Grossbritannien

Hoffen auf Gott und den Super-Cop aus Amerika

Nach den tagelangen Krawallen in England suchen die Bürger nach den Ursachen und nach Möglichkeiten, neue Gewalt zu verhindern. Ein Besuch in Tottenham, wo alles begann.

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In Sichtweite eines verrauchten Trümmerkomplexes an der Tottenhams High Road, auf dem gegenüber liegenden Bürgersteig, hat sich Peter Brown niedergelassen, ein Maler aus Bath im Westen Englands. Ihn treibt der Anblick der verwundeten Metropole London, sie auf seiner Palette einzufangen mit dem Auge des malenden Historikers. „Ich wollte die Schlüsselorte der vergangenen Gewalttaten festhalten für eine künftige Verkaufsausstellung“, erzählt er mir. „Dabei weiß ich selber nicht, ob ich mich jemals von diesen Bildern trennen werde.“

Festgehalten hat er bereits die Szene an der Ecke Landsdowne Road/High Road, wo ein denkmalgeschütztes Gebäude, mit einem Teppichhandel im Erdgeschoss und Dutzenden von Apartments darüber, ein Raub der Flammen wurde am ersten Tag der Ausschreitungen in England vor über einer Woche.


Bulldozer tragen Trümmer der angezündeten Häuser ab

Die Bilder von dem feuerumtosten Gebäude stiegen sofort zu ikonischer Bedeutung auf für eine durch Jugendkriminalität belagerte Gesellschaft , die schutz- und hilflos ihrer Gefährdung in die Augen schauen muss. Inzwischen ist dies Eckgrundstück nur noch ein Steinhaufen, die Bulldozer haben es abgetragen.

Bald wird das gleiche Schicksal auch dem rußgeschwärzten Block widerfahren, an dessen zerstörter Seite zerborstene Teile herunterhängen wie die reglosen Gliedmaßen einer Marionette. Hier waren ein Juwelier, ein Frisörsalon und ein Postamt untergebracht, und so gewürfelt wie diese Geschäftskombination war auch die zerstörerische Wut entlang der High Road, die wahllos angriff, was ihr ungeschützt in die Hände fiel.

Ich bin zurückgekehrt an den Ort, wo alles anfing an jenem fatalen Samstag, dem 6. August. Zwei Tage zuvor war der 29-jährige Mark Duggan nahe der U-Bahnstation Tottenham Hale bei einem Versuch der Polizei, ihn in einem Minitaxi festzunehmen, erschossen worden. An die dreißig Blumensträuße und Gedenksprüche dekorieren den Eisenzaun, der die Stelle des Todes markiert.

Tottenham ist eines der ärmsten Distrikte der Stadt

Aber erst an einer U-Bahnhaltestelle davor, „Seven Sisters“ genannt, steigt man ins wirkliche Tottenham auf, einen der ärmsten Distrikte Londons, wo das farbige Bevölkerungselement dominiert, spezifisch die Einwanderer aus dem afro-karibischen Raum. Viele kleine Einzelläden entlang der High Road sehen verkümmert genug aus, als wollten sie jeden potenziellen Übeltäter anflehen: Tu’ mir nichts an, was habe ich dir denn überhaupt zu bieten?

Viel, lautet die Antwort, wenn man etwa an die Dependance des landesweiten Wettunternehmens William Hill denkt, die abgefackelt und zertrümmert wurde als verhasstes Symbol einer urenglischen Leidenschaft. Die Gewalttäter bedachten wahrscheinlich gar nicht, dass sie damit selber eine sinnlose Wette auf ihre eigene Zukunft eingingen, die jetzt vor den Schnellgerichten Londons einen weiteren Stoß erhält in jene Hoffnungslosigkeit hinein, der man doch eigentlich entrinnen möchte.

Aber will das der anarchische Bodensatz überhaupt? Seamus, der irische Barkeeper aus dem Pub „The Ship“, bezweifelt das. „Sie leben in Gesetzlosigkeit, sie leben von Gesetzlosigkeit, keine Autorität erkennen sie an, sie haben keinen Respekt vor irgendetwas, es ist der reinste Nihilismus – sie haben nichts zu verlieren.“

Bürgerinitiative fordert Streichung von Sozialleistungen

Nichts zu verlieren? Das stimmt nicht mehr ganz. Eine landesweite Bürgerinitiative ist gestartet worden, mit inzwischen mehr als 100.000 Unterschriften, die danach ruft, dass den Gewalttätern die Sozialleistungen gekürzt, wenn nicht abgesprochen werden.

