Waffenstillstand

Im Nahen Osten herrscht trügerische Ruhe

Die Hamas kann eine Feuerpause gut gebrauchen, weil ihr das Geld für Waffen und Gehälter fehlt. Auch Israel vermeidet eine Eskalation.

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Etwa zwanzig Minuten nach Beginn eines Waffenstillstands schlug am Sonntagabend schon wieder eine Rakete in Israel ein. Um 1:20 Uhr in der Nacht kreischten in der Stadt Aschkelon dann erneut die Sirenen. Diese Rakete konnte aber vom Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ unschädlich gemacht werden. Bewohner berichteten, nur kleinere Trümmerteile des Geschosses seien auf ihren Dächern gelandet. Seitdem aber herrscht im Süden Israels weitgehend Ruhe.

Am Montagmorgen schlossen sich als letzte militante Palästinenserorganisation die Volkswiderstandskomitees dem Waffenstillstand an. Zusammen mit der Gruppe „Islamischer Dschihad“ hatten sie in den vergangenen drei Tagen mehr als 100 Raketen auf israelische Städte abgefeuert. Sie folgten nun der in Gaza regierenden Hamas, die angekündigt hatte, sie werde die Splittergruppen fortan von weiteren Angriffen abhalten.

Die Hamas hat derzeit genug mit internen Problemen zu tun und kein Interesse an einer Eskalation. Ihr wird wieder einmal das Geld knapp, dieses Mal ausgerechnet, weil der Iran den Geldhahn zugedreht haben soll. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete unter Berufung auf diplomatische Quellen, der Iran habe seine Unterstützung stark gekürzt oder gar eingestellt, weil die Terrorgruppe sich weigere, den bedrängten syrischen Herrscher und Verbündeten Teherans, Baschir al-Assad, öffentlich zu unterstützen.

Die Gehälter für den Juli wurden in Gaza schon nicht gezahlt, auch im August bekamen viele Angestellte ihren Lohn nicht pünktlich. Einen ausgewachsenen Krieg mit Israel möchte die Hamas daher lieber vermeiden.

Beziehungen zu Ägypten störungsanfälliger

Einen Flächenbrand will auch Jerusalem nicht und hat sich bei den Vergeltungsschlägen auf Ziele in Gaza zurückgehalten. Der Hauptgrund dafür sind wohl die Beziehungen zu Ägypten, die durch den Fall von Präsident Mubarak im Frühjahr störungsanfälliger geworden sind. Israel weiß, dass die ägyptische Militärregierung eine großangelegte Militäroffensive in Gaza nicht gutheißen würde. Der Friedensvertrag mit dem südlichen Nachbarland hat aber eine so große strategische Bedeutung, dass sein Schutz oberste Priorität genießt.

Die Spannungen zwischen den Ländern hatten begonnen, als am vergangenen Donnerstag eine Terrorzelle aus dem Gazastreifen über den ägyptischen Sinai nach Südisrael eindrang und bei mehreren Anschlägen acht Menschen tötete. Bei der Verfolgung der Terroristen durch israelische Soldaten waren auch sechs ägyptische Sicherheitsleute umgekommen.

Eine gemeinsame Untersuchung soll die genauen Umstände klären. Der israelische Befehlshaber der Südfront, Tal Russo, sagte, die Ägypter seien getötet worden, als eine israelische Patrouille mit ihren Waffen Sprengsätze zur Explosion brachten, die die Terroristen nahe der Grenze versteckt hatten.

Die Ägypter fordern noch immer eine offizielle Entschuldigung, im israelischen Außenministerium aber heißt es, es sei angebracht und normal, sein Bedauern über den Tod zu äußern . Das habe Verteidigungsminister Ehud Barak getan. Schließlich habe die israelische Armee in keinem Fall absichtlich das Feuer eröffnet. Eine Entschuldigung und damit ein Eingeständnis von Fehlverhalten seien allerdings nicht zu erwarten.

Die israelischen Medien drücken sich da weniger zurückhaltend aus und monieren, es sei recht dreist von den Ägyptern, zunächst den von ihrem Staatsgebiet ausgehenden Anschlag nicht verhindert zu haben und dann so zu tun, als habe Israel grundlos Ägypter getötet.

In Jerusalem sorgt man sich derweil um eine Zunahme anti-israelischer Rhetorik im nachrevolutionären Ägypten. Seit zwei Tagen demonstrieren Hunderte vor der israelischen Botschaft in Kairo und skandieren Slogans wie „Dschihad, Dschihad“, „Wir wollen Feuer, wir wollen Krieg“ oder auch „Israel wird brennen“.

Am Sonntag gelang es einem jungen Ägypter, die israelische Flagge vom Gebäude der Botschaft zu entfernen. Er wird seitdem als Held gefeiert. In Kairo kursieren Videos, auf denen gleich vier Präsidentschaftskandidaten die Ausweisung des israelischen Botschafters und die Abberufung des ägyptischen Vertreters aus Israel fordern. Andere wollen das 1979 geschlossene Friedensabkommen von Camp David aufkündigen.

Doch daran dürfte Kairo wohl nicht rühren. Ägypten bekommt von den USA etwa zwei Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfen jährlich. Die ist nicht zuletzt eine Belohnung für den Frieden mit Israel. In der vergangenen Woche sollen US-Diplomaten in Kairo dem Militärrat unmissverständlich deutlich gemacht haben, dass eine signifikante Verschlechterung der Beziehungen zu Israel oder gar die Aufkündigung des Friedensvertrages finanziell nicht gerade in ihrem Interesse sei.