Krawalle in England

Warum Kinder aus gutem Hause plündern gehen

Nach den Krawallen in England stehen die Täter mit Namen und Foto in der Zeitung. Angeprangert werden aber nicht nur Bandenmitglieder aus verarmten Vororten. Zu sehen sind auch Kinder aus gutem Hause.

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Britische Polizei durchsucht Wohnungen auf der Suche nach mutmaßlichen Tätern während der Krawalle.

Video: Reuters
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In Großbritannien verurteilen Zivilgerichte rund um die Uhr die rund 1500 bisher arretierten Teilnehmer der Gewaltausbrüche der vergangenen Tage. Solche Gerichte dürfen Strafen bis zu sechs Monaten Gefängnis verhängen. Schon jetzt schält sich heraus, dass die Täter keineswegs nur aus unteren Sozialschichten und anderen Gettos der Benachteiligung stammen. Auch Angehörige bürgerlicher Familien, teilweise gut situiert, finden sich unter den Angeklagten. Das macht Kommentatoren stutzig, die bei der Suche nach Gründen für die Gewaltausbrüche bisher den Hauptakzent auf verarmte Gruppen am Rande der Gesellschaft legten, wo die Konsumgesellschaft bestenfalls als Abglanz einer nie erfüllten Hoffnung herein scheint und dunkle Gelüste auf rasche Bereicherung weckt.

Die Fragen „Wer sind wir ? Und was für eine Gesellschaft haben wir überhaupt geschaffen?“ dominieren daher zunehmend die öffentliche Debatte. Zentral in dieser Auseinandersetzung ist ein Beitrag des Kolumnisten Peter Oborne im „Daily Telegraph“, in dem der Autor unter anderem schreibt: „Die Kriminalität auf unseren Straßen kann nicht getrennt behandelt werden von der moralischen Desintegration auch in den höchsten Rängen der modernen britischen Gesellschaft, ob Banken oder Politik. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben wir einen erschreckenden Verfall der Normen unter Englands regierender Elite erlebt. Es wurde akzeptabel unter unsern Politikern, zu lügen und zu betrügen. [Eine Anspielung auf den Spesenskandal im Unterhaus vor zwei Jahren. Anm. d. Red.] Eine fast universale Kultur aus Selbstsucht und Gier hat sich bei uns breit gemacht.“

Olympia-Boschafterin wirft Steine

Bruchstücke davon werden erkennbar, wenn man einzelne Fälle der jüngst Verklagten näher in Augenschein nimmt. Da ist die 18-jährige Leichtathletin Chelsea Ives, die mit gezielten Steinwürfen gegen ein Polizeifahrzeug vorgegangen war und sich anschließend führend an einem Angriff auf eine Vodafone-Filiale beteiligte. Sie ist unlängst als „Botschafterin für Olympia“ ausgezeichnet worden, traf in dieser Rolle auch mit Bürgermeister Boris Johnson und dem Mann hinter den Olympischen Spielen in London, Lord Coe, zusammen und kam in den Genuss einer privilegierten Führung durchs Unterhaus.

Die Eltern entdeckten im Fernsehen das Bild ihrer Tochter bei den Aufständen zu Anfang der Woche. „Wie kann man da sitzen und zusehen und sich denken, das sei OK?“ jammerte die Mutter, Adrienne Ives, zur eigenen Rechtfertigung – sie hatte in Absprache mit ihrem Mann die Tochter bei der Polizei angezeigt. „Als verantwortliche Eltern konnten wir nicht zulassen, dass sie straflos damit durchkommt. Sie wird mich dafür verfluchen.“

Auch der Fall der Londoner Studentin Laura Johnson, die an der Universität Exeter für Englisch und Italienisch eingeschrieben ist, gehört in dieses Profil einer durchbrechenden Amoralität. Die Polizei stoppte ihr Auto und entdeckte gestohlene Elektrogegenstände im Werte von mehreren tausend Pfund. Das Mädchen aus begütertem Haus – der Vater ist Unternehmensdirektor – sieht jetzt dem Ende seiner Universitätspläne entgegen.

Die Fälle stützen die These Osbornes. Teilweise können sich die Täter selber kaum erklären, warum sie der Verlockung zur Illegalität schier besinnungslos nachgegeben haben. Typisch dafür ist die 24-jährige farbige Natasha Reid aus dem komfortablen Londoner Wohnbezirk Edmonton. Vor einem Monat noch besuchten die stolzen Eltern die Graduierungszeremonie ihrer Tochter, die an der Middlesex University nach drei Jahren Studium das Examen als Sozialarbeiterin bestanden hatte. Und doch beteiligte sich Natasha, die einen Volkswagen Polo fährt, an den Einbrücken dieser Woche, als ein geplünderter Elektronik- und Fernsehladen winkte und sie sich mit einem Plasma-TV-Schirm aus dem Staube machen konnte.

Ihre Mutter erklärte jetzt der „Times“, sie sei völlig konsterniert über den kriminellen Ausbruch bei der Tochter: „Sie braucht gar keinen weiteren Fernseher, es hängt bereits ein 27-inch-Schirm in ihrem Schlafzimmer in unserem Haus.“ Einem engen Familienfreund beichtete das Mädchen unter Tränen: „Ich verstehe das Ganze selber nicht, ich verstehe es nicht. Warum habe ich es überhaupt getan?“ Geplagt von Gewissensbissen, die sie nicht mehr schlafen ließen, stellte sich die junge Frau der Polizei. Auch über ihrer beruflichen Zukunft, angesichts einer kommenden Eintragung in das britische Strafregister, hängt jetzt ein großes Fragezeichen.

Solchen Beispielen nachträglicher Gewissenserforschung stehen die überwiegenden Fälle von Jugendlichen gegenüber, darunter auch jungen Müttern, die sich ihrer Taten unverfroren auch jetzt noch rühmen. Während die Kamera eines BBC-Fernsehteams auf die nagelneuen Turnschuhe zweier farbiger Teenager hielt, strahlten die beiden im Interview unbesorgt darüber, dass sie sich einem Zugriff der Polizei ausliefern könnten: „Es war der geilste Protest unseres Lebens. Man muss mehr davon haben.“ Die Fernsehkollegen von SkyNews fragten einen Jugendlichen, ob er jetzt schuldbewusst in der Nacht aufwache. „Nein, ich bin viel zu beschäftigt mit Fernsehen an meinem neuen Plasma-Schirm. Es fühlt sich an, als ob Weihnachten diesmal früh gekommen ist.“

Die Ausschreitungen dieser Woche haben jetzt ein weiteres Todesopfer gefordert: Der 68-jährige Rentner Richard Mannington Bowes, der in der Nacht zum Dienstag im West-Londoner Stadtteil Ealing Brandstiftern in den Weg getreten war, starb an den Folgen von Schlägen, die ihn zu Boden rissen. Er hatte im Koma gelegen. Die Polizei hat inzwischen einen 22-jährigen Tatverdächtigen festgenommen.

Der 20-jährige malaysische Student Ashraf Haziq will derweil sein Studium in England fortsetzen: Dem jungen Mann, offenbar verletzt am Boden sitzend, hatte eine Gruppe Jugendlicher während einer Krawallnacht auf die Beine geholfen, nur um danach seinen Rucksack in aller Ruhe zu plündern. Diese Bildsequenz ist inzwischen ein weltweiter YouTube-Hit geworden und trägt mit zu dem Ansehensverlust bei, den die britische Insel derzeit global erlebt.