Schon hat der Stadtrat von Wandsworth im Südwesten Londons einem Einwohner für den Fall seiner Verurteilung mit Kündigung der Sozialwohnung gedroht. Petitionen mit mehr als 100.000 Unterschriften müssen landesüblich im Parlament behandelt werden, mit möglichen Folgen für die Gesetzgebung. Wir stehen in England am Anfang eines großen Umdenkens über den Sozialstaat.

Seamus zeigt mir Fotos auf seinem Mobiltelefon, sie dokumentieren, was sich vor seinem Pub abspielte. Zur Rechten, noch in Sichtweite, die beiden brennenden Polizeiautos, gewissermaßen der Start des anarchischen Marathons, der vier Nächte lang durch englische Metropolen tobte.

Dann direkt vor „The Ship“ der brennende Doppeldecker-Bus, zum Glück zu jener Stunde leer und auf der Heimfahrt ins Depot. Der Bus muss an einer Ampel halten, die Bande weiß, wie man eine hintere Karosserieklappe öffnet und den Schalter zur Stilllegung des Motors bedient – das Signal zur Brandstiftung. Die Hitze des brennenden Doppeldeckers erweist sich als Rettung für den Pub: Niemand kann sich seinem Eingang nähern.

Somalier fühlte sich an Mogadischu erinnert

Es ist der Tag, an dem die Tottenham Hotspurs ein Freundschaftsspiel mit Atletico Bilbao absolviert haben, und im Pub lassen es sich gerade etliche mitgereiste spanische Fußballfans gut sein, als draußen das Inferno losbricht.

Sie schließen sich zu ängstlichen Gruppen zusammen, bis die plündernde Horde weiter die Straße hinaufgezogen ist und es sicherer erscheint, den Pub zu verlassen; Seamus weist den Besuchern den Fluchtweg in eine Nebenstraße. Das „Gracias“ der Spanier hat einen doppelten Boden – Danke, uns reicht’s, kein Aufwiedersehen in England, danke sehr.

Nicht weit von dieser Adresse begegne ich Ali und seinem Freund Muhammed, zwei Somalis, die sich vor Alis Elektronikladen über die Vorgänge der vergangenen Tage unterhalten. „Glaub mir“, versichert mir Ali, „das nahm sich aus wie Mogadischu.“

Der Laden ist unberührt von aller Zerstörung. Wie das? frage ich den Inhaber. „Wir riefen einen Ring von Freunden zusammen, der baute sich auf zum Schutz des Geschäfts, das reichte. Diese Feiglinge! Wenn sie auf entschlossene Abwehr treffen, ziehen sie weiter.“

"Kinder werden zu Monstern"

Das war 1.30 Uhr in der Nacht zum Sonntag. So spät, frage ich zurück? „Ja“, antwortet mein Gesprächspartner, „es ist Ramadan, und wir waren gleich hier neben meinem Laden zum Gebet in der Moschee versammelt.“ Ich folge dem dunklen Weg die Treppe hinauf in die muslemische Schule, die gleichzeitig als Moschee fungiert. Dort empfängt mich Habib, im langen Gewand des Imam.

„Wir brachten die Jüngeren der Gemeinde rasch nach hinten in Sicherheit und bezogen mit einigen kräftigen Burschen Stellung vor Alis Laden.“ Auch Habib, der seit zwölf Jahren in London lebt, legt bei der Suche nach den Gründen der Gewalt den Finger auf mangelnde Autorität und Disziplin in allen Schichten der Gesellschaft. „So werden Kinder zu Monstern. Das Ganze entgleist immer mehr.“

Nebenan steige ich die Treppe zu einer Adresse der „Society of Friends“ hoch, der Quäker, für einen besseren Überblick über das Gelände des zerstörten Aldi-Marktes. Mein Ohr wird gefesselt von einem Singsang hinter einem vergitterten Fenster, wo offenbar ein Prediger seine nächste Ansprache einübt.

