Opposition

Syriens Protestbewegung hoff auf den Ramadan

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Gabriela M. Keller

Foto: AFP

Der Fastenmonat, so hoffen Syriens ERegimegegner, wird ihnen helfen - denn: "Im Ramadan ist jeder Tag Freitag." Täglich versammelt man sich zum Gebet - und dabei, glaubt die Protestbewegung, lässt sich der Widerstand mobilisieren.

Mit dem Beginn des Ramadan könnten die Proteste in Syrien eine entscheidende Wende nehmen: Aktivisten gehen davon aus, dass die Demonstrationen während des Fastenmonats alles übertreffen werden, was das Land bislang erlebt hat. Bereits im Vorfeld zeigt das Regime um Präsident Baschar al-Assad deutliche Anzeichen der Nervosität. Armee und Geheimdienste versuchen derzeit mit aller Gewalt, den Widerstand zu ersticken.

Gleichzeitig wird die Lage immer unübersichtlicher. Am Freitag zerfetzte eine Bombe Ölleitungen im Westen Syriens. Es ist bereits das zweite Mal, dass Unbekannte in dieser Region eine Pipeline sprengen. Und es gibt zunehmend Hinweise, dass Teile der bislang überwiegend friedlichen Protestbewegung zu den Waffen greifen. Zudem häufen sich Berichte von desertierten Soldaten.

Dutzende Rekruten wechselten die Seiten

In Deir Azzour nahe der irakischen Grenze brachen in der Nacht zu Freitag Gefechte aus, als Dutzende Rekruten während einer militärischen Offensive die Seiten wechselten, berichtet der syrische Menschenrechtler Wissam Tarif: „Es ist noch unklar, was genau passiert ist. Fest steht, dass regimetreue und desertierte Truppen gegeneinander gekämpft haben.“ Auch auf Zivilisten sei geschossen worden, vier Menschen starben.

In Zabadani nahe Damaskus verweigerten vier Soldaten Anwohnern zufolge den Befehl. „Sie haben den Demonstranten ihre Waffen gegeben und sind weggelaufen. Es ist schon das dritte Mal, dass das in Zabadani passiert“, sagt Samir, ein junger Aktivist. „Jetzt sucht die Armee überall nach ihnen. Sie durchkämmen die Stadt, schießen in die Luft, am Himmel kreisen Hubschrauber.“

Zwar desertieren derzeit überwiegend Wehrpflichtige und einfache Rekruten. Dennoch kann es für das Regime eng werden, wenn deren Zahl steigt: Während die Proteste von Woche zu Woche weiter um sich greifen, gerät die Armee zunehmend ans Ende ihrer Kapazitäten.

Zehntausende demonstrieren gegen das Regime

Auch am Freitag gingen erneut Zehntausende gegen das Regime auf die Straße. In mehreren Städten schoss das Militär mit scharfer Munition und Tränengas in die Menge. Mindestens zwei Demonstranten kamen ums Leben. In dieser Woche standen die Proteste unter dem Motto „Euer Schweigen tötet uns“, gerichtet an die bisher passive Mehrheit des Volks, sich anzuschließen.

Nach wie vor hat die Opposition keine kritische Masse erreicht: Zwar hat der Aufstand weite Teile des Landes erfasst. Die Zentren der Metropolen Damaskus und Aleppo aber bleiben ruhig.

Die Aktivisten hoffen, dass sich dies am Montag ändert. „Wir alle warten auf den Ramadan“, sagt Adel, ein Demonstrant aus einem Damaszener Vorort. „Denn im Ramadan ist jeder Tag Freitag.“ Traditionell sammeln sich Muslime allnächtlich zum Tarawieh, einem speziellen Gebet, das es nur während des Fastenmonats gibt. Damit bietet sich den Regimegegnern jede Nacht die Möglichkeit, Massen von Menschen zu mobilisieren.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Regime auf diese Herausforderung vorbereitet ist. „Sie werden alles versuchen, um die Demonstrationen während des Ramadan zu stoppen“, sagt Walid al-Bunni, ein prominenter Oppositioneller in Damaskus. „Seit vier Monaten töten sie Menschen.

Es bringt zwar nichts, aber sie töten immer weiter. Ich denke, dass sie es langsam wirklich mit der Angst zu tun kriegen.“ Die Proteste haben bislang mehr als 1400 Todesopfer gefordert.

Mörderische Pattsituation in Syrien

Der Aufstand steckt damit in einer mörderischen Pattsituation fest: Zwar gelingt es den Sicherheitskräften nicht, die Proteste niederzuschlagen. Doch erst wenn sich auch die städtischen Mittelschichten in Aleppo und Damaskus auflehnen, würde es für das Regime wirklich bedrohlich.

Daher kommt der Ramadan für die Opposition zur rechten Zeit. Nach Überzeugung gläubiger Muslime hat ein Märtyrertod dann mehr Gewicht als sonst. Damit steigt allerdings auch die Gefahr, dass sich extremistische Kräfte in den Konflikt mischen.

Aiman al-Sawahiri, der Chef des Terrornetzwerks al-Qaida, hat die Demonstranten in Syrien gerade als „Glaubenskämpfer“ gelobt . Es ist ein Zuspruch, der der Opposition schwer schaden kann. Ohnehin wächst nach einer Reihe von Zusammenstößen zwischen Alawiten und Sunniten in der Stadt Homs die Angst, dass die Proteste in einen bewaffneten Kampf zwischen den Religionen umschlagen könnten.

Nach Einschätzung von Aktivisten trägt das Regime aktiv dazu bei, religiös motivierte Gewalt zu schüren. Damit steht der Konflikt in Syrien an einem heiklen Punkt. Wohin das Land steuert, wird sich womöglich schon während des Ramadan zeigen.