Weltjugendtag

Papst Benedikt XVI. will Spanien zurückerobern

Spanien war einst eine Bastion der Kirche, heute bekennen sich immer weniger Spanier zum Katholizismus. Der Weltjugendtag soll das ändern.

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Mitten im brütend heißen August duftet es in der spanischen Hauptstadt wie in der Karwoche. Aus den Kirchen strömt Weihrauchgeruch, im Inneren bereiten Bruderschaften aus Granada, Málaga und Sevilla ihre Prozessionen vor und errichten einen Kreuzweg auf dem Prachtboulevard Paseo de Recoletos gegenüber dem Prado-Museum.

„Das ist das Größte, was wir je gemacht haben“, erklärt der Andalusier David Calvo mit leuchtenden Augen, während er dem Großereignis entgegenfiebert. Am Donnerstag wird Papst Benedikt XVI. zu einer viertägigen Visite anlässlich des zwölften Weltjugendtags in Madrid erwartet.

Die Hauptstadt rüstet sich für den Ansturm von bis zu 1,5 Millionen Pilgern aus aller Welt. „Ich hoffe, wir werden viele Früchte für das christliche Leben ernten“, sagte das 84-jährige Kirchenoberhaupt vor seiner Abreise.

Die Iberische Halbinsel genießt offenkundig Priorität auf seiner Agenda: Erst vor neun Monaten war Benedikt in Santiago de Compostela und Barcelona, und jetzt betritt er erneut spanischen Boden. Es geht um nichts Geringeres als die Rettung der wichtigsten Bastion der Kirche in Europa. Sie hat in Spanien in den letzten Jahren besonders viel Einfluss verloren, die Tageszeitung „ABC“ spricht von einer „regelrechten Entchristianisierung“.

Nur noch 72 Prozent der Spanier bezeichnen sich in Umfragen als Katholiken, vor zehn Jahren waren es noch 82 Prozent. In den Gottesdienst schaffen es gerade noch zwölf Prozent der Gläubigen, bei den Jugendlichen sind es noch weniger. „Es kommen fast nur ältere Leute und ein paar Kinder“, klagt eine Frau vor der Kirche San José im Madrider Stadtzentrum.

Schuld hat die Regierung

Doch nicht nur die Gotteshäuser bleiben leer, auch Priesterseminare leiden unter Nachwuchsschwierigkeiten. Schon jetzt stehen für den Flächenstaat nur noch knapp tausend Geistliche in spe bereit.

Für Spaniens Bischöfe und den Vatikan stehen die Schuldigen fest: die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero, der gerade wegen des Widerstands gegen seine Sparpolitik den Rücktritt und baldige Neuwahlen angekündigt hat . Der Papst hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihm einige Gesetze Zapateros wie die Blitzscheidung, die Einführung der Homo-Ehe oder das Abtreibungsgesetz gründlich missfallen.

„Der Laizismus Spaniens knüpft an den Antiklerikalismus der Zweiten Republik an“, klagte Benedikt auf seiner letzten Spanien-Visite. Unterstützt wird er von Madrids streitbarem Erzbischof Antonio María Rouco Varela, der Entwürfe für die Reden des Papstes in Madrid lieferte. Darin dürfte er Zapatero wieder einmal zusetzen.

Weltjugendtag gegen die Kirchenfeindlichkeit

Dabei hat die Regierung sich immer bemüht, die Zwistigkeiten nicht ausufern zu lassen, hat zuletzt sogar das umstrittene Sterbehilfegesetz auf die lange Bank geschoben. Unvergessen ist auch, wie die frühere Vizeministerpräsidentin María Teresa Fernández de la Vega persönlich nach Rom reiste, um nach der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe für Entspannung zu sorgen.

Auch stiegen die Beihilfen an die Kirche und ihre Schulen unter Zapatero auf sechs Milliarden Euro. Doch all das konnte die Gemüter zu keinem Zeitpunkt beruhigen. „Die Säkularisierung verdanken wir der Familienpolitik Zapateros, welche die Doktrin der Kirche unterhöhlt hat“, so Jesús de la Hera, Chefredakteur der katholischen Zeitung „Ecclesia“.

