Russische Journalistin

Fall Politikowskaja – Rätsel um den Mordauftrag

Ein Oberstleutnant der Miliz soll der Drahtzieher des Mordes an Anna Politkowskaja sein. Die Justiz kennt seinen mutmaßlichen Auftraggeber, nennt ihn aber nicht.

Im Haus Nummer 8 in der Moskauer Waldstraße fährt am 7. Oktober 2006, einem Sonnabend, in den Nachmittagsstunden ein Wagen vor. Eine apart aussehende Frau in mittleren Jahren lädt Einkaufstüten aus und geht in den Hauseingang. Plötzlich fallen mehrere Schüsse, die Frau stirbt noch am Tatort. Der Täter ist offenbar ein Profi. Er hat selbst den „Kontrollschuss“ in den Kopf nicht vergessen, der in diesen Kreisen üblich ist.

Der Killer entkommt zunächst unerkannt, obwohl eine Videoaufzeichnung von ihm sichergestellt wird. Später wird Rustam Machmudow aus Tschetschenien als Todesschütze identifiziert. Fast fünf Jahre nach dem Mord an der bekannten regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja ist jetzt Bewegung in die Untersuchungen gekommen, die sich jahrelang im Kreise gedreht hatten.

Wie das Ermittlungskomitee bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft mitteilte, wurde mit dem ehemaligen Oberstleutnant der Miliz, Dmitri Pawljutschenkow, der Mann verhaftet, der das Attentat auf Politkowskaja organisiert haben soll. Auch der mutmaßliche Auftraggeber sei bekannt. Sein Name werde aber vorläufig nicht genannt, um die weiteren Ermittlungen nicht zu gefährden, sagte der Sprecher des Komitees, Wladimir Markin.

Kreml-Kritikerin Politkowskaja machte sich politischen Eliten verhasst

Politkowskaja, die damals 48 Jahre alte Mitarbeiterin der oppositionellen Zeitung „Nowaja Gaseta“, hatte die letzten Jahre ihres Lebens der Aufdeckung brutalster Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien und dem Nordkaukasus gewidmet und die Verantwortlichen angeklagt. Damit machte sie sich verhasst bei Teilen der politischen und vor allem der militärischen Eliten.

Ihre Grundsatzkritik an der Politik des Kremls, nachzulesen auch in den in Deutschland erschienenen höchst aufschlussreichen Büchern „In Putins Russland“ und „Tschetschenien: Die Wahrheit über den Krieg“, trug ihr die unversöhnliche Feindschaft der Führungsmannschaft ein.

Wladimir Putin, damals Präsident des Landes, entblödete sich denn auch nicht zu behaupten, der Mord an Anna sei öffentlichkeitswirksamer als ihre publizistische Tätigkeit es je gewesen sei – ein erstaunlicher Mangel an Mitgefühl angesichts eines brutalen Mordes an einer Frau.

Anschlag auf demokratische Grundrechte

Igor Iwanenko, der damalige Vorsitzender des russischen Journalistenverbandes, hatte angesichts der Gesamtkonstellation keinen Zweifel: „Der Mord an Anna Politkowskaja war ein politischer Mord.“ Dabei gingen und gehen Russlands Oppositionelle nicht davon aus, dass der damalige Präsident Putin, der heute Regierungschef ist, direkt in das Attentat verwickelt sein könnte. Aber es war ein Anschlag auf demokratische Grundrechte wie die Presse- und Medienfreiheit, der in einer vom Kreml geschürten Atmosphäre der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden erst möglich wurde.

Immer wieder wurde in dem Zusammenhang auch der Name des tschetschenischen Präsidenten genannt. Ramsan Kadyrow hatte mehrfach seinen Ärger, ja seine Wut über die Journalistin ausgedrückt, die seinen vorgeblichen „Befriedung“ in der russischen Teilrepublik den Spiegel vorgehalten und ihm und seinem Regime gröbste Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Mord vorgeworfen hatte. Nach dem Anschlag wurde Ramsan geradezu handzahm, zeigte sich ob der Bluttat empört und lobte die Politkowskaja als mutige Journalistin.

In einem solchen atmosphärischen Umfeld nach den Tätern zu suchen, war nicht einfach. Zahlreiche Pannen – oder waren es Knüppel, die den Ermittlern zwischen die Beine geworfen wurden? – begleiteten die Nachforschungen. Der Fall wurde bereits als geklärt zu den Akten gelegt, dann aber, mit dem Wechsel im Amt des Generalstaatsanwalts, wieder aufgenommen. Die Journalisten der „Nowaja Gaseta“ hatten indes frühzeitig, bei aller Skepsis hinsichtlich des politischen Umfeldes, auf den Professionalismus der russischen Untersuchungsrichter gesetzt. Wenn man sie nicht behindere, werde es irgendwann Ergebnisse geben, hieß es in der Redaktion.

"Kopfprämie" für Auftrag zum Mord an Journalistin

Jetzt wurde also Pawljutschenkow festgesetzt. Er habe den Auftrag zum Mord für eine „Kopfprämie“ übernommen, sagte Markin, nannte indes weder die Summe noch den Namen des Geldgebers. Mit dem Geld habe Pawljutschenkow, der damals Abteilungsleiter in der Moskauer Kriminalmiliz war, eine „Verbrechergruppe“ gebildet.

Dazu gehörten die beiden aus Tschetschenien stammenden Gangsterbrüder Machmudow „und weitere Personen“. Pawljutschenkow besorgte die Waffe und organisierte das Attentat. Unter anderem wurde Politkowskaja drei Tage lang verfolgt, ihre Gewohnheiten wurden ausspioniert. Den Mord selbst verübte nach Ansicht des Ermittlungskomitees Rustam Machmudow, dessen Bruder Ibrahim im ersten Prozess freigesprochen worden war.

Nachdem Rustam sich jahrelang verbergen konnte, zeitweilig angeblich auch in Westeuropa, wurde er im Mai dieses Jahres in Tschetschenien dingfest gemacht. Er sitzt in Untersuchungshaft, bestreitet die Tat und lehnt jede Zusammenarbeit mit den Behörden ab. Er habe keinerlei „Verdienst“ an der Verhaftung von Pawljutschenkow, ließ er über seinen Anwalt mitteilen.

Drahtzieher war im ersten Mordprozess noch als Zeuge geladen

In einem ersten Prozess im Mordfall Politkowskaja hatte sich Pawljutschenkow noch als Zeuge angedient und die Ermittler in die Irre geführt. Dabei machte er auch vor seinem ehemaligen Freund Sergej Chadschikurbanow nicht halt, der aufgrund der Aussagen des Ex-Milizionärs wegen Erpressung angeklagt wurde. Jetzt, so berichtete die „Nowaja Gaseta“, verfügten die Behörden über ausreichend Beweismaterial, wozu auch die Journalisten des Blattes mit eigenen Ermittlungen beigetragen hätten, um Pawljutschenkow den Prozess zu machen.

Offen bleibt weiter die Frage, wer den Mordauftrag gegeben hatte. „Zweifellos handelt es sich bei dem Auftraggeber um einen einflussreichen und mächtigen Menschen“, meinte Waleri Borschtschew von der Moskauer Menschenrechtsorganisation Helsinki-Gruppe.

Dessen Name müsse genannt werden, fordert denn auch Johann Birr von der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen. „Wir fordern das Ermittlungskomitee auf, seine Bemühungen auf diesem Weg ungeachtet der ernsthaften Hindernisse fortzusetzen“, sagte er in Paris, wo er sich befriedigt über die jüngste Verhaftung Pawljutschenkows zeigte.