel "Weisung vom 9.9." für Angst und Schrecken unter Chinas Diplomaten sorgen sollte. Nun wurden die Hintergründe in China offengelegt. Die Splittergruppe um Franz Strobl und dessen Kampfblatt "Rote Fahne" hatte Mao ein Stichwort geliefert, um das von ihm gerade erst entzündete kulturrevolutionäre Feuer weiter anzufachen. Die blauäugigen Salon-Marxisten aus der Alpenrepublik erfuhren nie, was ihr Brief anrichtete.

Die Große Proletarische Kulturrevolution in Peking habe sie begeistert, schrieben sie. Umso erschreckender sei, wie bourgeois verkommen sich Maos Vertreter in Wien benähmen. "So wie die sich kleiden, ist es unmöglich, sie von den taiwanesischen Kettenhunden Tschiang Kai-scheks zu unterscheiden.

Mit ihren feinen Hemden aus weißer Seide und teuren Anzügen sind sie keine Vertreter der fortschrittlichen Arbeiterklasse. Sie besitzen nicht nur einen, sondern sogar zwei Mercedes-Benz." Man warnt: "Mit Getuschel und Spott reagieren schon die Wiener." Zuletzt heißt es: "Wir fordern in allem Respekt dringlichst, dieses bourgeoise Verhalten den Zuständigen zu melden und Maßnamen zu treffen, es zu beenden."

Dekadenz in der örtlichen Botschaft Chinas

Der Brief aus Österreich traf zeitgleich mit einem aus Tansania abgeschickten Schreiben im Pekinger Außenministerium ein. Auch ein dortiger Mao-Sympathisant geißelte den Luxus in der örtlichen Botschaft Chinas. Dort stünden deutsche Autos, der Botschafter fahre einen amerikanischen Lincoln, bei Empfängen tische er teuerste Delikatessen, Whiskey, Cognac und Importbier auf. Dem Brief lagen Fotos der Botschaftergattin bei, auf denen sie Schmuck und ein traditionelles Qipao-Kleid trägt.

"Zuerst machten wir darüber Witze", schreibt der frühere Mitarbeiter im Außenministerium, Cheng Yuanxing, in seinen Erinnerungen. Jemand ulkte: "Sollen unsere Botschafter in Strohsandalen ihre Beglaubigungsschreiben übergeben?" Zum Lachen war bald niemandem mehr zumute. Minister Chen Yi ließ beide Schreiben an Mao weiterleiten. Der kommentierte die Wiener Schmähung noch am selben Abend und verlangte, allen Auslandsvertretungen einzuheizen. Kurz darauf gingen Telegramme an Chinas Diplomaten in aller Welt: "Zerstört das Alte! Baut Neues auf!" Man solle sich gefälligst revolutionär umkrempeln, vom Protokoll bis zum Privatleben.

Selber kochen zu Chinas Nationalfeiertag

Als Erstes griff die Kulturrevolution in Österreichs Hauptstadt. Der Handelsdelegierte und sein Vize übten Selbstkritik und gelobten Besserung: Sie würden ihre Mercedes nicht mehr nutzen und mit der Bahn nur noch zweite Klasse fahren. Sie halbierten ihren Spesensatz von 20 auf zehn Schilling am Tag. Für den Empfang zu Chinas Nationalfeiertag am 1. Oktober würden sie selber kochen.

Das war der Anfang, schreibt Ma Jisen, die damals für das Außenministerium arbeitete, in einem in Hongkong veröffentlichten Buch. Ein Drittel aller Auslandsmitarbeiter kehrte nach Hause zurück und schloss sich einer der Fraktionen im Chaos der Kulturrevolution an. Viele standen am Pranger brutaler Kritik, deren Opfer auch Minister Chen wurde. Die Diplomaten bekamen neben Inlandsgehältern nur noch einheitliche Auslandszulagen von monatlich 40 Yuan. Die Botschaften wurden mit Mao-Bildern und Parolen geschmückt. Kunsthandwerk, Porzellan und Antiquitäten wurden zerstört oder entfernt.

Folgen der "Weisung vom 9.9." blieben sichtbar

Die Österreicher waren mit ihrem Brief so rasch zu Mao vorgedrungen, weil sie in Peking schon bekannt waren. Die "Antirevisionisten" unter dem Altgenossen Franz Strobl (Jahrgang 1924) waren eines der ersten Sektierergrüppchen in Europa, die Peking im ideologischen Schisma mit Moskau unterstützten. Zum Dank durften sie China besuchen und trafen nach eigenen Angaben sogar Mao. Die "Peking-Rundschau" druckte Artikel der "Roten Fahne" nach und gratulierte, als Strobl am 12. Februar 1967 die Splitterpartei MLPÖ (Marxistisch-Leninistische Partei Österreichs) gründete.

Ein halbes Jahr nach dem Brief der Österreicher dämmte Mao auf Zuraten seines Premiers Zhou Enlai im Februar 1967 die Auswüchse der Aktion wieder ein. Chinas Botschaften müssten arbeitsfähig bleiben und dürften keine Rebellenfraktionen bilden. Die Folgen der "Weisung vom 9.9." blieben sichtbar: Chinas Diplomaten trugen, so erinnert sich der Mitarbeiter des Außenministeriums, Li Jiazhong, Sun-Yatsen-Anzüge, auch als Mao-Jacke bekannt. Es dauerte 20 Jahre, bis das Qipao-Kleid rehabilitiert wurde.