Tea-Party-Ikone

Mit Bachmann rücken die Republikaner nach rechts

Im Rennen um einen möglichen US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner kristallisieren sich die Favoriten heraus. Bei der Testabstimmung am Wochenende hatte Tea-Party-Ikone Michele Bachmann die Nase vorn. Doch nicht alle Parteikollegen halten sie für geeignet.

"Hab ich dir doch gleich gesagt", schmachtet Randy Travis auf der Bühne im Wahlkampfzelt der Michele Bachmann, „I told you so“. Der Star der Country-Szene spielt gut eine Stunde auf bei der „straw poll“, der Testabstimmung über die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, in Ames in Iowa, und die Zuhörer sind begeistert.

Unter ihnen gibt es Männer im T-Shirt der National Rifle Association, der einflussreichen Waffenlobby, mit dem sinnigen Aufdruck „Familie, Freiheit & Schusswaffen“, und Frauen, deren Poloshirts für den Traktorenhersteller John Deere werben.

Und vor allem gibt es Shirts an diesem sonnigen Sommertag, die das Projekt Michele Bachmann feiern. Die konservative Kongressabgeordnete aus Minnesota will die Präsidentschaftskandidatin der Republikaner für den November 2012 werden. Ames ist eine wichtige und, wie sich an diesem Samstag zeigen soll, beflügelnde Zwischenetappe auf dem Weg in Richtung Weißes Haus.

Bachmann bringt das Publikum zum Toben

Bei der Straw Poll geht es für die Kandidaten darum, ihre eigenen Anhänger unter den gut drei Millionen Einwohnern Iowas zu mobilisieren und nach Möglichkeit die Anhänger anderer Bewerber zu sich herüberzuziehen.

Ein Parteitag für die Basis mit Volksfestcharakter. Und mit Barbecue, Kinderbelustigungen und Attraktionen wie Randy Travis. Nur seinetwegen drängten die Menschen ins Zelt von Bachmann, ist von neidischen Kampagnenmanagern anderer republikanischer Bewerber zu hören.

Doch dann kommt die Hausherrin ins Zelt, macht ein paar gekonnte bis gewagte Tanzbewegungen in Richtung des Sängers, strahlt und lacht – das Publikum tobt vor Begeisterung. Nein, ihretwegen sind sie da. Travis war gut, aber er war nur das Vorprogramm der Ikone der Tea-Party-Bewegung.

„Ich will die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden“, ruft Bachmann, eingerahmt vom Ehemann und zwei Töchtern, in die Menge. Und sie lässt die Menge zum wiederholten Mal skandieren: „Mr. Obama, Sie werden ein Eine-Amtszeit-Präsident sein!“

Probeabstimmung macht Bachmann zur Favoritin

Die Probeabstimmung in Ames ist so unverbindlich wie eine Umfrage. Aber sie gilt als wichtiger Stimmungsmesser für das Innenleben der Republikaner und ist darum eine feste Größe im Kalender der Partei. Bachmann hat bei der Abstimmung zwischen insgesamt zehn Anwärtern für das Weiße Haus am Ende die Nase vorn. Von den 16.802 abgegebenen Stimmen entfallen 4823 auf sie. Das sind 28,7 Prozent, „Oh, I told you so.“

Seit 1979 wird in Ames inmitten des landwirtschaftlich geprägten „Heartland“ der USA immer dann abgestimmt, wenn entweder die Demokraten den Präsidenten stellen oder der republikanische Amtsinhaber am Ende der zweiten Legislaturperiode nicht erneut antreten darf. Wer in Ames gewinnt, muss nicht nominiert werden. Aber wer von hier mit einer krachenden Niederlage heimfährt, hat keine großen Chancen mehr.

Die späteren Präsidentschaftskandidaten Robert Dole und George W. Bush wurden in der Straw Poll von Ames gekürt. Im allerersten Jahr siegte George H. W. Bush. Zwar musste er in den anschließenden Primaries, den bindenden Abstimmungen in den Gremien der Partei, Ronald Reagan den Vortritt lassen. Aber acht Jahre später, 1987, wurde Bush senior Präsident.

Ron Paul hängt Bachmann an den Fersen

Andere Aspiranten fürs oberste Amt haben in Ames ihre ehrgeizigen Träume begraben müssen. Alexander Haig, vormals Außenminister, wollte 1988 das Weiße Haus übernehmen. Doch er bekam bei der Straw Poll nur zwölf Stimmen, das waren 0,3 Prozent.

Der Milliardär Steve Forbes kam 1999 auf 20,8 Prozent, aber an Bush Junior (31,3 Prozent) reichte er damit nicht heran. Vor vier Jahren musste der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani einsehen, dass mit 1,3 Prozent kein Staat zu machen war.

Bachmann landet in Ames nur recht knapp vor Ron Paul. Der Arzt und Kongressabgeordnete aus Texas kam auf 4671 Stimmen. Bachmann wie Paul werden von der Tea Party unterstützt. Während Bachmann den sozialkonservativen und den religiösen Flügel der Partei anspricht, ist der libertarische Paul der Mann der Fiskalkonservativen. „Big government“ ist ihm so gründlich verhasst, dass er als Präsident alle amerikanischen Truppen umgehend heimholen würde, aus Afghanistan und dem Irak ebenso wie aus dem Nahen Osten, Asien oder Deutschland.

