Arabische Welt

Syrische Scharfschützen auf den Minaretten

Das Assad-Regime will offenbar keine Zeugen der Eskalation und schaltet die Kommunikationsnetze ab. In den wenigen Berichten ist von nächtlichen Erschießungen die Rede.

Der Nachrichtenfluss aus Hama ist abgerissen. "Die Armee ist nun nahe dem Zentrum angelangt", sagte Omar Habbal, ein Anwohner von Hama am Dienstagnachmittag. "Wir sehen, dass sich immer mehr Panzer, Mannschaftstransportwagen, Laster und Busse voller Milizionäre auf Hama zubewegen. Sie kommen immer näher."

Die Stimme des Oppositionellen zählte zu den letzten, die noch aus der Stadt im Westen Syriens herausgedrungen sind. Seither herrscht Schweigen. Am Mittwoch wurden alle Internet-, Telefon- und Mobilfunknetze abgeschaltet. Berichten zufolge treibt die Armee unter dem Schutz dieses Black-outs einen neuen Angriff auf die Stadt voran, der an Brutalität alles in den Schatten stellen könnte, was bisher in Syrien geschehen ist.

Am frühen Mittwochmorgen drang das Militär Berichten zufolge ins Zentrum von Hama vor. Mehrere Viertel wurden offenbar über Stunden hinweg mit Maschinengewehren und schwerer Artillerie beschossen; einige Häuser sollen eingestürzt sein. Im Laufe des dritten Tages ihrer Offensive gelang es der Armee, den zentralen Orontes-Platz zu besetzen. Dort strömten Anwohnern zufolge in den vergangenen Wochen immer wieder Hunderttausende von Menschen zusammen, um den Sturz des autoritären Regimes um Präsident Baschar al-Assad zu fordern.

Syriens viertgrößte Stadt hatte sich zum Herzen der Protestbewegung entwickelt. Anfang Juli hatten sich Armee und Geheimdienste vollständig aus Hama zurückgezogen; in der Folge kam es dort zu den größten Demonstrationen seit Ausbruch des Konflikts vor knapp fünf Monaten. Die Bevölkerung stellte sich der Armee nach Kräften entgegen; Anwohner hatten Straßensperren aus Zementblocks, Stahlgeländern und Mülltonnen errichtet, um den Vormarsch der Truppen aufzuhalten.

Schwarze Rauchwolken über Wohnvierteln

Doch die Blockaden hielten den Panzern nicht lange stand. Auf Videos im Internet ist zu sehen, wie schwarze Rauchwolken aus Wohnvierteln aufsteigen. "Baschar al-Assad hat jeden Sinn für Menschlichkeit verloren", sagt Radwan Ziadeh, ein syrischer Menschenrechtsaktivist in Washington. "Die Bewohner von Hama reden mittlerweile von einer humanitären Krise. Strom und Wasser sind abgestellt worden, also funktionieren die Kühlschränke nicht mehr. Die Nahrung wird knapp. Und die Leute beerdigen ihre Toten in ihren eigenen Gärten, weil die Friedhöfe nicht zu erreichen sind."

Von Sonntag bis Dienstag sind Berichten zufolge mehr als 100 Menschen in Hama gestorben. Wie viele seit Mittwoch hinzugekommen sind, ist unklar. Unterschiedliche Quellen sprechen von 45 bis 150 Toten. Die Zahl könnte aber auch erheblich höher liegen. Seit Monaten verhindert das Regime eine unabhängige Berichterstattung. Nun verschärft sich die Schwierigkeit, überhaupt an Informationen zu kommen. "Es ist sehr hässlich, was gerade geschieht", sagt der syrische Menschenrechtler Wissam Tarif.

"Wir hören von Leichenbergen auf der Straße. In mehreren Vierteln soll es zu Exekutionen gekommen sein: Sicherheitskräfte durchkämmen die Siedlungen, treiben die Männer zusammen und erschießen sie auf offener Straße." Es ist derzeit unmöglich, die Berichte zu prüfen. Der Aktivist selbst hat nur noch Kontakt zu einer einzigen Quelle in Hama, einem Arzt, der ein Satellitentelefon hat. Doch sowohl Ziadeh als auch Tarif haben in den vergangenen Monaten durchweg verlässliche Informationen aus Syrien geliefert.

Unterdessen gaben die Staatsmedien bekannt, dass Präsident Assad per Dekret die Gründung politischer Parteien zugelassen habe. Syrien wird seit 1963 von der Baath-Partei regiert; eine Öffnung hin zu einem Mehrparteiensystem zählt zu den zentralen Forderungen der Demonstranten. Aktivisten weisen die Ankündigung jedoch zurück.

Assad verfolgt Doppelstrategie

Seit Beginn des Konflikts verfolgt Assad eine Doppelstrategie: militärische Gewalt auf der einen Seite, halbherzige Reformen auf der anderen . "Diese Zusage ist völliger Nonsens", sagt der Menschenrechtler Ziadeh. "Solche Reformen sind absolut unglaubwürdig, solange nach wie vor Menschen auf der Straße erschossen werden."

Nach übereinstimmender Aussage mehrerer Aktivisten hat die Armee sogar Moscheen angegriffen: Sie sollen den Zugang zu den Gebetsräumen versperrt und die Lautsprecher beschossen haben, um den Ruf des Muezzins zu unterbinden. Anschließend bezogen Scharfschützen auf den Minaretten Stellung. "Auch auf Krankenhäusern wurden Soldaten positioniert. Sie schießen auf alles, was sich auf den Straßen bewegt", sagt Ziadeh.

Ärzten gehen Medikamente und Blutreserven aus

"Die Leute wissen nicht, wohin sie die Verwundeten bringen sollen." Oftmals können die Rettungswagen nicht zu den Verletzten vordringen; außerdem gehen den Ärzten Medikamente und Blutreserven aus. Seit dem Beginn des Ramadan am Montag hatten sich die Menschen jede Nacht in den Moscheen versammelt, um anschließend gemeinsam zu demonstrieren.

In Hama kamen die Menschen sogar noch während der Belagerung zu Kundgebungen zusammen – bis Dienstag. Aktivisten hatten vorausgesagt, dass sich die Proteste während des Fastenmonats deutlich ausweiten würden. Nun zeigt das Regime, dass es das Land um jeden Preis wieder unter seine Kontrolle bringen will.