Immer wieder der Refrain „God is beauty, God is power“ – wobei mich der Gedanke beschleicht, dass auch der Liebe Gott in jenen Tagen seine Macht wieder einmal hinter Nichteingreifen zu verstecken beliebt haben muss.

Polizisten schützten als erstes ihre eigenen Gebäude

Aber hatte nicht auch die Polizei ihre Macht weitgehend versteckt, zumindest bedeckt gehalten in Tottenham und anderswo? Nummer 398 an Tottenhams High Road beherbergt die örtliche Police Station, die Polizeizentrale von Haringey, wie die übergeordnete Stadtbehörde heißt.

Hier genau begann die Zusammenrottung der Jugendlichen am Nachmittag des 6. August, nachdem eine friedliche Demonstration von Freunden und Verwandten des erschossenen Mark Duggan beendet war. Beim ersten Anzeichen der Bedrohung schlossen die Polizisten einen Ring um ihr Gebäude, um es vor Gewalttat zu schützen. Das band vorab schon wichtige Kräfte, die zum Einsatz fehlten, als das eigentliche Plündern und Niederbrennen begann.

Bei der Polizei fallen16.000 Polizei-Stellen fallen

Drei junge Mädchen, Emma, Didem und Duygun, die sich mit mir neben Peter Browns Staffelei aufgebaut haben, tragen ihre eigene Kritik vor, eine sehr politische. „Die ließen doch alles geschehen“, sagt die mutigste von ihnen, Emma, „um zu beweisen, was geschieht, wenn die Polizei in England demnächst 16.000 Stellen verliert durch Haushaltskürzungen. Vielleicht waren einige darunter, die bald gar nicht mehr in ihren Büros hier gebraucht werden, weil ihre Stellen abgebaut wurden.“

Nein, in ihren Büros tatsächlich nicht, dort sollen die Streichungen ansetzen, im bürokratischen Fettpolster, nicht bei der physischen Präsenz der Patrouillierenden. Die hatten von Anbeginn das Nachsehen, denn nur dreitausend Polizisten waren in London, als die Unruhen ausbrachen, auf Straßendienst.

Bis zu zwei Tagen später waren es noch immer ungenügende sechstausend, ehe endlich, ab Mittwoch, eine Stärke von 16.000 Kräften – aus dem Urlaub, aus den Büros und von auswärtigen Regionen angefordert – die Straßen der Acht-Millionen-Metropole sicher machen konnte.

Super-Cop warnt: Zero Tolerance ist nicht alles

Um der Bandenkriminalität in den urbanen Gefahrenzonen Herr zu werden, hat den britischen Premier David Cameron jetzt Bill Bratton , den Ex-Polizeichef von New York und Los Angeles, kontaktiert. Er soll in London erläutern, wie seine Zero-Tolerance-Methode in den USA solche Erfolge erzielt hat.

Der Super-Cop ließ aber bereits in einem Interview mit dem amerikanischen Sender ABC wissen, dass mehr nötig sei als nur eine Politik der Festnahmen: „Arrest ist noch kein Weg aus dem Problem.“ In der Tat lauert auf der Straße des Fortschritts eine Unzahl sozialer Konflikte, vom Niedergang der Schulen über Drogenmissbrauch, den vaterlosen Kindern in vielen Einwandererfamilien bis zu der Schwangerschafsrate unter Teenagern, der höchsten in Europa. Das addiert sich schnell zur Verwahrlosung und dem Abrutschen in die Kriminalität. Bratton jedenfalls will nicht als Medizinmann herumgereicht werden.

„Working for a safer London“, lautet das Motto von Scotland Yard, der „Met, der Metropolitan Police. „Wir arbeiten für ein London mit mehr Sicherheit.“ Das prangt auch im Schaukasten draußen vor der High Road Nummer 398. Manch lobende Sprüche gesellen sich zu dieser beruhigenden Botschaft. „Wähle 999, wenn du von häuslicher Gewalt hörst. Du rufst an, wir stoppen sie.“ Die Anarchie dieser Woche hat aus allen frommen Slogans grausame Makulatur werden lassen.