Ex-KGB-General

"Gleich stürmen Spezialeinheiten das Gebäude"

| Lesedauer: 7 Minuten
Gerhard Gnauck

Der ehemalige KGB-General Jewhen Martschuk spricht mit Morgenpost Online über den Putschversuch gegen Gorbatschow – und wie die Ukraine dazu beitrug, ihn abzuwehren.

Jewhen Martschuk war General des KGB und Verteidigungsminister der Teilrepublik Ukraine der UdSSR, als Militärs gegen die Reformpläne von Generalsekretär Michail Gorbatschow putschten. Er erinnert sich, wie die Ukraine im August 1991 den Staatsstreich abwehrte. „Mir blieb nichts anderes übrig, als zu bluffen“, erinnert er sich heute. Und er fordert, Gorbatschow müsse ein Denkmal in der heute unabhängigen Ukraine gesetzt werden.

Morgenpost Online: Wie haben Sie das Jahr erlebt, in dem die Sowjetunion zerfiel?

Jewhen Martschuk: Die Ukraine hatte bereits 1990 eine Erklärung über ihre Souveränität verabschiedet. Dann, Ende Mai 1991, wurde ich zum Minister für Verteidigung, Sicherheit und Katastrophenschutz ernannt. Wir waren noch Sowjetunion und doch nicht mehr Sowjetunion. Unsere Republik beschloss die Aufstellung eigener Streitkräfte, Grenztruppen und einer Zollbehörde. Das war eine dreiste und riskante Entscheidung. Es gab ja noch die Sowjetarmee und den KGB. Michail Gorbatschow spürte, wie schwierig die Lage war, und bereitete für den 20. August einen neuen Unionsvertrag für die UdSSR vor. Doch am 19.wurde gegen ihn geputscht.

Morgenpost Online: Wie begann dieser Tag?

Martschuk: Am Morgen kam „Schwanensee“ im Radio. Dann die Nachricht, Gorbatschow sei „krank“, das Komitee der Putschisten übernehme die Macht. Die Regierung unserer Republik berief eine Sitzung ein. Da rief unser Parlamentspräsident Leonid Krawtschuk an: „Sofort kommen! General Walentin Warennikow ist auf dem Weg zu mir.“ Warennikow war Chef der sowjetischen Landstreitkräfte, Afghanistan-Veteran und unterstützte die Putschisten. Uns war klar, was das hieß. Da war keine Zeit zum Teetrinken!

Morgenpost Online: Was bedeutete das also?

Martschuk: Gorbatschow war in der Ukraine, auf der Krim im Urlaub, seine Kommunikation war gekappt. Mir war klar: Krawtschuk kann verhaftet werden, Sondereinheiten werden das Parlament umzingeln, und dann… Wir hatten ja null bewaffnete Einheiten: Armee, KGB, alles war Moskau unterstellt. Wir haben beraten, wir wollten Dummheiten verhindern.

Warennikow kam am 19. August morgens. Aber wir weigerten uns, in der Ukraine den Ausnahmezustand zu verhängen. Da ging es erst richtig los. Denn in der Ukraine waren mehr als eine Million Sowjetsoldaten stationiert, mit Waffen bis hin zu Interkontinentalraketen.

Morgenpost Online: Wie stoppt man so eine Armee?

Martschuk: Die Verwaltungschefs der Bezirke pflegten ihre Beziehungen zu den Kommandeuren in ihrem Bezirk. Wir regten an, dass sie mit denen reden: Jungs, ihr werdet doch nicht… oder? Ziel war, zu verhindern, dass diese Million Soldaten zum Einsatz kommt. Am Abend des 19. waren außerdem 30.000 bis 40.000 Gegendemonstranten auf dem zentralen Platz von Kiew, der heute Majdan heißt. In Moskau hatten Proteste begonnen, auch im Baltikum. Aber hätten sich die Putschisten durchgesetzt, hätten sie auch bei uns Unterstützer gefunden.

Morgenpost Online: Was geschah im Regierungsviertel?

Martschuk: Ich saß im Amtszimmer des kommissarischen Premiers. Plötzlich hörten wir das Dröhnen von drei schweren Hubschraubern. Sie flogen in geringer Höhe über das Parlament, wo gerade Sitzung war, hingen dort zehn, 15 Sekunden in der Luft und flogen weiter zum Dnjepr. Da sagte ich zu Vizepremier Konstantin Masik: Alle zu den Waffen! Vor dem Parlament können drei Hubschrauber ohne Probleme landen.