So sehen es viele. Seit 2009 werden mehr Ehen im Standesamt geschlossen als in der Kirche, jedes dritte spanische Baby wird nicht mehr getauft. Der Kirchenfeindlichkeit sagt der Papst nun den Kampf an. Das Motto des Weltjugendtags lautet: „Verwurzelt und aufgebaut in Christus, fest im Glauben“.

Allerdings blicken viele Spanier der Papstvisite mit gemischten Gefühlen entgegen. So fällt sie zeitlich mit den seit Monaten anhaltenden Jugendprotesten in Madrid zusammen. Mit ihren Demonstrationen und Zeltlagern in der Innenstadt und wochenlangen Happenings unter freiem Himmel machen die sogenannten Indignados oder „Empörten“ immer wieder auf die fehlenden Perspektiven ihrer Generation aufmerksam – die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Spanien bei 45 Prozent.

Rechtzeitig vor dem Besuch des Papstes wurden sie nun nach dreimonatigen Dauerprotesten erstmals von ihrem Platz, der Puerta del Sol, vertrieben, mit Polizeigewalt.

Für die „Indignados“ ist die Kirche keine Anlaufstation, im Gegenteil. Am Mittwochabend ist eine Kundgebung gegen die Papstvisite geplant. „Wir brauchen handfeste Lösungen und keinen Papst in Soutane“, so ein Sprecher der Bewegung. Die Empörten prangern die Kosten des Weltjugendtags von 50 Millionen Euro an, die zum Teil mit Steuergeldern gedeckt werden. Dem halten die Organisatoren entgegen, dass die Wirtschaft etwa 100 Millionen Euro verdienen wird.

Keine Stellungnahme zum Franquismus

Kritik kam diesmal auch von ungewohnter Seite. So monierte etwa das „Forum der Pfarrer von Madrid“, dass einflussreiche Sponsoren aus der Wirtschaft in das Großevent einbezogen wurden. „Man kann nicht Gott und dem Mammon gleichzeitig dienen“, ließen die 120 Pfarrer verlauten. Und auch der Verband für historisches Gedenken meldete sich mit der Forderung zu Wort, 75 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs müsse der Papst den Franquismus mit einer symbolischen Geste verdammen und öffentlich um Vergebung zu bitten.

Schließlich sei die Kirche eine der wichtigsten Stützen des Franco-Regimes gewesen. „Wir warten bis heute auf eine Stellungnahme des Papstes. Er könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich die Wunden der Vergangenheit endlich schließen“, so der Sprecher Emilio Silva.

Nur an einer Front gibt es Entspannung: Die Gewerkschaften bliesen in letzter Sekunde einen Streik für Busse und U-Bahnen ab. Sie hatten sich daran gestört, dass Pilger verbilligt durch Madrid fahren, während der Preis für das reguläre Einzelticket wegen der Krise gerade um 50 Prozent erhöht wurde.

Rosenkränze und Papstplätzchen

Aus Angst vor Anschlägen wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. 10000 Polizisten wurden mobilisiert, bis hin zu Scharfschützen auf den Dächern entlang der Wege des Papstes. Dazu kommen Tausende von Zivilschützern und ehrenamtliche Helfer. Derweil herrscht bei den Souvenirhändlern Jubelstimmung. Überall in der Hauptstadt sind Papst-Devotionalien erhältlich, nur den Verkauf seines Abbildes ließ BenediktXVI. ausdrücklich verbieten.

Zum Renner entwickelten sich Rosenkränze aus Ecuador, von denen gleich sieben Tonnen angeliefert wurden. Auch die Bäcker sind vorbereitet und warten mit Papsttorten oder viereckigen Plätzchen, sogenannten „Benedipastas“ auf. Besonders viel Interesse erwecken die 200 Beichtstühle, die dicht nebeneinander im Madrider Buen-Retiro-Park aufgestellt sind.

5000 Pfarrer werden den Pilgern dort die Absolution erteilen. Die futuristischen weißen Beichtstühle haben die Form eines Segelschiffs und sollen den Aufbruch zu neuen Horizonten symbolisieren. Sonia (35), die hier immer auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommt, zeigt sich kritisch: „Ich glaube nicht, dass die Massenbeichte hier die jungen Leute wieder in die Kirche bringt.“