Perry glänzt mit Abwesenheit, überrundet aber Romney

Als weiteren Sieger von Iowa mag sich Rick Perry sehen, der Gouverneur von Texas. Perry kam mit 718 Stimmen zwar nur auf Rang sechs. Aber der evangelikale Politiker hatte erst am Tag der Straw Poll von Charleston in South Carolina aus seine offizielle Bewerbung erklärt. Er war in Ames nicht dabei, und sein Name stand nicht auf den vorgedruckten Stimmzetteln.

Wer Perry haben wollte, musste ihn als „Write in“-Kandidaten nachtragen. Perry überflügelte auf Anhieb Mitt Romney. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts gilt bislang als Favorit um die Nominierung für die Wahl im November 2012.

Romney, der vielen Parteifreunden wegen seiner eher liberalen Politik und einem mit Obamas bundesweiter Gesundheitsreform durchaus vergleichbaren Modell für Massachusetts suspekt ist, erreichte mit 567 Stimmen nur den siebten Platz.

Platz drei – Pawlenty zieht Kandidatur zurück

Tim Pawlenty, der Ex-Gouverneur von Minnesota, kam mit 2293 Stimmen auf Platz drei. Tatsächlich aber war das eine Niederlage. Pawlenty, der einst als republikanische Antwort auf Barack Obama galt, warb nämlich um die gleiche Klientel wie Bachmann.

Bei einer Kandidatendiskussion am Donnerstag im Fernsehsender Fox hatte Pawlenty Bachmann mehrfach scharf attackiert. Er wies sie auf Widersprüche in ihrem angeblich so konsistenten Kampf gegen höhere Steuern und Abgaben hin und hatte damit in der Sache recht. Doch die republikanische Basis mag es nicht, wenn Frauen angegriffen werden.

Am Tag nach seiner Niederlage in der Straw Poll erklärte Pawlenty, er ziehe seine Kandidatur zurück. Im Rennen bleibt hingegen bislang Rick Santorum, der ehemalige Senator aus Pennsylvania, der mit 1657 Stimmen Platz vier belegte.

Cain und Gingrich sind deutliche Verlierer

Zu den deutlichen Verlierern gehören der afroamerikanische Unternehmer Herman Cain, der mit 1456 Stimmen auf Platz fünf kam, und der einstige Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, der mit 385 Stimmen Platz acht belegte. Jon Huntsman, den Präsident Obama als Botschafter nach China entsandt hatte, wurde mit 69 Stimmen Neunter vor dem Kongressabgeordneten Thaddeus McCotter mit 35 Stimmen.

Für den von desaströsen Wirtschaftsdaten, der Abwertung der Kreditwürdigkeit der USA und miserablen Umfragewerten geplagten Obama ist Ames immerhin so etwas wie eine gute Nachricht. Bachmann hat zwar noch längst nicht das Rennen gemacht.

Aber je stärker sich die Republikaner in der Findungsphase ihres Kandidaten nach rechts lehnen, umso inakzeptabler werden sie für die wahlentscheidenden Stimmen der Mitte. Romney oder Huntsman, mit Abstrichen auch Paul, könnten in diesem Feld punkten. Bachmann sicher nicht.

Migräneanfälle könnten Bachmann ausbremsen

Die Mutter von fünf Kindern, die zudem 23 Pflegekinder betreut hat, ist aber auch in der eigenen Partei umstritten. Das Republikaner-nahe Online-Magazin „The Daily Caller“ hatte vor einigen Wochen enthüllt, dass Bachmann regelmäßig unter schweren Migräneanfällen leide, sich dann mitunter tagelang in ihr abgedunkeltes Schlafzimmer zurückziehen müsse und starke Medikamente nehme.

Daraus entbrannte die Debatte: Kann sich eine Supermacht eine Präsidentin leisten, die gesundheitlich in diesem Maße eingeschränkt ist?

Am Donnerstag war Bachmann nach einer Werbeunterbrechung mit Verspätung in die Fernsehdiskussion zurückgekehrt, und am Freitag ließ sie bei einem öffentlichen Auftritt in Ames ihre Anhänger über 30 Minuten warten, um dann kaum mehr als drei Minuten zu reden und wieder zu verschwinden. Das könnten Auswirkungen eines erneuten Migräneanfalls sein, streuten Strategen der Partei am Rande der Straw Poll.

Bachmann selbst lässt sich davon nicht beeindrucken, und ihre Fans zelebrieren eine Bachmannia-Welle. Gleich nach der Verkündung ihres Abstimmungssiegs am späten Samstagnachmittag lud die 55-Jährige wieder in ihr Zelt ein. Neues hatte sie nicht zu sagen. Aber erneut ließ Bachmann wissen: „Mr. Obama ist ein Eine-Amtszeit-Präsident.“