Ich dachte, gleich stürmen Spezialeinheiten das Gebäude. Jetzt rief ich General Tschetschewatow an, den Befehlshaber des Kiewer Militärbezirks. Ich sagte ihm: „Unsere Jungs haben sich Flugabwehrraketen besorgt. Wollen Sie, dass sie die Hubschrauber runterholen?“ Auch ein paar Kraftausdrücke waren fällig. Tschetschewatow war nach diesen Worten sehr aufgeregt. Aber ich hatte nur geblufft. Etwas anderes blieb mir gar nicht übrig.

Morgenpost Online: Dann hieß es, die Putschisten hätten Truppen in Marsch gesetzt.

Martschuk: Viele Bürger riefen die Notrufnummern an. Es gab Hinweise auf Truppenbewegungen. Ein Anrufer warnte: Auf dem zivilen Flughafen Borispol bei Kiew beginnen schwere Transportflugzeuge, Iljuschin76, zu landen. Das bedeutete: Die Einheiten bereiten einen Einsatz im Rücken des Feindes vor, und der Feind waren wir. Mehrere Dutzend Flugzeuge waren gelandet. Wieder musste ich bluffen. Ich rief Tschetschewatow an und sagte: „Jungs, was treibt ihr da? Wir haben hier so viele Enthusiasten, da fahren ein paar Jungs mit Motorrädern auf die Landebahn und stecken eure Flugzeuge in Brand. Was macht ihr dann?“

Morgenpost Online: Wie ging die Sache aus?

Martschuk: Die Flugzeuge waren voll mit Soldaten. Aber am nächsten Tag sind sie weggeflogen. Tschetschewatow blieb am Ende vernünftig. Letztlich haben 99 Prozent der Militärs in der Ukraine den Putsch nicht unterstützt. Aber ich habe zweieinhalb Tage lang keine Minute geschlafen.

Morgenpost Online: Wann begann das System, wann begann der KGB zu zerbröseln?

Martschuk: 1986 begann im KGB die Aufarbeitung der Vergangenheit. Gorbatschow wollte die Opfer politischer Repressalien rehabilitieren. Eine gigantische Arbeit. Allein in der Ukraine mussten 1,5 Millionen Dossiers durchgearbeitet werden, Personen- und Vorgangsakten, mal sieben Seiten, mal 300 Bände. Wir hatten dafür gut drei Jahre Zeit; aber das war wenig.

Die Mitarbeiter mussten zu jedem Dossier eine Analyse schreiben, inwieweit der Vorgang damaligem sowjetischem Recht und internationalen Normen entsprach. Am Ende musste stets ein Gericht entscheiden. Gorbatschow wollte, dass gruppenweise verurteilte „Staatsfeinde“ nicht mit einem Federstrich rehabilitiert, sondern einzeln gewürdigt werden.

Morgenpost Online: Brach da für KGB-Leute die Welt zusammen?

Martschuk: Tausende von ihnen kamen mit diesen Dingen in Berührung. Es wurden ganze Rehabilitierungsabteilungen geschaffen. Eine riesige Aufklärungsaktion. Durch meine Hände sind 62.500 Dossiers gegangen. Die KGB-Leute und die Richter sahen die Schrecken und Bestialitäten des Systems. Das hat bei vielen die Weltsicht verändert. Auch bei mir. Ich denke, selbst wenn der KGB-Chef der Ukraine befohlen hätte, die Putschisten zu unterstützen, hätte die große Mehrheit der KGB-Leute nicht mehr mitgemacht.

Morgenpost Online: Sie waren eine Stütze dieses Systems. Wie sehen Sie das heute?

Martschuk: Nun, ich war im KGB in der II.Abteilung. Dort wurden keine Knochen gebrochen. Zeitweise war ich für die Bekämpfung des, wie es hieß, „bourgeoisen Nationalismus“ unter Intellektuellen zuständig. Aber ich habe etwas für eine Gefangene tun können, für die bedeutende Dichterin Irina Ratuschinskaja.

Morgenpost Online: Sie war wegen ihrer Gedichte zu mehreren Jahren Lager verurteilt worden. Ich habe 1987 angeregt, sie freizulassen. Bei unserer ersten Begegnung im Gefängnis betrachte sie mich wie einen Wolf. Erst als ich sie mit einer Limousine nach Hause fuhr, verstand sie, dass ich es gut meinte.

Morgenpost Online: Hätte Gorbatschow die Sowjetunion retten können?

Martschuk: Ich denke, nein. Er hat ja noch versucht, das Ganze in Richtung Konföderation zu lenken. Aber er hatte eben mächtige zentrifugale Prozesse in Gang gesetzt. Was die Ukraine betrifft: Sie sollte ihm aus Dankbarkeit ein Denkmal setzen.

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