Ägypten

Schreikämpfe am zweiten Tag des Mubarak-Prozesses

Erneut ist Mubarak im Krankenbett in den Gerichtssaal gerollt worden. Die Verteidiger des ehemaligen Präsidenten lieferten sich Schreikämpfe mit den Vertretern der Opfer.

Wie schon beim ersten Prozesstag konnte Suhaila auch beim zweiten ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie auf dem Bildschirm das Gesicht Husni Mubaraks sah.

Und wie schon am 3. August stand die Ägypterin auch wieder vor dem Gerichtsgebäude, in das nur 600 Menschen hineingelassen werden. Suhaila schaffte es auch dieses Mal nicht, in den Saal zu kommen. Ihr und einigen Hundert anderen blieb nur die Großleinwand auf dem Vorplatz, auf der die Bilder des staatlichen Fernsehens übertragen wurden.

Als das Krankenbett mit dem am 11. Februar gestürzten Präsidenten Ägyptens aus dem Hubschrauber gehoben wurde, verdeckte Mubaraks Sohn Alaa mit seiner Hand die Linse der Kamera, die diese Szene festhalten wollte. Erst im Gerichtssaal wurde der mit einem blauen Schlafanzug bekleidete Ex-Diktator sichtbar. Dort lag er in dem extra für ihn, seine beiden Söhne und den verhassten Innenminister Habib al-Adly nebst sechs seiner Beamten angefertigten 30 Meter langen Käfig.

Nachdem der Vorsitzende Richter Ahmed Refaat die Anwesenheit der drei Angeklagten festgestellt hatte, versuchte er das Geschrei im Gerichtssaal zu dämpfen. Etwa hundert Rechtsanwälte sind für die Verteidigung Mubaraks und seiner beiden Söhne angetreten. Sie lieferten sich Wortschlachten mit den nicht weniger zahlreichen Anwälten von Familien der Demonstranten, die während der Proteste Anfang Februar getötet wurden.

Wer gab den Befehl zum Einsatz?

Das Gericht soll herausfinden, wer die Befehle zum Einsatz der sogenannten Kamelreiter gab, die brutal auf die Menge am Tahrir-Platz losritten und teilweise wild um sich schossen. Dabei sollen mehr als 800 Demonstranten getötet worden sein.

Mubaraks Verteidigerteam hat beantragt, 1600 Zeugen zu vernehmen, darunter den neuen starken Mann Ägyptens, Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi, ein langjähriger Weggefährte des Hauptangeklagten. Ob der Vorsitzende des derzeit regierenden Militärrates tatsächlich vor Gericht erscheinen wird, werden wohl erst die nächsten Verhandlungstage zeigen. Nach nur zwei Stunden setzte der Richter den nächsten Termin auf den 5. September an.

Die Innenstadt von Kairo war auch während der Dauer des zweiten Verhandlungstages so ruhig wie sonst nur freitags, wenn alle frei haben, ausschlafen und zu den Freitagsgebeten in die Moschee gehen. Überall flimmerten die Fernseher. Doch am Rande des Prozesses kam es vor der Polizeiakademie zu chaotischen Szenen.

Trotz des massiven Aufgebots von über 3000 Sicherheitskräften gingen Gegner und Anhänger Mubaraks aufeinander los, Steine und Flaschen flogen. Einige Mubarak-Befürworter schrieen: „Husni Mubarak ist nicht Saddam Hussein“ und „Er ist Ägypter bis zu seinem Tod“. Seine Gegner riefen nach Gerechtigkeit und einer Verurteilung des ehemaligen Diktators, bis hin zur Forderung nach Tod durch den Strang.

Bei Suhaila kamen erste Zweifel auf, ob das Verfahren gegen den gestürzten Machthaber auch wirklich zu einem Neuanfang führen wird, wie viele es sich erhoffen. Klar ist, dass der Militärrat den Prozess als Beweis für seine Ernsthaftigkeit zur Erneuerung anführt.

Doch die 28-Jährige und die „jungen Revolutionäre“ vom Tahrir-Platz sehen darin auch eine Gefahr, dass die Menschen eine Verurteilung Mubaraks als Ende der Revolution ansehen würden. „Das darf nicht passieren!“, meint sie.

Als Suhaila 18 Jahre alt wurde, stand ihr Vater in einem dieser für Ägyptens Strafprozesse traditionellen Käfige, in die die Angeklagten kurz vor Verhandlungsbeginn geführt werden und so lange ausharren, bis der Richter die Verhandlung für beendet erklärt. Vater Mohammed war damals zusammen mit 95 anderen Ägyptern angeklagt, im Namen der Muslimbrüder Geld für die islamistischen Rebellen in Tschetschenien gesammelt und ein Komplott gegen die Regierung in Kairo geschmiedet zu haben.

Es war ein Massenprozess, wie er in der Ära Mubarak öfters vorkam und zumeist den Muslimbrüdern galt, die als Partei verboten waren. In der Polizeihaft sei ihr Vater gefoltert und zu einem Geständnis erpresst worden, sagt Suhaila.

Heute sind die Muslimbrüder die aussichtsreichste Kraft in Ägypten, auch wenn der Aufstand nicht von ihnen, sondern von der jungen Generation ausging. Nach einer Umfrage des amerikanischen Nachrichtenmagazins „Newsweek“ haben die Muslimbrüder aber gute Chancen, die Wahlen im November zu gewinnen. So kann die „Freiheit und Gerechtigkeit“-Partei“ mit bis zu 20 Prozent der Stimmen rechnen, mehr als jede andere der mittlerweile 15 registrierten Parteien.